Drogenprävention
Nachruf: Mit Pragmatismus gegen das Drogenelend

Der Präventivmediziner François van der Linde prägte die Drogenpolitik zuerst im Kanton St.Gallen, später auf Bundesebene, wo er für drei Jahrzehnte die Eidgenössische Drogenkommission leitete. Er setzte dem Drogenelend der 1990er-Jahre Pragmatismus und unkonventionelle Lösungen entgegen.

Jürg Bachmann
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François van der Linde (1941–2021)

François van der Linde (1941–2021)

Bild: PD

Die Stiftung Suchthilfe St.Gallen, deren Leitungsgremium François van der Linde viele Jahre angehörte, hatte gerade eine Abstimmung verloren. Das Stimmvolk untersagte die Weiterführung des Heroin-Spritzenraumes am Platztor. Was sich später als Glücksfall herausstellte, war an diesem Nachmittag eine Katastrophe. Die Verantwortlichen für die städtische Drogenpolitik suchten zu Beginn der 1990er-Jahre neue, mehrheitsfähige Modelle. Wie immer in diesem Kreis, vertrat François van der Linde zwischen Politik, Polizei und Sozialarbeit die Medizin.

Gegen Abend stand ein Konzept, dem später als Vier-Säulen-Modell des Bundesrates eine nationale Karriere bevorstand. Aber die geplanten Institutionen brauchten noch Namen. Sollten sie nun sozialmedizinische Hilfsstellen oder medizinisch-soziale Hilfsstellen heissen? Der Präventivmediziner des Kantons St.Gallen, zu dessen Aufgaben der Umgang der Gesellschaft mit legalen und illegalen Drogen gehörte, setzte sich vehement für das Primat der Medizin ein. Die Einrichtungen wurden medizinisch-sozial und bei MSH blieb es bis heute. Der Name als Signal.

Dieses Beispiel ist typisch für das Verständnis, das François van der Linde von seinem Beruf hatte. Das Drogenelend war gross und es brauchte vernünftige Wege aus der Misere. Verbote lösten das Problem nicht. Laissez-faire auch nicht, da es die Gesellschaft gefährdete und Begleitkriminalität zuliess. Van der Linde war Pragmatiker, der sich immer von der medizinischen Wissenschaft leiten liess. Er prägte manch unkonventionelle Lösung, vor der Juristen zunächst erbleichten.

Keine hemdsärmelige Lösungen

Nach seinem Studium der Medizin fühlte sich François van der Linde nicht primär zum Dienst am Krankenbett gezogen, sondern zur konzeptionellen Gestaltung des Gesundheitssystems. Nach einem Start in Zürich kam er ans Gesundheitsdepartement St.Gallen, wo er den präventivmedizinischen Dienst aufbaute. 1981 berief ihn der Bundesrat in die Eidgenössische Drogenkommission, die er 30 Jahre leitete. War diese Kommission seine nationale Bühne, war St.Gallen sein Thinktank. Manches hat er mit Weggefährten hier entwickelt und ausprobiert. François van der Linde wusste: Es gibt weder eine drogenfreie Gesellschaft noch hemdsärmelige Lösungen, die dazu führen.

Er liebte es, Themen, über die sich alle aufregten, unaufgeregt und nüchtern zu betrachten. Pragmatisch statt dogmatisch plante er die nächsten Schritte. Schwärmte ihm jemand vor, da oder dort hätten sie, im Gegensatz zu St.Gallen, schon lange gute Lösungen, sammelte er seine Mitstreiter ein und reiste mit ihnen dorthin: nach Amsterdam, Rotterdam oder Schweden. Stets kam er mit der Gewissheit zurück, dort etwas gelernt zu haben. Und wenn es auch nur die Bestätigung des eigenen pragmatischen St.Galler Weges war.

François van der Linde konnte seine Argumente gut darlegen. Oft mussten die Verantwortlichen der Stiftung Suchthilfe der Bevölkerung in den St.Galler Quartieren neue medizinisch-soziale Hilfsstellen erklären, die bald vor ihrer Haustür eröffnet wurden – und dort nicht immer willkommen waren. Mit seiner überlegten Art breitete er Fakten und Argumente aus und beruhigte mit der Seriosität des Mediziners manch aufgewühlte Seele. Nicht jede, allerdings, worüber sich Franz, wie man ihn nannte, nachher beim Wein köstlich aufregen konnte.

Prävention per Radiosendung

François van der Linde erkannte früh die Wichtigkeit der Kommunikation. Als wir das St.Galler Lokalradio «Radio aktuell» planten, lud er mich, den unbekannten Geschäftsführer, ins Gesundheitsdepartement ein. Er wollte eine wöchentliche, präventivmedizinische Radiosendung gestalten, zuvor aber wissen, mit wem er es zu tun hatte und in welches Nest er sich setzen würde. Wir wurden uns rasch einig und seine Sendung ein Erfolg.

François van der Linde, Jahrgang 1941, verstarb am 21. Juni 2021. Die letzten Jahre seiner Pensionierungszeit verbrachte er in Egg im Kanton Zürich. Vieles, was er angepackt und geprägt hat, war visionär und funktioniert bis heute. Gelernt habe ich von ihm, dass Zahlen, Daten und Fakten wichtig sind, um an scheinbar unlösbare Probleme heranzugehen. Dann bald auch gesunder Menschenverstand. Und den Weg nicht übereilt, aber reflektiert und konsequent gehen. Dafür bin ich ihm dankbar; und erinnere mich mit Respekt und Freundschaft an unseren Franz.

Nachruf von Jürg Bachmann, der von 1991 bis 2011 die Stiftung Suchthilfe St.Gallen präsidierte und in den schwierigen Jahren der Drogenarbeit enger Weggefährte von François van der Linde war. Er war auch der erste Geschäftsführer des damaligen Lokalradios «Radio aktuell».

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