Die HSG und China
Die HSG kündigt eine externe Untersuchung an – ein Experte sagt: «Eine Hexenjagd ist fehl am Platz»

Der Fall eines Doktoranden, dessen Doktormutter das Betreuungsverhältnis nach chinakritischen Tweets beendete, hat die Frage aufgeworfen: Ist die Universität vor chinesischer Einflussnahme sicher?

Marcel Elsener und Noemi Heule
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Vor dem Lockdown: die Universität St.Gallen Ende Januar 2020.

Vor dem Lockdown: die Universität St.Gallen Ende Januar 2020.

Bild: Benjamin Manser

Ein HSG-Doktorand verliert die Chance auf seinen Titel wegen eines Tweets: Der Artikel der NZZ warf national und international Wellen. Die Reaktionen gegenüber der Universität und der Professorin sind harsch. «War das nicht mal eine selbst ernannte ‹Elite Uni›?», twittert etwa der Zuger Nationalrat Gerhard Pfister (Die Mitte). Viele Kommentare in den sozialen Medien und manche Zuschriften werfen der HSG-Professorin und der Universitätsleitung vorauseilenden Gehorsam und fehlenden Mut, ja Feigheit vor. Entsprechend wird die Forderung nach einer Absetzung der angeblich unkritischen Professorin erhoben.

«Sehr erstaunt» über diese Anschuldigungen ist ein ehemaliger HSG-Student, der bei der betroffenen Professorin mehrere Masterkurse belegt hat. Er zeigt sich erstaunt über die Vorwürfe, weil sie «überhaupt nicht ins Bild passten», sagt der Mann, der selber im Hochschulumfeld tätig ist. «Diese Professorin ist eine etablierte Intellektuelle, die sich sehr kritisch und nach höchsten wissenschaftlichen und ethischen Standards mit China beschäftigt.» Dies widerspiegele sich auch in ihren Publikationen, die sich «diversen kontroversen chinesischen Themen» widmen. Just dieser China-Expertin «unkritisches Verhalten vorzuwerfen ist komplett absurd». Die international renommierte Professorin zeichne sich durch eine «differenzierte und fundierte China-Kompetenz» aus: «Wenn wir die wenigen Personen in der Schweiz, die dieses Wissen haben, noch verhunzen, wird es schwierig.»

Selbstzensur beschäftigt China-Wissenschafter

Ralph Weber, China-Experte und Professor an der Universität Basel.

Ralph Weber, China-Experte und Professor an der Universität Basel.

Bild: Britta Gut

«Eine Hexenjagd ist fehl am Platz», sagt der China-Experte Ralph Weber. Er will den Fall nicht als Fehlverhalten einer Einzelperson dargestellt sehen. Vielmehr handle es sich um ein strukturelles Problem, das viele Universitäten in Europa betreffe. Das Thema Selbstzensur stelle sich allen Forschenden, die auf dem Gebiet autoritärer Regimes tätig seien. Sind sie auf Feldforschung vor Ort angewiesen, werde es noch komplizierter.

Der Professor an der Universität Basel findet die erste Stellungnahme der HSG, die jegliche Verantwortung von der Universität und ihrer Professorin weist, vielsagend. «Die HSG achtet das Recht aller Universitätsangehörigen, sich kritisch zur Politik Chinas zu äussern. Wir sind der Herausforderungen im Verhältnis zwischen China und den Schweizer Hochschulen bewusst», heisst es darin.

Im Gegenteil zeige dieser Fall, dass die Problematik der chinesischen Einflussnahme an Schweizer Hochschulen noch nicht genügend erkannt und verstanden sei, entgegnet Weber.

«Das Bewusstsein für dieses System fehlt.»

Der chinesische Parteistaat wirke zwar systematisch auf Studierende und Forschende ein, aber es gebe meist keine direkten Befehlslinien. Einzelne parteinahe Studenten oder Studierendenvereinigungen würden dann mitunter von sich aus aktiv, um die vorgegebene Linie der Partei zu erwirken. Chinas Staatspräsident Xi Jinping selbst habe chinesische Auslandsstudenten zu einer wertvollen Ressource für die Interessen der kommunistischen Partei erklärt und damit einen Generalverdacht geschaffen, dem man in unserer liberalen Demokratie keinen Platz geben dürfe.

