Fischsterben
«Alle Massnahmen nützen nichts, wenn das Wasser ausbleibt»: Trockenheit bedroht Fische in der Ostschweiz

Der Schweizerische Fischerei-Verband hat kürzlich Alarm geschlagen: Aktuell sterben Fische in Massen wegen der anhaltenden Trockenheit. Auch die Ostschweiz ist betroffen. Experten aus den Kantonen St.Gallen, Thurgau und Appenzell Ausserrhoden nehmen dazu Stellung.

Valentina Thurnherr
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Ein trauriger Anblick: Der Pegel der Ostschweizer Gewässer ist zurzeit so tief und die Temperaturen sind so hoch, dass regelmässig Fische verenden.

Ein trauriger Anblick: Der Pegel der Ostschweizer Gewässer ist zurzeit so tief und die Temperaturen sind so hoch, dass regelmässig Fische verenden.

Bild: Schweizerischer Fischerei-Verband

Um den Fischbestand in der Schweiz steht es aktuell nicht gut. In einer Medienmitteilung schlägt der Schweizerische Fischerei-Verband (SFV) gar Alarm und weist darauf hin, dass in vielen Gegenden der Schweiz die Fischer und Fischerinnen ausgetrocknete Gewässer und tote Fische melden. «Alle Zeichen deuten darauf hin, dass wir auf eine Tragödie zusteuern», lässt sich Verbandspräsident David Bittner in einer Mitteilung zitieren. Die Schweiz stehe kurz vor einem grossen Fischsterben.

Die Ostschweiz scheint ebenfalls besonders betroffen zu sein. Auch Ruedi Scherrer vom Fischereiverband Thur hat bereits Alarm geschlagen. Von über 600 Bachforellen Anfang August sind jetzt keine mehr übrig. Wie steht es indes in den Gewässern der Ostschweiz um den Fischbestand?

Christoph Birrer, Abteilungsleiter Fischerei vom Amt für Natur, Jagd und Fischerei des Kantons St.Gallen.

Christoph Birrer, Abteilungsleiter Fischerei vom Amt für Natur, Jagd und Fischerei des Kantons St.Gallen.

Bild: Sabine Camedda

«Mittels Abfischungen seitens der kantonalen Fischereiaufsicht in Zusammenarbeit mit Vereinen, Pächtern und Freiwilligen wurden in den letzten Wochen über 6000 Fische umgesiedelt», sagt Christoph Birrer, Abteilungsleiter Fischerei vom Amt für Natur, Jagd und Fischerei des Kantons St.Gallen. Dies könne aber nur als temporäre Notmassnahme angesehen werden, da die Lebensraumkapazität auch im Einsatzgewässer aufgrund der momentan herrschenden Trockenheit begrenzt sei.

Auch Roman Kistler, Amtsleiter Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau, und Karlheinz Diethelm, Leiter Amt für Umwelt des Kantons Appenzell Ausserrhoden, sehen die kurzfristige Umsiedlung als eine Möglichkeit, den Fischen Linderung zu verschaffen. Kistler hebt jedoch hervor:

«Dies bedeutet aber zusätzlichen Stress für die Fische, auf den man, wenn immer möglich, verzichtet.»

In der Ostschweiz sind einige Gewässer betroffen

Im Kanton Appenzell Ausserrhoden scheint die Lage noch nicht ganz so prekär wie andernorts. «Die Temperaturen in Ausserrhoder Gewässern liegen immer noch in einem unkritischen Bereich», sagt Karlheinz Diethelm. «Jedoch führen einzelne Bäche, hauptsächlich Zuflüsse zu grösseren Gewässern, bereits jetzt nur noch wenig Wasser.»

Was passiert bei zu hohen Temperaturen?

