Gastbeitrag
Kinder und Jugendliche brauchen Solidarität statt Schimpftiraden

Spätestens seit den Krawallen von St.Gallen macht sich ein Narrativ breit, der suggeriert, die jüngste Generation feiere lieber Party, als sich an die Pandemiemassahmen zu halten. Eine Gefahr für die Generationensolidarität, sagt Barbara Schmid, Präsidentin von Pro Juventute.

Barbara Schmid-Federer
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Jugendliche sind am wenigsten von Corona betroffen, ihr Alltag ist jedoch mit am meisten eingeschränkt.

Jugendliche sind am wenigsten von Corona betroffen, ihr Alltag ist jedoch mit am meisten eingeschränkt.

Christian Beutler / KEYSTONE
Barbara Schmid-Federer ist Präsidentin von Pro Juventute Schweiz.

Barbara Schmid-Federer ist Präsidentin von Pro Juventute Schweiz.

Bild: PD

In Holland gab es sie schon, auch in Frankreich oder Italien: Jugendliche, welche frustriert über die Coronamassnahmen auf die Strasse gingen. Nun geschah es in der Schweiz. In St.Gallen begann eine kleine Minderheit von Jugendlichen Sachbeschädigungen und verletzte andere.

Und da kamen sie auch schon, die reflexartigen Kommentare über die «verwöhnte Jugend», welche sich über «Luxusprobleme» wie fehlende Partys oder Reisen beschwert. Diese Schlussfolgerung greift zu kurz und ist vor allem nicht fair. Selbst die kritischen Stimmen müssen zugeben, dass sich die grosse Mehrheit der Jugendlichen seit einem Jahr an die Massnahmen hält.

Dies dürfen wir nicht als selbstverständlich hinnehmen. Denn die jüngste Generation ist gemäss jetzigem medizinischem Kenntnisstand viel seltener von schweren Verläufen der Krankheit betroffen. In der Impfstrategie kommen sie erst ganz am Schluss zum Zug. In ihrem Alltag sind sie jedoch mitunter am meisten eingeschränkt. Sie tragen Masken in der Schule, halten Abstand, konnten über Wochen und Monate nicht ihren Hobbys nachgehen. Dies alles, um die Generation ihrer Eltern und Grosseltern zu schützen.

Es liegt nun an uns Erwachsenen, anzuerkennen, was sie bereits geleistet haben, und ihre Bedürfnisse und Sorgen ernstzunehmen.

Sozialer Austausch ist elementar für die Entwicklung

Wenn Jugendliche den Ausgang vermissen oder Freiräume einfordern, dann sind das keine «Luxusprobleme». Der Austausch mit Gleichaltrigen ist für Kinder und Jugendliche zentral für eine gesunde Entwicklung. Sie brauchen den Austausch mit anderen, um ihre Identität zu definieren und zu festigen und sich von den Eltern abzunabeln.

Schulen, Sportvereine und Jugendzentren spielen eine wichtige Rolle als Frühwarnorte bei psychischen oder familiären Problemen. Es ist zu begrüssen, dass Kinder und Jugendliche bis 20 Jahren wieder Sport machen können.

Aufschrecken müssen uns die Berichte von Kinderspitälern und Kinder- und Jugendpsychiatrien. Die Stationen sind überbelegt, die Suizidversuche haben sich verdoppelt, jeden dritten Tag läutet auch beim 147 von Pro Juventute der Krisenalarm.

Zahlreiche nationale und internationale Studien zeigen, dass die jüngste Generation psychisch besonders unter den Einschränkungen des Soziallebens leidet. Besonders Kinder und Jugendliche aus Familien mit beengten Platzverhältnissen und wenig finanziellen Mitteln drohen, den Anschluss schulisch zu verpassen. Eine wachsende Anzahl Jugendlicher ist arbeitslos und fürchtet, nach der Lehre keine Beschäftigung zu finden. Sie bezeichnen sich selbst häufig auch als «Generation lost» oder «Generation Corona».

Wir Erwachsenen sind nun an der Reihe

Es liegt nun an uns Erwachsenen, Zukunftsaussichten für die jüngste Generation zu schaffen. Dies gelingt nur, wenn wir sie zum Teil der Lösung und nicht zum Problem machen. Jugendliche müssen mitgestalten können. Wenn junge Menschen wahrnehmen, dass sie Teil der Lösung sind und ihr Leben wieder in die Hand nehmen können, dann ist allen geholfen.

Machen wir die nächsten Lockerungen im Sinne der Unterstützung der Jungen. Schaffen wir Anreize für Ausbildungsplätze für Jugendliche. Stärken wir das Unterstützungsangebot für schulisch schwächere Kinder. Schaffen wir die dringend benötigten Plätze in der Psychiatrie, um die besonders Gefährdeten zu stützen.

Die meisten Kinder und Jugendliche waren nicht in St.Gallen. Auch sind sie keine «gefährlichen Kids». Anstelle mit dem Finger auf sie zu zeigen, ist es nun wichtig, dass wir sie stützen und fördern.

Die Solidarität, welche sie während eines Jahres gegenüber der älteren Generation bewiesen haben, können wir ihnen jetzt verdanken, indem wir uns mit ihnen solidarisch zeigen. Dazu müssen wir, die Erwachsenen, uns vielleicht ein bisschen mehr als bisher am Riemen reissen. Die Jungen haben nach einem Jahr genug bewiesen, dass sie bereit sind, ihren Teil zur Eindämmung der Pandemie beizutragen. Nun sind wir an der Reihe.

Wir haben es alle in der Hand, ob aus der «Generation Corona» eine «Generation lost» wird.