Gedankenstrich-Kolumne
Samantha Wanjiru: Liebe Ostschweiz – Du hast ein Imageproblem

Als ich vor einem guten Jahr von der Bodenseeregion Konstanz nach St.Gallen zog, war mir nicht bewusst, welcher Ruf der Ostschweiz voranging.

Samantha Wanjiru
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Samantha Wanjiru, Tagblatt-Kolumnistin.

Samantha Wanjiru, Tagblatt-Kolumnistin.

Bild: Arthur Gamsa

Ich freute mich auf die Berglandschaft, die wunderschönen Täler und die ruhigen Gewässer. Gerade die Stadt St.Gallen mit ihrem Altstadtflair und dem grossen Kulturangebot schien für mich ein attraktiver Standort für einen kreativen Kopf wie mich. Von den Jazznächten im Sommer, dem wöchentlichen Bauernmarkt auf dem Marktplatz bis hin zu den zahlreichen Museen bietet die Stadt ein genügend grosses Angebot, um sich mit den Einheimischen auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen.

Schnell wurde ich auch in die Sitten und Normen eingeweiht. Zum Beispiel wurde mir beim Kauf meiner ersten Bratwurst von einer empörten Fleischverkäuferin klargemacht, dass man diese ohne Senf isst. Zusätzlich lernte ich, dass der Besuch der jährlichen Olma für alle St. Gallerinnen und St. Galler ein Obligatorium ist, dem religiös nachgelebt werden muss. Und dass dem beliebten Männerweiher in Anbetracht der vielen Fans einer gewissen grünen Pflanze vor Ort eine Gesetzesfreiheit zukommt.

Die jungen Studenten der prestigereichen Universität, die ihr zweites Zuhause im Starbucks gefunden haben, gaben mir bei meinem Zuzug sofort Öko-Vibes zu spüren, die nochmals von den schön gepflegten Grünanlagen der Stadt bestätigt wurden. Ich war mir sicher: Ich bin in einer progressiven, modernen Stadt gelandet, die den Spagat zwischen liberaler Freiheitskultur und traditioneller Historie geschafft hat. Hier geht man mit dem Puls der Zeit. Dann kam der Sommer 2020. «Black Lives Matter» bewegte die Schweizer Nation. Einen ganzen Sommer lang wurde auch hier heiss in den Medien diskutiert: Wo steht die Ostschweiz bezüglich Inklusion von Menschen mit Migrationshintergrund?

Wochenlang hörte ich mir dazu Meinungen an und las Berichte. Schnell wurde mir klar: Das Image der Stadt St. Gallen als progressiver Multikulti-Hotspot vermittelt ein anderes Bild als das der umliegenden Kantone. Meine Fantasie der friedlichen Berglandschaft, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, bekam einen rassistischen Riss. Mir wurde von den St.Gallerinnen und St. Gallern klargemacht, dass nicht alles glänzt, was Gold ist. Hakte ich nach, wie es denn so sei, als Ausländer in der Region aufzuwachsen, kam oft die Antwort, dass die Stadt St. Gallen zwar eher links gerichtet wäre (gemeint ist progressiv und liberal), aber in den umliegenden ländlichen Ortschaften wie Appenzell das sogenannte Bünzlitum regiere. Gerade die für ihre fantasiereichen Wahlplakate bekannte SVP habe in der Ostschweiz eine Hochburg gefunden.

Als Frau mit Migrationshintergrund kommt dies einer Hiobsbotschaft gleich. Bin ich in der falschen Region gelandet? Im Laufe meines Aktivismus nach der von mir initiierten Black-Lives-Matter-Demo wurde mir immer wieder suggeriert, dass Ausländerinnen und Ausländer hier nicht so frei leben wie etwa in Kantonen wie Luzern oder Zürich, wo die Integration grösser geschrieben werde. Hier in St. Gallen müsse man auf das Kleingedruckte achten. Und tatsächlich verriet ein Blick auf die Zahlen und Statistiken, dass die Kantone der Nordostschweiz ziemlich weit hinten stehen, wenn es um die Zahl der Wohnbevölkerung mit Migrationshintergrund geht.

Ist das reiner Zufall oder doch ein kalkulierter Ausschluss von Ausländerinnen und Ausländern, der auf einer generellen politischen Haltung basiert? In mir stieg Panik hoch. Auf meinem Pressemarathon nach der Demo hatte ich die Chance, mich mit gleichgesinnten Aktivisten aus der Süd- und Westschweiz auszutauschen.

Eine Frage wurde mir dabei immer wieder gestellt. Wie zum Teufel schaffte es jemand, der aussah wie ich, in der für ihre konservative Mentalität bekannten Ostschweiz so viele Menschen für eine Demo zu bewegen? Eine Frage, die mich traurig machte. Denn sie kam leider zu oft auf, um zufällig gestellt zu sein. Der warme, friedliche Integrationskokon der Stadt St.Gallen, in dem ich lebte, wurde spätestens dann durchbrochen, als ich den Ablauf der Mohrenkopf-Debatten in Rorschach und der Region beobachtete.

Aber ich möchte nicht gleich alles schwarzmalen. Schliesslich lässt die Imagelücke zwischen Hippie-Stadt und rechtsorientiertem Kanton noch genügend Spielraum.

Samantha Wanjiru ist Psychologie-Studentin und Kopf der Black-Lives-Matter-
Bewegung in der Ostschweiz. Sie schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit
Toni Brunner, Ulrike Landfester und Walter Hugentobler.