Coronatests
8000 Angestellte im Testbetrieb: St.Gallen hat Testmodell verbessert und die kritisierten Hürden für Firmen eliminiert

In St.Galler Firmen werden derzeit in 800 Pools wöchentlich 8000 Personen getestet. Mit seinem Modell sei der Kanton beim Testen «unter den Besten der Schweiz», lobt IHK-Direktor Markus Bänziger nach anfänglicher Kritik. Der Wegfall der Homeofficepflicht dürfte für viele Betriebe Anreiz für repetitives Testen sein.

Marcel Elsener
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Hier laufen die Pooling-Untersuchungen zusammen: Das Zentrum für Labormedizin in St.Gallen.

Hier laufen die Pooling-Untersuchungen zusammen: Das Zentrum für Labormedizin in St.Gallen.

Bild: Benjamin Manser

Den ersten Tag der bundesrätlichen Lockerungen nahm der Kanton St.Gallen zum Anlass, seine Teststrategie hervorzustreichen. «Wir sind sehr froh, dass mit den grösseren Lockerungen die Normalität des Lebens zurückkehrt», sagte Gesundheitschef Bruno Damann. Seit dieser Woche sind auch St.Galler Firmen, die ihre Mitarbeitenden regelmässig testen, von der Homeofficepflicht und der Kontaktquarantäne am Arbeitsplatz befreit.

Das vom Kanton mit dem Zentrum für Labormedizin aufgebaute Testsystem sei «kompakt, gezielt, kostengünstig» und seit Anfang April fortlaufend verbessert worden, sagte Kantonsärztin Danuta Zemp. Bisher haben sich 386 Firmen und Betriebe angemeldet, derzeit werden pro Woche 800 Pools zu zehn Personen getestet. Der Erfolg ist noch nicht überwältigend, oder mit Zemp positiv formuliert:

«Unser System würde die vierfache Menge vertragen.»

Und es sei auch für Hochschulen oder Lager geeignet.

Vorläufig bis Mitte August und für Firmen kostenlos

Um die Firmen «maximal zu entlasten», habe der Kanton möglichst viele Aufgaben übernommen, sagte die Kantonsärztin. Das Angebot ist für Unternehmen kostenlos, übernehmen müssen sie nur die Verteilung und Sammlung der Teströhrchen und die Information der Belegschaft.

Die von Unternehmerseite meist kritisierten Hürden sind weg: Schon seit Wochen können sich auch Kleinbetriebe mit weniger als 20 Angestellten anmelden, die den grössten Teil der 38'000 Firmen im Kanton ausmachen. Und seit dem 25. Mai wird mit sogenannten Rückstellproben gearbeitet: Personen aus einem positiven Pool werden identifiziert und müssen nicht wie bisher noch einen individuellen PCR-Test in einer Arztpraxis oder einem Testzentrum durchführen.

Die Resultate liegen «in der Regel gleichentags und stets unter 18 Stunden» vor, wie Wolfgang Korte, Leiter Zentrum für Labormedizin, erklärte. Mit dem zunehmend automatisierten und beschleunigten Verfahren sei der Kanton «bei den Leuten», sprich, er halte beim repetitiven Testen Schritt mit dem Together-We-Test-System der Kantone wie Bern oder Zürich.

IHK nach Kritik nun begeistert, Ebnat geht mit Beispiel voran

Entsprechend lobte auch IHK-Direktor Markus Bänziger das «niederschwellige und effizientere» Testregime, das sein Wirtschaftsverband schon früh gefordert hatte. Bänziger sagte:

«Wir sind sehr zufrieden. Der Kanton St.Gallen ist im Baustein Testen nun ganz oben auf der Landkarte der Schweizer Kantone, als einer der Besten.»

Nach dem Beispiel von Asien sollten Staat wie Unternehmen nun auf künftige Pandemien vorbereitet sein. Bänzigers einziger Kritikpunkt betrifft die kleine Quote: «Wir hätten uns mehr erwartet.» Auf Nachfrage merkt der IHK-Direktor an, dass die anfänglichen Fehler und hohen Hürden viele Unternehmen abgeschreckt hätten. Mit dem jetzigen Anreiz der Homeoffice-Befreiung dürfte die Testteilnahmequote in den nächsten Tagen und Wochen jedoch merklich ansteigen, glaubt Bänziger. «Testen bringt nun Vorteile.»

Michele Vela, CEO Ebnat AG, Ebnat-Kappel.

Michele Vela, CEO Ebnat AG, Ebnat-Kappel.

Marcel Elsener

Vom Testen als wichtiges Element der Pandemiebekämpfung überzeugt ist Michele Vela, CEO des Bürstenherstellers Ebnat AG in Ebnat-Kappel. Im typischen Ostschweizer Industriebetrieb mit Dreischichtbetrieb und 230 Beschäftigten, wovon 30 in der Administration, sei das Testen als notwendige Schutzmassnahme positiv aufgenommen worden. In der ersten und zweiten Welle verzeichnete die Firma 23 getestete Mitarbeitende, die sich alle privat angesteckt hatten. Vela betonte die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers und die gegenseitige Rücksichtnahme, die auch das persönliche Beispiel eines 63-jährigen Vaters ohne Vorerkrankungen, der nach zwei Wochen im Koma an Covid-19 verstarb, erfordere.

Nachdem Ebnat im März bereits eigene Antigentests durchführte, setzt die Firma seit Mitte April auf das «sehr effiziente und rasche System» des Kantons. Zwar stelle man eine «gewisse Coronamüdigkeit» fest, doch sei das Feedback unter den Angestellten gut. Nebst den Motivierten und den mässig Interessierten gebe es Abwesende, Coronaskeptiker und die wegen Sprachbarrieren oder im Schichtbetrieb schwieriger zu erreichenden Personen. Man zwinge niemanden zum Testen, das wichtigste sei der direkte Chef, der die Leute an die Hand nehmen müsse. Vela begrüsste die eingeführten Rückstellproben und den Anreiz für die 30 Leute in Homeofficepflicht, wies aber auch auf den fehlenden Anreiz für die Produktion hin. Vom Bundesrat, der vor allem den Dienstleistungsunternehmen entgegen komme, hätte er sich einen differenzierten Blick für die Industrie gewünscht, meinte Vela. Die Maskenpflicht bei physischer Arbeit ist eben anstrengender als bei Bürojobs.

In Ebnat-Kappel beteiligen sich die meisten Firmen wie Morga, IST oder Alex Neher am repetitiven Testen, wie Vela als lokaler Arbeitgeberverbandspräsident sagt. Ob die kantonale Teststrategie in den verbleibenden zwei bis drei Monaten noch zum durchschlagenden Erfolg wird, ist angesichts der zunehmenden Durchimpfung und der nahenden Sommerferien offen. Nur am Rande erwähnt wurden die beiden Grossunternehmen Bühler und SFS, die auf das Testmodell eines anderen Anbieters setzen und nun laut Kantonsärztin Zemp in eine Studie eingebunden sind. Sie rief Firmen mit eigenen Konzepten auf, sich beim Kanton zu melden.