Ab 22 Grad Wassertemperatur wird die Nahrungsaufnahme eingeschränkt und der Sauerstoffbedarf kann nicht mehr vollständig gedeckt werden. In diesem Fall müssen Fische ihre Fettreserven abbauen, um den Körper mit genügend Energie versorgen zu können. Und je wärmer das Wasser ist, desto weniger Sauerstoff kann im Wasser gelöst werden. Ab einer Wassertemperatur von 25 Grad erleiden die Tiere einen Kreislaufkollaps, was zum Tod führt. 

Anders sieht es im Kanton St.Gallen aus, wo aktuell sowohl kleine Bäche als auch grosse Gewässer von der Trockenheit betroffen sind. «In allen drei Gewässereinzugsgebieten Alpenrhein-Bodensee, Seez-Walen-Zürichsee-Linthkanal und auch im Thur-Sitter-Einzugsgebiet ist die Lage bezüglich Wasserführung sehr prekär», sagt Christoph Birrer.

«Die Wassertemperaturen sind vor allem in den Tallagen und an südexponierten Hanglagen aufgrund der intensiven Sonneneinstrahlung und den zahlreichen Sonnentagen sehr hoch.»
Roman Kistler, Amtsleiter Jagd- und Fischereiverwaltung Kanton Thurgau.

Roman Kistler, Amtsleiter Jagd- und Fischereiverwaltung Kanton Thurgau.

Bild: Andrea Stalder

Im Kanton Thurgau sind ebenfalls grosse Gewässer wie die Thur, die Murg und der Rhein sowie diverse kleinere Bäche stark betroffen. Besonders kälteliebende Fische leiden unter den tiefen Pegeln und den sehr hohen Wassertemperaturen. «Am meisten sind die Äschen, Forellen und Groppen gefährdet», sagt Roman Kistler. «Sie benötigen kühles und sauerstoffreiches Wasser.» Im Rhein gebe es bereits einzelne Abgänge von Äschen. Eine mittlere Gefährdung sieht Kistler für die Barbe. «Sie benötigt auch sauerstoffreiches Wasser, ist aber toleranter als Äsche und Forelle.» Der Nachteil sei im Moment jedoch, dass die Barbe gerade die Fortpflanzungszeit hinter sich habe. «Das schwächt die Fische», sagt Kistler.

«Der erhöhte Laichstress zusammen mit hohen Temperaturen und tiefem Sauerstoffgehalt führt auch bei den Barben zu Abgängen.»
Eine verendete Barbe in der Thur.

Eine verendete Barbe in der Thur.

Bild: Schweizerischer Fischerei-Verband

Während oft nur von den Fischen die Rede ist, die zurzeit unter den extremen Bedingungen leiden, hebt Christopf Birrer hervor, was die momentane Trockenheit für die Zukunft bedeuten könnte:

«Wenn aufgrund der anhaltenden Trockenheit Gewässersysteme trockenfallen, sind alle wassergebundenen aquatischen Lebewesen betroffen.»

Gewässer wieder in natürlicheren Zustand bringen

Der SFV fordert in seiner Medienmitteilung die Kantone zum Handeln auf. Die Flüsse und Bäche müssten schneller wieder in einen natürlichen Zustand gebracht werden, und eine restriktive Praxis für Wasserentnahme solle umgesetzt werden.

Dies sieht auch Christoph Birrer als eine Möglichkeit, die Fischbestände in Zukunft zu schützen. «Nötig ist ein sorgsamer Umgang mit den natürlichen Ressourcen», sagt er. Des Weiteren könne man die Gewässer gut beschatten mit naturnaher, standortgerechter Bestockung wie Bäumen, Strauchgruppen und Hochstaudenfloor. «Die naturnahe Gestaltung bei Gewässer- und Bauprojekten sowie wirksame Massnahmen gegen den Klimawandel helfen, die dramatischen Auswirkungen für Wasserlebewesen zu minimieren.»

Die Renaturierung sieht auch Roman Kistler als eine gute Möglichkeit, den Fischen in Zukunft zu helfen. Er zeichnet jedoch noch ein realistischeres Bild und fügt an:

«All diese Massnahmen nützen aber nichts, wenn das Wasser ausbleibt und die Gewässer trockenfallen.»