GEDANKENSTRICH-KOLUMNE
Toni Brunner: Alterspräsident? Da bekam ich Panik

Unser Kolumnist Toni Brunner erzählt, wie er damals abschloss mit der Bundespolitik - um ein ganz normales Leben zu beginnen.

Toni Brunner
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Toni Brunner, «Tagblatt»-Kolumnist.

Toni Brunner, «Tagblatt»-Kolumnist.

Bild: Michel Canonica

Ich werde immer wieder gefragt, «Toni, was machst du eigentlich aktuell, seit du nicht mehr im Bundeshaus im Nationalrat politisierst?» Ja, die Zeit, sie vergeht. Und ja, ich war früher mal in Bundesbern. Und ja, es ist gefühlt schon eine halbe Ewigkeit her.

Es begab sich im November 2018. Ich wurde im Bundeshaus darauf angesprochen, dass es sehr wahrscheinlich sei, dass ich bei einer erneuten Wiederwahl im Jahre 2019 als Alterspräsident (das ist der am längsten amtierende Nationalrat) die neue Legislatur eröffnen müsse. Ich Naivling, ich hatte gar nicht mitgekriegt, dass ich bald länger in der grossen Kammer war als die anderen 199 Ratsmitglieder.

Alterspräsident? Amtsältester? Legislatur eröffnen? Herrgott, ich war erst 44 Jahre alt und merkte gar nicht, wie die letzten 23 Jahre im Bundeshaus wie im Flug an mir vorbeigezogen waren. Da bekam ich Panik. Ich ging nach Hause und verfasste mein Rücktrittsschreiben. Mir war klar, jetzt ist es genug. Du, Toni, hast dein Leben noch vor dir, schau vorwärts und nicht hinter dich. So habe ich beschlossen, einen neuen Lebensabschnitt gänzlich ohne Politik kennen zu lernen. Also ein ganz normales Leben.

Und ja, ich gebe zu, seit ich das Parteipräsidium der SVP Schweiz 2016 an Albert Rösti übergeben hatte und nur noch in der hintersten Reihe des Nationalrates den Ratsbetrieb verfolgte, war die Spannung weg. Es wurde repetitiv. In der Wintersession kommt die Rechnung der Eidgenossenschaft, dann das Budget, dann der langweilige Geschäfts­bericht und dann das Rüstungsprogramm und, und, und…

Seit meinem Rücktritt bin ich vorab auf meinem Bergbauernhof und in meinem kleinen Landgasthof anzutreffen. Ich bin Landwirt und Gastwirt und verlasse das Toggenburg nur noch selten. Letzte Woche fuhr ich mit den zwei Eringerkühen Attila und Pauline Wayne II aus meiner Stallung nach Ergisch ins Oberwallis. Dort akklimatisieren sie sich für den grossen Kampf um die Alpkönigin am 1. Juli auf der Alpe Tschorr. Beide Tiere sind charakterlich einwandfrei und umgänglich. Attila (Besitzer Alexandra und Paul Scheiwiller aus Waldkirch) ist Titelverteidigerin. Ihr zur Seite gestellt habe ich ein hoffnungsvolles Jungtier namens Pauline Wayne II. Sie ist sich Publikum gewohnt und war im letzten Jahr ein Lebendpreis am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Pratteln. Gewonnen vom Kranzschwinger Sempach Thomas, kam sie wieder auf meinen Hof zurück.

Dann war Heuwetter. Wir haben eine Ernte wie noch selten. Qualitativ kann man sich über das Futter streiten, aber von der Menge her werden wir im Winter nicht darben müssen. Aktuell haben wir die ersten schönen Terrassentage in unserem Restaurant und die Post geht ab. Am Morgen planst du und am Abend staunst du. Die Gastronomie ist eine Wundertüte.

Am letzten Dienstag war ich seit langem wieder mal im Bundeshaus. Esther – meine Lebenspartnerin – wurde als neue St. Galler Ständerätin vereidigt. Sie tritt die Nachfolge von SP-Ständerat Paul Rechsteiner an. Ich selbst habe die Ständeratswahlen gegen ihn verloren. Als ich 2011 als Geschlagener ins Regierungsgebäude kam, sangen die Genossen genussvoll die Internationale. Mit erhobener Faust. Bei der Wahl von Esther fragte mich das Tagblatt, was ich denn zu ihrem Wahlsieg zu sagen hätte. Innerlich erhob ich die Faust und sagte: «Völker, hört die Signale».