ANKLAGE
Mit achtseitigem Strafregisterauszug: Strolchenfahrer schrammt knapp an Verwahrung vorbei

Das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland spricht einen jungen Mann schuldig, der kriminell Auto gefahren ist. Seine Fahrten waren derart spektakulär und zahlreich, dass die Anklage eine sogenannte «kleine Verwahrung» forderte.

Reinhold Meier
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Der kriminelle Lenker verursachte wiederholt spektakuläre Unfälle mit gestohlenen Autos.

Der kriminelle Lenker verursachte wiederholt spektakuläre Unfälle mit gestohlenen Autos.

Jorg Greuel / Stone RF

Im ersten Fall hatte der Beschuldigte einen Skoda geklaut und war damit von Wil nach St.Gallen gerast. Nachdem er am Auto einen massiven Frontschaden verursacht hatte, liess er es stehen und stahl sich zu Fuss davon. Ein anderes Mal klaute er Kennzeichen und brachte sie an einem wiederum geklauten Auto an, einem Mercedes. Auch damit produzierte er einen Selbstunfall, rasierte ein Verkehrsschild um, schrammte an einer Leitplanke entlang und liess den demolierten Wagen schliesslich mit abgerissenen Blechen in einem Wiesenbord stehen. Zuvor war er in eine Tankstelle gedonnert und hatte dabei Schaden in Höhe von mehreren zehntausend Franken hinterlassen.

Im Toggenburg hatte er es später auf einen weiteren Mercedes abgesehen, der in einer Garage stand. Schon bei der Ausfahrt beschädigte er Auto und Tor, preschte aber gleichwohl ins Dunkel der Nacht davon. Dann klaute er erneut Kontrollschilder und brachte sie an dem Mercedes an. Erst ein Selbstunfall beendete die Tour, rund 20'000 Franken schlugen diesmal zu Buche. Es folgten weitere Delikte, namentlich im Raum Sargans. Mehrfach wurde er dabei geblitzt, sodass grosse Tempoverstösse aktenkundig wurden. Die Anklageschrift umfasste schliesslich 19 Dossiers, in denen ihm vielfache Verstösse gegen das Strassenverkehrsgesetz zur Last gelegt wurden, nicht zuletzt, weil er stets ohne Fahrausweis unterwegs war. Zwölf Privatkläger verlangten insgesamt rund 35'000 Franken Schadensersatz.

«Kopf im Wattebausch»

Der zum Tatzeitpunkt knapp Volljährige zeigte sich an Schranken geständig und räumte die Taten ein. Er habe unter massivem Drogeneinfluss gestanden und könne sich nur noch schemenhaft erinnern. «Mein Kopf war wie im Wattebausch.» Nichts sei geplant gewesen, das Ganze ein dummer Stuss und er sei nur froh, dass niemandem etwas passiert sei. «Zum Glück wurde niemand verletzt». Auch er selbst hätte längst tot sein können, etwa beim Tankstellenunfall, er sei aber aus dem Auto geschleudert worden. «Ich verstehe das alles selbst nicht.»

Jetzt, im vorzeitigen Strafvollzug, sei er anfangs trotzig gewesen, lasse sich nun aber auf die Therapie ein, erklärt er. «So kann es ja nicht weitergehen, das habe ich gecheckt.» Sein Anwalt forderte denn auch, von der «kleinen Verwahrung» abzusehen und stattdessen eine ambulante Therapie anzuordnen. Schuldsprüche im Sinne der Anklage seien zwar zu fällen, jedoch nur 24 statt der geforderten 28 Monate auszufällen. Entlastend sei der Drogenkonsum und der Umstand zu werten, dass es sich bei den Strolchenfahrten nicht um klassische «Verwahrungsdelikte» handle wie Sexualstraftaten, Kinderschändung oder Mord.

Therapie statt Wegschluss

Das Gericht verhängte denn auch umfängliche Schuldsprüche und entschied auf 28 Monate Haft. Zudem ordnete es eine stationäre Therapie an und fand damit den Mittelweg zwischen Anklage und Verteidigung. Wegen der Vorgeschichte – sie umfasst einen achtseitigen, einschlägigen Strafregisterauszug – komme ein ambulantes Setting keinesfalls mehr in Frage, hiess es. Andererseits sei die kleine Verwahrung trotz befürwortendem Gutachten zu wenig zielführend. Dies namentlich wegen des jungen Alters des Täters und wegen des relativ glimpflichen Ausgangs der Taten im Vergleich zu schweren Kapitalverbrechen. Für jüngere Erwachsene gebe es daher die Möglichkeit zur Therapie mit pädagogischem Ansatz während der Haft, um eine Berufsausbildung zu ermöglichen. Diese sei hier nötig. Die Zivilforderungen hatte der Täter zuvor im Wesentlichen anerkannt.

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