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St.Gallen vergibt erste nationale Impfzertifikate ‒ die anderen Ostschweizer Kantone sind noch nicht so weit

St.Gallerinnen und St.Galler dürften Ende Juni ihre Covid-Impfausweise aus Bern so rasch erhalten wie wenige in der Schweiz. Die Pionierrolle ist einem selbst entwickelten IT-Tool zu verdanken. Doch es bleiben Fragen offen, und ein paar Tücken gibt es auch.

Noemi Heule und Marcel Elsener
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Das Covid-Zertifikat kann auf die dazugehörige App übertragen werden.

Das Covid-Zertifikat kann auf die dazugehörige App übertragen werden.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Wieso gehört St.Gallen zu den Vorreitern?

Mit dem Kanton vorn dabei, auch bei den Impfzertifikaten: Die St.Galler Impfchefin Karin Faisst.

Mit dem Kanton vorn dabei, auch bei den Impfzertifikaten: Die St.Galler Impfchefin Karin Faisst.

Bild: Ralph Ribi

«Der Kanton St.Gallen hat seit Beginn der Impfaktion auf eine eigene Lösung für ein IT-Impf-Tool gesetzt, da die Lösung des Bundes noch nicht einsatzbereit war», heisst es in der Medienmitteilung des Kantons. Das IT-Tool, das unter der Leitung der Abteilung Infektiologie des Kantonsspitals St.Gallen entwickelt wurde, erlaube schnelle Anpassungen und Weiterentwicklungen. Mit viel «Nacht- und Fleissarbeit», wie Impfchefin Karin Faisst sagt, konnte man das Tool nun mit einer Schnittstelle zum Bundesamt für Informatik und Telekommunikation erweitern. Es ist für das Ausstellen und Versenden der Zertifikate zuständig.

Wie komme ich zum Freipass für Grossveranstaltungen und grenzenloses Reisen?

Wer doppelt geimpft ist, kann seit Mittwoch über die Website wir-impfen.ch ein nationales Impfzertifikat beantragen. Wer sich mit einer E-Mail-Adresse registriert hat, sollte eine Nachricht erhalten haben, die direkt auf die Antragsseite für das nationale Impfzertifikat leitet, heisst es in der Mitteilung vom Mittwoch.

Was ist mit jenen, die vom Hausarzt geimpft wurden?

Nach der zweiten Impfung stellt der Hausarzt einen Impfnachweis aus. Dieser ist mit einem QR-Code versehen, der einen wiederum auf die Website wir-impfen.ch leitet, wo das nationale Impfzertifikat noch einen Klick weit entfernt ist, wie der Kanton auf der Website schreibt.

Kann ich als Genesener ebenfalls ein Zertifikat beantragen?

Das ist zwar vorgesehen, bis jetzt aber noch nicht möglich. Da die Genesenen nicht über die Website wir-impfen.ch erfasst sind, müssen sie sich noch länger gedulden. Gemäss Bund werden die ersten Zertifikate für Genesene am 14. Juni ausgestellt; wann es im Kanton St.Gallen so weit ist, ist offen.

Wann erhalte ich das Zertifikat?

«Der Bund hat zugesagt, dass die ersten digitalen Zertifikate ab sofort ausgeliefert werden», heisst es in der Mitteilung des Kantons. Die St.Gallerinnen und St.Galler gehörten damit zu den ersten, die das Zertifikat in digitaler Form erhalten. Und weiter: «Aufgrund der zu erwartenden Menge der Anträge erfolgt die Auslieferung gestaffelt.» Ob und wann eine Auslieferung der Zertifikate in Papierform möglich sein wird, sei aktuell noch offen.

Das tönt alles schön und gut, ist es tatsächlich so einfach?

Für die Personen, die in den Impfzentren geimpft wurden, scheint es nach den ersten Erfahrungen reibungslos zu funktionieren. Für alle andern birgt das Prozedere einige Tücken. Und ältere Personen ohne Smartphone und ohne Computer dürften einmal mehr verunsichert sein.

