Gedankenstrich-Kolumne
Walter Hugentobler: Die Auswirkung von Corona auf die Meinungsbildung ist katastrophal!

Ohne öffentliche Diskussionen, Stammtischgespräche und sozialen Austausch bewegen wir uns in unserer gedanklichen Inzucht. Das ist gefährlich.

Walter Hugentobler
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Walter Hugentobler, Tagblatt-Kolumnist.

Walter Hugentobler, Tagblatt-Kolumnist.

Bild: Arthur Gamsa

Haben Sie eine Meinung, so richtig eine eigene Meinung? Ja? Dann gratuliere ich Ihnen herzlich.

Und, wie gehen Sie mit Ihrer Meinung um? Sind Sie grosszügig, dürfen andere auch Ihre Meinung haben, oder gehört sie nur Ihnen? Ja? Andere dürfen Ihre Meinung auch haben, sie gehört also nicht Ihnen alleine, Sie besitzen sie nicht, Sie haben sie nur.
Sie sind sogar froh, wenn andere auch Ihre Meinung haben, das bestärkt Sie darin, dass Sie die richtige haben. Je mehr Leute die gleiche Meinung haben, desto überzeugter sind Sie, dass es die richtige ist? Mark Twain warnt vor diesem Trugschluss: «Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, dann ist es Zeit, sich zu besinnen.»

Es gibt Menschen, die immer zu allem sofort eine Meinung haben. Die sind mir etwas suspekt. Sie scheinen einen starken inneren Kompass zu haben. So eine Art ideologische Landkarte, in der jeder Sachverhalt, jedes neu auftretende Phänomen sofort verortet und klassifiziert werden kann. Habe ich gesagt, die sind mit etwas suspekt? Vielleicht bewundere ich sie auch. Vielleicht ist es ja auch eine unglaubliche Stärke, sofort zwischen richtig und falsch, gut und böse, sinnvoll und sinnlos, gescheit oder dumm unterscheiden zu können.

Ich jedenfalls benötige etwas Zeit, um zu einer gefestigten Meinung zu gelangen. Natürlich habe ich Grundhaltungen und Grundwerte, aber dann brauche ich Fakten, Argumente. Ich brauche Wahrheiten, um mein Nichtwissen nicht einfach durch Unwissen zu ersetzen. Ich brauche Informationen, dann bilde ich mir meine Meinung gerne selber. Das ist in der heutigen Zeit schwierig, wem kann ich trauen, welche Information stimmt.

Die Verlockung, nur die Informationen wahrzunehmen, die auch der eigenen Idee entsprechen, ist gross, viele erliegen ihr und wenn sie sich dann eine Meinung gebildet haben, halten sie an dieser fest und wollen nicht durch neue Tatsachen verwirrt werden. So entsteht durch Unwissen und Ahnungslosigkeit eine dezidierte Meinung, von der man dann nicht mehr abweichen will.

Kennen Sie die Situation in Diskussionen, wenn jemand sagt: «Das ist jetzt meine Meinung!» Das macht mich jedes Mal etwas stutzig. Ja, ich gehe davon aus, dass in einer Diskussion jeder seine Meinung sagt. Ausser vielleicht, wenn man provozieren will und bewusst eine extreme oder abstruse Meinung vertritt. In der Regel gehe ich aber davon aus, dass die einzelnen Gesprächsteilnehmer ihre eigene Meinung vertreten. Warum muss das dann noch betont werden: «Das ist jetzt meine Meinung!» Das tönt schon beinahe etwas entschuldigend, so im Sinne von: «Ich weiss Du denkst anders, aber es ist halt doch meine Meinung.»

Vielleicht ist der Redner auch noch unsicher, seiner eigenen Meinung gegenüber und muss sich selber nochmals klar sagen, dass er soeben seine eigene Meinung geäussert hat. Ich weiss es nicht, mich macht der Satz jedenfalls stutzig.

Bis hierher bin ich dem allgegenwärtigen C-Thema erfolgreich ausgewichen. Jetzt kommt es. Neben allen gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Coronapandemie sind auch die Auswirkungen auf die Meinungsbildung katastrophal! Es kann keine öffentliche Diskussion stattfinden, keine Stammtischgespräche, kein Austausch ausserhalb der engsten Beziehungen.

Sich nicht in der direkten Begegnung informieren zu können, nicht spontan rückfragen zu können, der Wahrheit nicht nachforschen zu können, all das ist gefährlich. Austauschforen und Leserbriefe können den direkten Dialog und Diskurs nicht ersetzen. Wir bewegen uns in unserer gedanklichen Inzucht, der Genpool unserer Ideen verkümmert, wir lassen uns unsere eingeschränkte Sichtweise durch den Konsum gleichlautender Informationen versüssen und machen es uns mit unserer dezidierten Meinung bequem.

Auch darum freue ich mich auf das Danach – das ist jetzt meine Meinung.

Walter Hugentobler ist Thurgauer SP-Urgestein und Direktor des Klosters Fischingen. Er schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit Toni Brunner, Ulrike Landfester und Samantha Wanjiru.

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