Gedankenstrich-Kolumne
Toni Brunner: «Ich will mich nicht impfen lassen – aber ich lasse mich impfen»

Auch wenn er es ungern tut: Unser Kolumnist Toni Brunner will sich aus Pragmatismus jetzt gegen das Coronavirus impfen lassen. Von einer Impfpflicht und der 2G-Regel hält Brunner wenig.

Toni Brunner
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Tagblatt-Kolumnist Toni Brunner.

Tagblatt-Kolumnist Toni Brunner.

Bild: Michel Canonica

Es pressiert nicht, aber es geht nicht anders. Ich mache das aus freien Stücken und nicht, weil es mir befohlen wird. Es ist Pragmatismus und ich gebe zu, ich mache es ungern. Aber das Leben zwingt einem zu Entscheidungen. Das Leben ist ein Kampf, zuweilen ein Krampf. Du kannst gewinnen und du kannst verlieren. Das gilt auch für eine Gemeinschaft wie die Willensnation Schweiz.

Ich spüre förmlich, was diese Pandemiezeit für eine Sprengkraft hat. Die Eidgenossenschaft steht auf dem Prüfstand. Die Pandemiezeit zieht sich viel länger dahin, als ich es mir insgeheim erhofft habe. Und sie verursacht finanzielle und wirtschaftliche Kollateral­schäden.

Psychologe, Seelenstreichler und Sorgenbarometer

In Momenten grösster Anspannung braucht es aber doch eine gewisse Gelassenheit. Ich bin in der Impffrage ziemlich entspannt. Ich verkehre mit Geimpften, Ungeimpften, Genesenen und Getesteten. Ich spüre aber allgemein schon eine ziemliche Anspannung. Da die Vorauseilenden, die Gläubigen, die Ängstlichen und die Realos. Dort die Zurückhaltenden, die Ungläubigen, die weniger Ängstlichen und die Fundis. Das gefällt mir nicht!

Ich kenne sie alle. Denn ich bin jeden Tag an der Front, am Puls der Schweizerinnen und Schweizer. Führen Sie mal ein kleines einfaches Restaurant in den Bergen und ich sage Ihnen, wer Sie sind. Mir müssen Sie nichts mehr vormachen. Ich bin unterdessen Psychologe, Seelenstreichler und Sorgenbarometer mindestens so wie jene, die damit ihr Geld verdienen (nur hat der Staat die Dienste der Gastronomie an der Allgemeinheit noch nicht erkannt). Ich glaube unterdessen, dass wir kassenpflichtig wären. Also auf eine Liste gehörten. Aber ich habe gerade keine Lust auf neue Listen. Nur so viel: Wir sind die wahren Pfleger der Nation. Und dies ganz ohne Volksinitiative.

Mittlerweile dürfen wir nur noch die einen ins Restaurant lassen. Die anderen müssen draussen bleiben. In der Kälte wie Hunde. Drinnen schimpfen sie über die draussen. Draussen schimpfen sie über die drinnen. Ich weiss unterdessen, wie die Welt läuft. Nicht gut. Denn da höre ich im Alltag folgendes: «Wer nicht geimpft ist, ist ein Egoist und Ewiggestriger!» Und dort höre ich: «Was wollen die geimpften, frei herumlaufenden Labormäuse, die eine unfruchtbare Zukunft hinterlassen?» Nicht schön. Ich weiss. Aber was ich auch weiss: Es ist unwürdig und irgendwie auch unschweizerisch, was aktuell in unserem Land abläuft.

Ein Impfzwang wie bei Viechern

Seit fast zwei Jahren werden die Leute in ihrem täglichen Leben eingeschränkt und für meinen Geschmack auch zu viel bevormundet. Selbst während des letzten Krieges war es unvorstellbar, Betriebe, Läden und Gaststätten zu schliessen. Das haben wir in den letzten zwölf Monaten aber alles erlebt.

Ich bin etwas ratlos – und ehrlich – auch noch nie so froh gewesen, nicht mehr in Bern im Bundeshaus sein zu müssen. Ich wäre verzweifelt, weil ziemlich isoliert. Diskriminierung ist nicht lustig, aber sie ist aktuell real. Persönlich glaube ich sogar, man möge es mir verzeihen, es hätte andere Wege gegeben. Durchimpfen ist der gewählte Weg. Nicht zu impfen, wäre natürlich der brutalere Weg gewesen. Mehr Tote, aber vielleicht auch nicht ein endloses Trauerspiel, das nie mehr Enden will. Im Zeitalter der horrend steigenden Lebenserwartung wird halt heute einfach erwartet, dass niemand mehr sterben darf. Punkt.

Mein Tipp: Hört auf mit Impfwochen – also Kulturförderwochen und peinlichen Überzeugungsübungen – hört auf, Leute zu etwas zu zwingen, und seid besonnen. Ignoriert die wohlplatzierten Angstartikel im Schweizer Boulevard. Die Angstmache ist reine Hetze und nicht zielführend. Sie irritiert und nützt der Sache nichts.

Vergesst in der Schweiz die Impfpflicht – es wäre ja ein Impfzwang, wie bei Viechern – und hört auf mit der im Ausland beliebten 2G-Regel. Vergesst das dritte G nicht. Wer sich in der Schweiz – aus welchen Gründen auch immer – nicht impfen lässt, der darf nicht wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt und zu etwas gezwungen werden. Das wäre nicht die Schweiz. Besser wäre es, Mitbürgerinnen und Mitbürger ernst zu nehmen, sie überlegen zu lassen, sie gewähren zu lassen und sie frei entscheiden zu lassen. Und darum tue ich, was ich tue, auch wenn ich es nicht gern tue.

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