Aufarbeitung
«Geschichten, die betroffen machen, beeindrucken und schockieren»: Der Alltag in der Zwangsarbeitsanstalt Gmünden wurde in einer Studie aufgearbeitet

Appenzell Ausserrhoden hat die administrativen Versorgungen in der Zwangsarbeitsanstalt Gmünden untersuchen lassen. Entstanden ist ein Buch.

Janina Gehrig Jetzt kommentieren
Drucken
Teilen
Vertreter der Ausserrhoder Regierung (rechts Regierungsrat Alfred Stricker, links Ratsschreiber Roger Nobs) und Historiker und Mitautor Daniel Meier (Mitte) stellten die Studie am Donnerstag in Herisau vor.

Vertreter der Ausserrhoder Regierung (rechts Regierungsrat Alfred Stricker, links Ratsschreiber Roger Nobs) und Historiker und Mitautor Daniel Meier (Mitte) stellten die Studie am Donnerstag in Herisau vor.

Bild: Tobias Garcia (29. Oktober 2021)

Da ist der Familienvater mit einem Alkoholproblem, der elf Kinder zurücklassen musste. Da sind die drei schwangeren Frauen, welche die Straf- und Zwangsarbeitsanstalt für die Geburt ihres Kindes verlassen durften und danach sofort wieder zurückgeschafft wurden oder ein Ehepaar, das wegen «schlechten Betragens» administrativ versorgt wurde, während ihr Kind in ein Waisenhaus gesteckt wurde. Es sind solche Geschichten, «die während langer Zeit im Konsens der Gesellschaft als rechtmässig angeschaut worden sind, die betroffen machen, beeindrucken und schockieren», sagte der Ausserrhoder Landammann Dölf Biasotto gestern an der Medienorientierung im Herisauer Kantonsratssaal.

Der Regierungsrat von Appenzell Ausserrhoden hatte die Beratungsstelle für Landesgeschichte (BLG) Zürich damit beauftragt, die Geschichte der administrativen Versorgungen in der Zwangsarbeitsanstalt Gmünden zwischen 1884 und 1981 aufzuarbeiten. Entstanden ist eine wissenschaftliche Studie in Form eines Buches von rund 350 Seiten.

Auch 120 Frauen wurden weggesperrt

Mit dem Werk wolle man einen Beitrag an die Diskussion um administrativ Versorgte leisten, sagte Landammann Dölf Biasotto. Das Buch zeige auf, wie die Gesellschaft mit Menschen in schwierigen Lebenslagen umgegangen sei. Man könne Übergriffe auf Menschen auch heute nicht immer verhindern. «Aber wir können hinschauen, die Abläufe immer wieder hinterfragen», sagte Biasotto.

8420 Insassinnen und Insassen zählte Gmünden zwischen 1884 und 1976. Eingesperrt wurden aber nicht nur gerichtlich Verurteilte (6586) und Personen, die ihre Bussen nicht bezahlen konnten (582). Gmünden war auch für die administrative Versorgung von «liederlichen» und «arbeitsscheuen» Menschen bestimmt. 1252 von ihnen wurden für bis zu drei Jahren und teils mehrmals dort weggesperrt, davon 120 Frauen.

Dunkelarrest, Ruten-, Stockschläge und Kahlschur

Ziel der Anstaltserziehung war es, mithilfe einer straffen Disziplin und Ordnung aus den Insassinnen und Insassen arbeitsame, an die gesellschaftlichen Normen und Moralvorstellungen angepasste Personen zu machen. Wer nicht spurte, wurde in den Dunkelarrest gesperrt. Auch Ruten-, Stockschläge oder Kahlschur gehörten zu den gängigen Strafen. Erst im Jahr 1981 wurde der Vollzug administrativer Zwangsmassnahmen gestoppt. In der Folge haben sich Bund, Kantone und Gemeinden um Anerkennung, Wiedergutmachung und wissenschaftliche Aufarbeitung des Unrechts bemüht.

So hat sich auch der Regierungsrat von Appenzell Ausserrhoden 2014 an einer schweizweiten Aktion zur Äufnung eines Soforthilfefonds zugunsten der Betroffenen und 2017 am Solidaritätsfonds beteiligt und insgesamt rund eine halbe Million Franken bezahlt. Auch haben die Behörden öffentlich bei den Betroffenen um Entschuldigung gebeten. Rasch habe sich aber gezeigt, dass die Aufarbeitung des Geschehenen mit der Anerkennung des Leids und einem finanziellen Beitrag nicht abgeschlossen sei, sagte Regierungsrat Alfred Stricker.

«Als Regierung tragen wir die Verantwortung – auch für Unrecht, das in der Vergangenheit geschehen ist.»

Äusserst gute Quellenlage im Kanton

Beim Kanton habe man eine äusserst gute Quellenlage angetroffen, sagte Mitautor Thomas Meier von der Beratungsstelle für Landesgeschichte. Zusammen mit den mündlichen Aussagen von zwölf Zeitzeugen habe die Entwicklung von Gmünden über ein Jahrhundert nachgezeichnet werden können. Das Buch zeige nicht nur die Gründe, sondern auch die drastischen Folgen der Zwangsmassnahmen auf, unter denen häufig ganze Familien zu leiden hatten. So seien die Personen «allein» aufgrund von Armut, Alkoholismus, Krankheiten oder prekären familiären Umständen und ohne richterlichen Beschluss eingewiesen worden. Meier sagte:

«Wer ein Leben am Rand der Gesellschaft führte, galt als liederlich.»

Die Betroffenen hätten wenig Möglichkeiten gehabt sich zu wehren. Die Aufseher waren kaum vorbereitet, mussten lange Arbeitstage leisten und wurden schlecht entlöhnt. Für Reformen setzten sich vor allem Seelsorger ein, häufig ohne Erfolg. Eine unabhängige Aufsichtskommission fehlte, da diese der Regierung nahe stand. In Gmünden bestand Arbeitszwang, weshalb die Internierten auch als Staatssklaven bezeichnet wurden. Ein ausgeglichenes Budget hatte die höchste Priorität. Als aussergewöhnlich bezeichnete der Historiker denn auch, dass die Institution bereits um 1900 schuldenfrei war.

Kommt die Gesellschaft ohne Zwangsmassnahmen nicht aus?

Zum Schluss stelle sich die Frage, ob nach 1981 alles besser geworden sei, sagte Meier. So verwies er etwa auf abgewiesene Asylsuchende, die festgehalten werden können, ohne je straffällig geworden zu sein oder auf die steigende Zahl jener, die durch eine fürsorgerische Unterbringung in die Psychiatrie eingewiesen würden. «Offensichtlich kommt die Gesellschaft ohne Zwangsmassnahmen nicht aus», so die persönliche Schlussfolgerung von Meier.

0 Kommentare

Aktuelle Nachrichten