Covid-Zertifikat
«Wir sind nicht bereit, der Hälfte unserer Gäste den Zutritt zu verwehren»: Einige Ostschweizer Beizer setzen auf Zelte statt Zertifikatspflicht

Mit der Ausweitung der Zertifikatspflicht stiess der Bundesrat bei vielen Gastronomen auf Unverständnis – auch in der Ostschweiz. Um eine Busse oder Schliessung zu vermeiden und dennoch Widerstand zu leisten, sind einige Wirtinnen und Wirte nun kreativ geworden.

Gabriela Schmid
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Im Aussenbereich der Restaurants dürfen Gäste ohne Covid-Zertifikat weiterhin bedient werden.

Im Aussenbereich der Restaurants dürfen Gäste ohne Covid-Zertifikat weiterhin bedient werden.

Bild: Keystone

Die seit Montag in Restaurants geltende Zertifikatspflicht löste bei den Ostschweizer Gastronomen gemischte Gefühle aus. Personen, die kein gültiges Covid-Zertifikat vorweisen können, dürfen ausschliesslich auf der Terrasse bedient werden. In den sozialen Medien kursieren seitens der Impfskeptiker lautstarke Diskriminierungsvorwürfe. Doch auch einigen Wirtinnen und Wirten ist es unwohl dabei, zertifikatslose Gäste vor die Türe zu setzen.

So ist es nicht wunderlich, dass in manchen Betrieben – wie auch schon während der ersten Öffnungsschritte im vergangenen April – die Aussenbereiche aufgerüstet werden. Noch ist es zu früh, nach der Ausweitung der Zertifikatspflicht Bilanz zu ziehen, sagt St.Galler Gastropräsident Walter Tobler. Manche Beizer hätten diese Woche Einbussen bei der Kundschaft beklagt, bei anderen sei der Knall durch das schöne Wetter abgedämpft worden. Es sei vorstellbar, dass in Zukunft vermehrt Überdachungen und Wärmepilze zu sehen sein werden. Aber:

«Es ist alles noch sehr frisch. Einige Besitzer zögern vermutlich noch mit den Investitionen.»

Zelte als Zeichen des Protests

Im Toggenburger Landgasthof Sonne alias Haus der Freiheit, dem Restaurant des ehemaligen SVP-Präsidenten Toni Brunner und Ehefrau Esther Friedli, versucht man dem Bundesratsbeschluss auf legalem Wege zu trotzen. «Auch wenn wir das Zertifikat ablehnen und politisch dagegen kämpfen, halten wir uns in unserem Betrieb an die Bundesvorgaben», heisst es auf der Website des Gasthauses. Damit «alle Gäste bewirtet werden können», wurde auf der Sonnenterrasse ein beheiztes Zelt aufgebaut. Ähnlich sieht es im Restaurant Schafräti in Herisau aus: Wirtin Brigitte Dietrich bedient die ungeimpfte Kundschaft seit Anfang Woche im Festzelt auf dem Parkplatz.

Doch gilt ein Zelt nicht als Innenraum? Im vergangenen Lockdown wurden hierbezüglich in der Covid-19-Verordnung noch klare Vorgaben erlassen. Wegen der Luftzirkulation durfte ein Zelt nicht überdacht sein oder musste mindestens zur Hälfte ihrer Seiten offen sein.

Nun sind im Aussenbereich lediglich die Abstandsregeln zu befolgen. Kontrolliert wird von den zuständigen Gemeinden ausschliesslich, ob im Innenbereich die Zertifikatspflicht durchgesetzt wird, wie Boris Tschirky, Vorsitzender der Vereinigung St.Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten, erläutert:

«Die Entscheidung, den Aussenbereich mit den entsprechenden Bewilligungen für Ungeimpfte zu erweitern, steht jeder Gastronomin und jedem Gastronom zu.»

Manche gehen einen Schritt weiter

Drastischere Massnahmen wurden in der St.Galler Beiz Spisegg ergriffen. Bis zum 24. Januar, dem Tag an dem die Zertifikatspflicht nach jetzigem Stand aufgehoben werden soll, sind hier die Innenräume, wie Restaurant und «Sääli» geschlossen. Zugänglich sind lediglich der Gastgarten und die Terrasse. «Wir sind nicht bereit, der Hälfte unserer Gäste den Zutritt zu verwehren», schreibt die Familie Brändle in einer Mitteilung, die auf der Website ersichtlich ist. Begründet wird dieser Entscheid mit ethischen und rechtlichen Bedenken. Gegen Ende des Briefs ist im Zusammenhang mit der Zertifikatspflicht gar von «faschistischen Zügen» die Rede.

Noch drastischer reagierte die Familie des SVP-Nationalrats Mike Egger auf den Bundesratsbeschluss: In einem Beitrag auf Facebook gaben die Besitzer des Gasthauses Metzgerei Brauerei bekannt, dass sie per
13. September das Küchentuch hinwerfen, um sich «strategisch neu auszurichten». Das Restaurant in Berneck wurde 52 Jahre von der Familie Egger geführt, jetzt ziehen Rita und Peter Egger die Pension vor.

Grund für die Schliessung seien die «unsicheren politischen Rahmenbedingungen». Auch sei ihre Philosophie nicht mit den neuen Massnahmen vereinbar: «Für die Familie Egger war und ist es immer wichtig, alle Gäste gleich zu behandeln und niemanden zu benachteiligen.»

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