Chlordioxid
Weltweit tätiger «Coronawunderheiler» mit Firmennetz im Rheintal propagiert dubioses Allheilmittel

Chlordioxid gilt in der Esoterikszene als angebliches Allheilmittel: Der deutsche «Biophysiker» Andreas Kalcker steuert dessen Verbreitung von seinem Werdenberger Wohnsitz aus. Sein Netzwerk umfasst mehrere Firmen, Vereine und Personen mit Adressen im St.Galler Rheintal oder im Fürstentum Liechtenstein.

Marcel Elsener
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Auch als Autor aktiv: Andreas Kalcker auf dem Cover seines Buchs, das im Verlag des amerikanischen Sektengurus Jim Humble erschien.

Auch als Autor aktiv: Andreas Kalcker auf dem Cover seines Buchs, das im Verlag des amerikanischen Sektengurus Jim Humble erschien.

PD

Anfang März machte der Fall eines Sarganserländer Arztes Schlagzeilen, der seinen Covid-19-Patienten zur Behandlung die ätzende Substanz Chlordioxid verschrieb. Nun zeigen Recherchen des «Beobachters», dass der Einsatz des verbotenen Mittels wohl nicht zufällig in einer Praxis in jener Region stattfand. Einer der wichtigsten Propagandisten für Chlordioxid als Allheilmittel lebt in Sennwald und hat im Raum Werdenberg und Liechtenstein ein ganzes Netzwerk von Firmen und Vereinen aufgebaut, die fragwürdige medizinische Methoden propagieren: der gebürtige Deutsche Andreas Kalcker, der vor seinem Umzug ins St.Galler Rheintal in Spanien lebte.

Kalcker ist als selbsternannter «Biophysiker», Buchautor und Vortragsreisender eine zentrale Figur in der Szene. Laut «Beobachter» ist er eng verflochten mit der amerikanischen Sekte «Genesis 2 Church», die Chlordioxid als ihr Sakrament bezeichnet. Es gebe weltweit und auch in der Schweiz eine lebhafte Community, die glaube, Chlordioxid heile schwere Krankheiten wie Alzheimer, Malaria, Autismus, HIV und Covid-19, schreibt die Zeitschrift. Die Werbung rund um das angebliche Allheilmittel werde massgeblich von der Ostschweiz aus gesteuert.

Fäden von Grabs bis Heiden

Von Andreas Kalcker finden sich viele Videos, wie er in Südamerika Professoren und Behörden seine angeblich wissenschaftlichen Erkenntnisse präsentiert. Er habe in Bolivien und Mexiko «erst kürzlich mehrere Auszeichnungen und einen Ehrendoktortitel einer staatlichen Universität erhalten», sagt er dem «Beobachter». Auch in der Schweiz, unter anderem in Diepoldsau, hat Kalcker in Seminaren demonstriert, wie man Chlordioxid selbst herstellt und sich die Lösung intravenös spritzt. Dies gemäss seiner Mission, die Welt von der heilenden Wirkung von Chlordioxid und den darauf basierenden Mitteln CDL, CDS oder MMS zu überzeugen und «Menschenleben zu retten».

Chlordioxid wird vor allem als Desinfektionsmittel verwendet, die Chemikalie und ihre erwähnten Substanzen sind von Swissmedic für eine medizinische Anwendung nicht zugelassen. Dem «Coronawunderheiler» Kalcker waren im Herbst 2020 aufgrund von seinen Seminaren in Österreich bereits das Magazin «Datum» und der TV-Sender Puls24 auf der Spur, die den «Scharlatan» auch interviewten.

Kalckers Versuch, zusammen mit Investoren und einem Labor in Grabs ein «wissenschaftliches Zentrum» aufzubauen, endete im Konkurs. Daraufhin gründete er in Heiden den Verein für naturwissenschaftliche Biophysik. Zu seinem Netzwerk gehören der Liechtensteiner Verein für Wissenschaft und Gesundheit (mutmasslich finanziert von der Genesis Foundation) und die Firma Medalab, die er mit Geschäftsführer Martin Vetsch betreibt. Das wichtigste Puzzleteil seiner umtriebigen Tätigkeit ist laut dem Bericht aber die in Sennwald domizilierte Vereinigung Comusav, ein «Gesundheitsbündnis» von 5000 Ärzten, Therapeuten und Wissenschaftlern, die fleissig Werbung für Chlordioxid machten.

St.Galler Arzt ein Einzelfall, Generatoren-Vertrieb aus Diepoldsau verboten

Schon möglich, dass Kalckers Mission und Netzwerk, dessen Fäden an seinem Wohnsitz in Sennwald zusammenlaufen, in der Rheintaler Grenzregion und dem für Naturheilpraktiken bekannten Appenzeller Vorderland auf fruchtbaren Boden stösst. Im vergangenen Jahr hat der Kanton St.Gallen einer Diepoldsauer Firma den Vertrieb von Chlordioxid-Generatoren verboten, nachdem er von Swissmedic auf den illegalen Handel aufmerksam gemacht wurde.

Der Sarganserländer Arzt bleibt bisher ein Einzelfall, wie Kantonsapotheker Urs Künzle erklärt. «Wir haben bis jetzt keine Hinweise auf weitere Fälle von Chlordioxid-Abgaben in Arztpraxen.» Und wenn es aufgrund privater Verwendung des dubiosen Mittels im Kanton zu Vergiftungen gekommen wäre, hätten die Gesundheitsbehörden davon gehört.

Dem Arzt wurde die Herstellung und Abgabe von Chlordioxid verboten. Auf eine Strafanzeige haben die St.Galler Gesundheitsbehörden verzichtet. Ob es zu anderweitigen Sanktionen kam, kann oder darf Künzle nicht bekannt geben.