Funktioniert die Bestellung für Hausarzt-Geimpfte mit dem QR-Code?

Das ist unsicher. Selbstversuche von Redaktionsmitgliedern waren anfänglich erfolglos: Zwar führte der Code direkt auf die – sehr langsam ladende – Website wir-impfen.ch, doch beim Klick auf den Zertifikatsanmeldebalken kam die Meldung, man habe «leider keinen Zugriff auf die Seite». Okay, also registrieren und einloggen, doch das hat ebenfalls seine Tücken – schliesslich wollen sich bereits Geimpfte ja nicht zur Impfung anmelden. Nach trotzdem bestätigter Registrierung, aber ohne Anmeldung folgte zunächst nur «Error». Doch später ging es plötzlich: Antrag bestätigt, E-Mail mit Zertifikat vom BAG sollte «voraussichtlich Ende Juni» folgen. Auf Nachfrage bestätigt Karin Faisst, dass das System am Mittwochmorgen überlastet war. Der Ansturm auf das Zertifikat war offenbar gross.

Endlich, ich halte das digitale Zertifikat in den Händen. Und jetzt?

Noch nützt die Pole-Position nichts – zumindest im Inland. Aktuell werden die gesetzlichen Grundlagen erarbeitet, welche die Verwendung des Covid-Zertifikats innerhalb der Schweiz und bei Reisen ins Ausland konkreter regeln, schreibt das Bundesamt für Gesundheit. Der Bundesrat wird voraussichtlich am 23. Juni 2021 darüber entscheiden. «Auf Reisen würde ich es aber in jeden Fall mitnehmen», sagt Impfchefin Faisst.

Ich bin erst einmal geimpft und verreise in die Sommerferien. Kann ich mir die Erstimpfung ebenfalls offiziell bestätigen lassen?

Nein. Das sei aktuell nicht vorgesehen, sagt Karin Faisst, und überdies nicht zielführend. «Ein halber Führerschein nützt auch nichts», sagt sie.

In anderen Kantonen verstreichen Impftermine ungenutzt. Ist dies in St.Gallen ebenfalls der Fall?

Pro Tag erscheinen rund 50-60 Personen nicht zum Termin, sagt Karin Faisst. Bei täglich 1500-1900 Impfungen habe diese Zahl auf einen reibungslosen Ablauf allerdings keinen Einfluss. Der Impfstoff werde stündlich neu aufgezogen, sodass am Schluss des Tages keine Spritzen ungebraucht übrig blieben. «Wir zielen auf eine Punktlandung.» Aktuell zählt der Kanton übrigens insgesamt 320‘000 Stiche; 110‘000 Personen sind bereits doppelt geimpft

Wie läuft das Prozedere im Kanton Thurgau?

Vollständig geimpfte Personen erhalten das Covid-Zertifikat ab nächster Woche bis Ende Juni. Wer sich im Thurgau in Impfzentren angemeldet hat, kann das Zertifikat ab 21. Juni per SMS oder E-Mail herunterladen. Wer sich von der Hausärzteschaft impfen liess, sollte bis Mitte Juni von dieser kontaktiert werden – oder, im Fall von bereits im Januar und Februar Geimpften, direkt durch den Kanton.

Und wie sieht es in den beiden Appenzell aus?

Appenzell Ausserrhoden bittet auf seiner Website aktuell noch um Geduld. Probeläufe zur Ausstellung der Nachweise laufen seit dieser Woche, ab Ende Juni sollten die Zertifikate allen Berechtigten zur Verfügung stehen. Die Onlinebestellung von Zertifikaten soll ab Mitte Juni möglich werden, heisst es weiter. Auch Innerrhoden ist noch nicht ganz so weit, doch sollten Zertifikate ab 14. Juni auf Anfrage automatisch generiert werden können.