Ausbildung
Fertig Schule: Wieso Staatsangehörigkeit und Geschlecht bei der Lehrstellensuche von St.Galler Jugendlichen eine Rolle spielen

4377 Jugendliche schliessen im Kanton St.Gallen dieser Tage die dritte Oberstufe ab. 95 Prozent von ihnen haben eine Lehrstelle gefunden oder gehen an eine weiterführende Schule. Bei der Suche nach einer Anschlusslösung kann die Staatsangehörigkeit ein Hindernis sein.

Viviana Troccoli
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Die Lehre zur Kauffrau und zum Kaufmann gehört im Kanton St.Gallen zu den beliebtesten Berufsausbildungen.

Die Lehre zur Kauffrau und zum Kaufmann gehört im Kanton St.Gallen zu den beliebtesten Berufsausbildungen.

Bild: Gaetan Bally / Keystone

Eine aktuelle Befragung der Schulabgängerinnen und Schulabgänger im Kanton St.Gallen zeigt: 95 Prozent der Jugendlichen, die 2022 ihr drittes Oberstufenjahr vollenden, haben eine Anschlusslösung gefunden, schreibt das Bildungsdepartement in einer Medienmitteilung. Dieser Wert ist im Vergleich zum Jahr 2021 nur leicht gesunken. Von den insgesamt 4157 Jugendlichen, die eine Anschlusslösung gefunden haben, beginnen 73 Prozent eine Lehre. Besonders beliebte Ausbildungsberufe: Kaufmann und Kauffrau, Fachmann und Fachfrau Gesundheit sowie eine Ausbildung im Detailhandel. Sabine Reinecke, die Leiterin der Zentralstelle im Amt für Berufsbildung, sagt:

Sabine Reinecke, Leiterin der Zentralstelle im Amt für Berufsbildung St.Gallen.

Sabine Reinecke, Leiterin der Zentralstelle im Amt für Berufsbildung St.Gallen.

Bild: PD
«Bei den am häufigsten gewählten Berufen spielen zwei Kriterien eine Rolle: Einerseits die Beliebtheit, andererseits werden für diese Berufe relativ viele Lehrstellen ausgeschrieben.»

Fast 500 Jugendliche aus St.Gallen wählten dieses Jahr die Ausbildung zur Kauffrau oder zum Kaufmann. Der Beruf befindet sich somit an der Spitze der meistgewählten Berufe. «Die KV-Ausbildung ist bei vielen Jugendlichen beliebt, weil sie viele Perspektiven nach der Lehrstelle offenhält», so Reinecke. Der Einstieg in eine andere Branche oder vertiefende Fachrichtung sei nach dieser Lehre leichter. Bei den eher weniger beliebten Berufen sei es schwierig, von den über 200 Berufen konkrete Beispiele zu nennen, so Reinecke. Es seien aber meistens Jobs mit eher schwierigen Arbeitsbedingungen. «Wie etwa das Arbeiten an Wochenenden oder körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten», sagt sie. Insgesamt blieben bis anhin 1575 Lehrstellen unbesetzt.

Junge Frauen streben eher eine schulische Laufbahn an als Männer

Der Anteil an Jugendlichen, welche nach der dritten Sek eine weiterführende Schule besucht, liegt bei rund neun Prozent. Dieser Anteil ist im Vergleich zum vergangenen Jahr um 20 Personen gesunken. «Die meisten Jugendlichen, welche an ein Gymnasium gehen, gehen ab der zweiten Sek», sagt Reinecke. Tendenziell sei der Anteil jedoch über die Jahre hinweg gestiegen. Dies vermutlich coronabedingt. Sie sagt:

«Während des Lockdowns wollten einige Jugendliche den sicheren Weg gehen.»

Denn die Schnuppermöglichkeiten waren begrenzt, viele Unternehmen hatten schon mit den Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen.

Prozentual gesehen, gehen immer noch mehr junge Frauen ab der dritten Oberstufe an eine weiterführende Schule als Männer. Bei den Frauen sind es zwölf Prozent, bei den Männern sind es knapp sechs Prozent. Von den männlichen Jugendlichen beginnen 79 Prozent direkt eine Berufsausbildung, bei den Frauen liegt der Wert bei 66 Prozent. Reinecke vermutet daher, dass gerade junge Frauen das schulische Umfeld mehr schätzen.

Nationalität spielt bei der Berufssuche noch immer eine grosse Rolle

Das Bildungsdepartement schreibt:

«Bei der Lehrstellensuche spielt offensichtlich die Staatsangehörigkeit nach wie vor eine Rolle.»

Von den 220 Jugendlichen, die keine Anschlussmöglichkeiten gefunden haben, hat mehr als die Hälfte eine ausländische Staatsangehörigkeit – dies, obwohl ihr Anteil an der Gesamtzahl der Absolventinnen und Absolventen lediglich 28 Prozent beträgt.

Wieso spielt die Staatsangehörigkeit noch immer eine Rolle? Reinecke interpretiert das mit dem Netzwerk, welches Jugendlichen mit ausländischen Familien teils fehle. «Oft ist auch die Unterstützung durch die Familienangehörigen weniger möglich», sagt sie. Ein ausländischer Name könne bei Bewerbungen ebenso ein Problem sein wie allfällige sprachliche Schwierigkeiten. Reinecke rät daher den Arbeitgebern, stets offen zu bleiben und auch die Chancen zu sehen.

Ein möglicher Ansatz, um dem Problem entgegenzuwirken: auf das Foto und den Namen bei einer Bewerbung zu verzichten. Diese Möglichkeit hat sich laut Reinecke jedoch noch nicht etabliert. Sie meint aber:

«Hier besteht sicher die Chance, dass Bewerbungen anders bewertet werden.»