Gedankenstrich-Kolumne
Ulrike Landfester: Die «stolze, russische Musik» fällt dem Krieg zum Opfer

Anstatt die Musik Tschaikowskys an den St.Galler Festspielen wegen der Nationalität ihres Komponisten zur Märtyrerin zu machen, hätte man doch lieber einfach eine Liebesgeschichte auf die Bühne gebracht, findet unsere Kolumnistin.

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Ulrike Landfester, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Ulrike Landfester, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Bild: Arthur Gamsa

Manchmal ist die Ostschweiz eben doch etwas schneller als ihr gemeinhin nachgesagt wird: Der Mai war noch nicht ganz gekommen, da schlugen die St.Galler Festspiele schon aus. Heraus kam eine Blüte, die der momentan ohnehin hyperaktiven Pollensaison zweifellos noch einen besonderen Reiz verliehen hat.

Mitten im öffentlichen Raum, in dem Wolken von Blütenstaub derzeit mit beeindruckender Effizienz allerorts für tränende Augen und explosionsartige Niesanfälle sorgen, schnappt nun auch noch der Staub eines Entscheids nach unserer Luft, mit dem, wie diese Zeitung berichtete, das Gehör der Bevölkerung vor dem «russischen Element» in Tschaikowskys Oper «Die Jungfrau von Orléans» geschützt und stattdessen mit der Italianità von Verdis «Giovanna d`Arco» die Schweizer Neutralität gewahrt wird.

Nichts gegen Verdi, und noch viel weniger gegen die Solidarität mit den Flüchtlingen aus der Ukraine, die in diesen Entscheid eingeflossen ist. Aber der eine oder andere doppelte Salto in gedachter Auslegungsakrobatik gibt denn doch zu denken.

Zum Beispiel: Kann das wirklich ein Argument für die Privilegierung einer Interpretation der Geschichte von Jeanne d`Arc über eine andere sein, dass die eine – Verdis – in ihrer Konzentration auf die privat-emotionale Dimension dieser Geschichte die Brutalität des Kriegsgeschehens romantisierend abmildert, während Tschaikowskys Interpretation mit ihrem Fokus auf Kampfhandlungen und der Darstellung der – von Verdi umgangenen – Hinrichtung Johannas auf dem Scheiterhaufen die Brutalität dieses Geschehens ausstellt?

Krieg ist Krieg, auch in Verdis Oper, egal, wie sehr er darin zur konsumentenfreundlichen ästhetischen Praliné versüsst wird. Ein mehr als hundert Jahre lang andauernder Krieg zwischen England und Frankreich um Rechte und Status der englischen Besitztümer in Frankreich, der in einen Kampf um die französische Thronfolge ausartete und 1453 mit der ersten Feldschlacht der Geschichte, in der Schiesspulver eingesetzt wurde, zu Gunsten Frankreichs entschieden wurde.

Sicher ist es einfacher, diesen Hintergrund und seine furchteinflössenden Parallelen zum derzeitigen Krieg in Europa auszublenden, wenn statt der «stolzen, russischen Musik» Tschaikowskys an «La Traviata» erinnernde Leitmotive durch den St.Galler Klosterbezirk wehen. Gleichwohl bleibt die Geschichte der Johanna von Orleans auch in Verdis Fassung diejenige eines jungen Mädchens, das durch einen Krieg zur Märtyrerin gemacht wird, und damit eine Geschichte von beklemmender Aktualität.

Vor dem toxischen Staub, der von dieser Aktualität aus in unser Leben explodiert ist, uns die Luft nimmt und immer wieder unwiderstehlich zu Tränen reizt, schützt uns der Entscheid der Festspielleitung nicht.

Wohlverstanden, es ist durchaus legitim, sich diesem Staub zeitweise entziehen zu wollen, und der Besuch einer Oper ist dazu bestens geeignet; Berthold Auerbach hat einmal sehr treffend gesagt: «Musik wäscht den Staub des Alltags von der Seele», und in einem Alltag, in dem ein Krieg seine giftigen Blüten treibt, brauchen unsere Seelen ganz sicher viel Musik, um ihr Leiden an deren Pollenausstoss zu lindern.

Statt aber der polemischen Funktionalisierung von Kunst durch den Dirigenten eines Angriffskriegs Munition zu liefern und anhand der Geschichte Jeanne d`Arcs die Musik Tschaikowskys wegen der Nationalität ihres Komponisten zur Märtyrerin zu machen, wäre es vielleicht konsequenter gewesen, einfach nur eine Liebesgeschichte auf die Bühne zu bringen. Ganz ohne Krieg.

Ulrike Landfester ist Professorin für Deutsche Sprache und Literatur an der HSG. Sie schreibt diese Kolumne im Turnus mit Toni Brunner, Samantha Wanjiru und Walter Hugentobler.

2 Kommentare
Cee Gesange

Some historical comments. Neither of these two operas are remotely historical, so both of them should have been rejected. Also, this article says the final battle of the Hundred Years War (Formigny) was the "first field battle in history in which gunpowder was used", but in fact cannons had been used in field battles since the mid-14th century. 

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