Ausstellung
Wachsfrüchte und Bücher aus Holz: Zwei der wertvollsten Sammlungen zu sehen

Das Naturmuseum Thurgau in Frauenfeld zeigt zwei europaweit seltene Sammlungen mit Früchten aus Wachs und Büchern aus Holz. «Es sind zwei unserer aussergewöhnlichsten, historisch bedeutendsten, ältesten und wohl auch wertvollsten Sammlungsobjekte», sagt Museumsdirektor Hannes Geisser.

Hans Suter
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Museumsgestalterin Eliane Huber und der Leiter des Thurgauer Naturmuseums Hannes Geisser vor dem «Pomologischen Cabinet».

Museumsgestalterin Eliane Huber und der Leiter des Thurgauer Naturmuseums Hannes Geisser vor dem «Pomologischen Cabinet».

Bild: Andrea Stalder

Museumsleiter Hannes Geisser und Szenografin Eliane Huber betreten den kleinen Raum im zweiten Obergeschoss des Naturmuseums in Frauenfeld so andächtig, als würden sie in ein Allerheiligstes vordringen. In gewisser Weise tun sie das auch: Die neue Dauerausstellung «Früchte aus Wachs. Bücher aus Holz. Museen im Kleinen» macht zwei der spannendsten Schätze des Naturmuseums zugänglich. Mit etwas Stolz sagt Hannes Geisser:

«Es sind zwei unserer aussergewöhnlichsten, historisch bedeutendsten, ältesten und wohl auch wertvollsten Sammlungsobjekte.»
Bis heute ist ungeklärt, wie und wann diese wertvolle Holzbibliothek ins Naturmuseum gelangt ist.

Bis heute ist ungeklärt, wie und wann diese wertvolle Holzbibliothek ins Naturmuseum gelangt ist.

Bild: Andrea Stalder

200-jährige Holzbibliothek mit 135 Bänden

Die Holzbibliothek wurde um 1800 vom bayerischen Benediktinermönch Candid Huber (1747–1813) geschaffen. Sein Anliegen war, ein nützliches und innovatives Lehrmittel zu realisieren, das zusammen mit dem ebenfalls von ihm verfassten Lehrbuch das damalige Wissen über Waldbau und Holznutzung vermittelt. Dazu wählte er eine bislang einzigartige Form: das Holzbuch. Die Buchdeckel bestehen aus dem jeweiligen Holz, der Buchrücken ist aus der Rinde gefertigt und im ausgehöhlten Innern enthält es gut erhaltene Pflanzenteile wie Blätter, Knospen, Blüte, Frucht und fallweise sogar ein Schadinsekt.

Nur für Wohlhabende erschwinglich

Laut Hannes Geisser sind im Zeitraum von 1791 bis 1815 mehrere solcher Holzbibliotheken entstanden. Abnehmer waren Waldbesitzer aus Adel und Klöster. «Nur sie konnten sich die Anschaffung leisten», sagt Geisser.

«Ein Exemplar kostete 50 Gulden. Das entsprach zu dieser Zeit dem halben Jahreslohns eines Handwerkers.»

Von rund einem Dutzend europaweit bekannter und bis heute erhaltener Holzbibliotheken von Candid Huber ist diejenige des Naturmuseums Thurgau eine der umfangreichsten. «Bis heute ist nicht geklärt, wie und wann die Holzbibliothek ins Naturmuseum gelangt ist», sagt Geisser. Sie sei bei der Estrichräumung im Zuge des Museumsumbaus 2009 quasi wiederentdeckt worden.

Zubeissen untersagt: Dieser Wachsapfel ist 200 Jahre alt.

Zubeissen untersagt: Dieser Wachsapfel ist 200 Jahre alt.

Bild: Andrea Stalder

Pomologisches Cabinet: Zum Anbeissen schön

Anders als die Holzbibliothek ist das Pomologische Cabinet nicht wiedergefunden, sondern 2016 aus dem Privatbesitz einer Zürcher Familie angekauft worden. Gemeinsam ist den beiden Sammlungen der sinnstiftende Charakter zur Wissensvermittlung. Ihren Ursprung haben die Früchte aus Wachs im «Teutschen Obstgärtner», einer Fachzeitschrift für Obstbau, die der deutsche Pfarrer und Obstbaufachmann Johann Volkar Sickler (1741–1820) ab 1794 bis 1804 herausgab. Ein Leser schlug vor, die Fruchtsorten in Wachs abzubilden, nach dem Vorbild der lebensechten anatomischen Modelle für Medizin. Sickler beauftragte den Konditor Ernst Heinrich Gebhard mit der Herstellung von Wachsfrüchten.

Auf den ersten Blick sind die Wachsfrüchte kaum von echtem Obst zu unterscheiden.

Auf den ersten Blick sind die Wachsfrüchte kaum von echtem Obst zu unterscheiden.

Bild: Andrea Stalder

Gebhard stellte aus den Früchten eine Gipsform her, die er mit einer dünnen Bienenwachsschicht ausgoss, wie Museumsleiter Hannes Geisser erklärt. War das Wachs erkaltet, entnahm er den Fruchtkörper, polierte und kolorierte ihn und setzte die vorbereiteten Stiel- und Kelchimitate ein. Um eine möglichst natürliche Oberflächenstruktur zu erhalten, wurde bei Aprikosen ein feinkörniges Pulver verwendet, bei Pfirsichen wurden gar Fasern beigemischt. Von 1795 bis 1811 liess Johann Volkmar Sickler 300 wirklichkeitsgetreue Wachsmodelle von Äpfeln, Birnen, Kirschen, Zwetschgen, Pfirsichen und Aprikosen herstellen.

Qualität und Zustand europaweit einzigartig

«Heute sind noch acht solcher Modellserien bekannt», sagt Geissler. Das Naturmuseum Thurgau ist im Besitz einer dieser, mit 299 Modellen fast vollständigen Wachsmodellsammlungen sowie seiner kompletten Schriftenreihe mit 22 Bänden. «Vollständigkeit, Zustand und Qualität von Sammlung und Schriften sind europaweit einmalig», sagt der Museumsdirektor mit leisem Stolz.

Zum Schutz vor UV-Licht, Wärme und Feuchtigkeit braucht es eine ausgeklügelte Präsentationstechnik.

Zum Schutz vor UV-Licht, Wärme und Feuchtigkeit braucht es eine ausgeklügelte Präsentationstechnik.

Bild: Andrea Stalder

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