Trotzdem, wer in der Wirtschaft seriös eine Partnerschaft eingehe, habe ein Interesse daran zu wissen, unter welchen Sachzwängen der Kooperationspartner agiere, sagt Weber. «Solche Überlegungen müssen auch bei Universitäten noch stärker Eingang finden.»

HSG kündigt externe Untersuchung an

In einer zweiten Stellungnahme zum Fall kündigt die Universität St.Gallen am Freitag eine externe Untersuchung der Vorkommnisse an. «Die HSG hat zum heutigen Zeitpunkt keine Hinweise auf eine Einflussnahme oder Druckversuche von aussen, sei es im Rahmen der Austauschprogramme noch bei Ausbildungs- oder Forschungsprojekten», heisst es darin. Dennoch soll eine Arbeitsgruppe prüfen, ob «potenzielle Angriffsflächen» auf die Lehr- und Forschungsfreiheit bestünden. Zudem unterstütze die Universität die derzeitigen Bemühungen der Dachorganisation Swissunversities um gesamtschweizerische Richtlinien in der Zusammenarbeit mit China.

Auf Anfrage präzisiert Rektor Bernhard Ehrenzeller: Es handle sich um den einzigen bisher bekannten Fall eines Universitätsmitglieds, dessen Äusserungen zu China Reklamationen zur Folge hatten. Die Professorin sei sehr betroffen über die Vorwürfe.

HSG-Rektor Bernhard Ehrenzeller.

HSG-Rektor Bernhard Ehrenzeller.

Bild: Michel Canonica
«Sie und andere Universitätsangehörige erhalten aktuell sehr aufgeregte Anrufe und E-Mails. Darunter sind auch viele beleidigende Zuschriften übler Art.»

Den konkreten Fall will der Rektor vor Abschluss der Untersuchung nicht kommentieren. Das gilt insbesondere für die Twitter-Aktivitäten des ehemaligen Doktoranden und die Reaktion der Professorin. Ob es sich um eine vorsorgliche Selbstzensur oder eine tatsächliche Einflussnahme aus China handelte, bleibt vorläufig offen.

Hingegen wehrt sich der Rektor gegen den Vorwurf, dem Doktoranden sei die Chance auf den Titel genommen worden. Das Ende des Betreuungsverhältnisses hätte gemäss Ehrenzeller nicht gleichsam das Ende seiner Dissertation bedeuten müssen; vielmehr hätte er diese mit einer anderen Betreuungsperson weiterführen können. «Ob er sich um eine Alternative zur besagten Professorin als Betreuungsperson bemüht oder um Unterstützung der zuständigen universitären Stellen ersucht hat, ist Gegenstand der laufenden Abklärung.»

Zusammenarbeit im Einzelfall hinterfragen

Die Universität St.Gallen pflegt 15 Abkommen mit Universitäten in China. «Wir erachten es als wichtig, unseren Studierenden die Möglichkeit bieten zu können, Gastsemester in China zu absolvieren», schreibt Bernhard Ehrenzeller. Die Qualität der Lehre vor Ort werde über obligatorische Erfahrungsberichte und Online-Fragebogen überprüft. «Im Falle von kritischen Rückmeldungen unserer Studierenden thematisieren wir dies mit unseren Partnerhochschulen.»

Und weiter: «Wenn chinesische Universitäten der Wissenschaftsfreiheit nicht den gleichen Stellenwert beimessen, zu dem wir uns verpflichtet fühlen, so bedauern wir dies selbstverständlich. Wir müssen im Einzelfall prüfen, ob damit von einer Zusammenarbeit abgesehen werden soll.» Entscheidend sei, dass klar darauf geachtet werde, dass die wissenschaftliche Freiheit der Universitätsangehörigen nicht beeinträchtigt werde. «Wo dies der Fall ist oder zu werden droht, müssen wir entsprechende Konsequenzen ziehen.»

War es eine Überreaktion seitens der Professorin oder Ausdruck eines wachsenden Drucks, der sich an diesem Einzelfall entlud? Antworten auf diese und andere drängende Fragen wird wohl die vertiefte Überprüfung liefern. Wann diese abgeschlossen ist, lässt sich noch nicht sagen.

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