Rücktritt
Angriffig, bissig, scharfzüngig: SP-Parteipräsident Max Lemmenmeier verlässt die politische Bühne

Nach vier Jahren an der SP-Spitze hat Max Lemmenmeier seinen Rücktritt bekannt gegeben. Damit endet eine politische Karriere als Stadtparlamentarier, Kantonsrat und Parteipräsident.

Noemi Heule
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Max Lemmenmeier gibt mit 70 Jahren den Rücktritt als SP-Parteipräsident bekannt und kündigt einen Generationenwechsel an.

Max Lemmenmeier gibt mit 70 Jahren den Rücktritt als SP-Parteipräsident bekannt und kündigt einen Generationenwechsel an.

Bild: Nik Roth

Es ist ein Abschied aus der Politik. Am Mittwoch gab Max Lemmenmeier in einem Schreiben an die Mitglieder der SP seinen Rücktritt als Parteipräsident bekannt. Ein absehbarer Schritt des 70-Jährigen, der bereits vor einem Jahr ankündigte die vierjährige Amtsperiode noch vollenden zu wollen und danach einen Generationenwechsel in Aussicht stellte. Wer in die Fussstapfen des Historikers tritt, entscheiden die SP-Delegierten am Parteitag Ende Juni.

Er werde weiterhin aktiv an Diskussionen teilnehmen, sagt Lemmenmeier, die aktive Politik lässt der pensionierte Kantonsschullehrer allerdings hinter sich. Die politische Bühne betrat Lemmenmeier 1997 relativ spät, als er ins St.Galler Stadtparlament gewählt wurde, 2006 wechselte er in den Kantonsrat, wo er mit polarisierenden Voten auffiel.

«Charismatischer Redner», «fairer Gegner»

«Pointiert», «hartnäckig», «scharfzüngig» nennen Parteikollegen seine Auftritte. «Angriffig», «bissig», heisst es bei seinen Gegnern, die hinter seinem Rücken auch mal über den «Altkommunisten» frotzelten. Aber auch ein charismatischer Redner oder fairer Gegner, hört man von Parlamentariern, die in der Pfalz rechts von ihm Platz nahmen. Immer wieder wird auch sein historisches Wissen anerkennend genannt. Seine Partei schreibt dazu: «Als Historiker ordnete er das Tagesgeschehen in wohltuender Selbstverständlichkeit auf der Zeitachse ein.» Sie würdigt in einer Medienmitteilung seine scharfen Analysen, sein immenses politisches Wissen und seine Offenheit gegenüber neuen Ideen. Weiter heisst es:

«Max Lemmenmeier scheute nie die politische Auseinandersetzung.»

Auch nach seiner Rücktrittsankündigung ist der Widerstandsgeist nicht verflogen. Welche Geschäfte würde er gerne noch weiter begleiten? Lemmenmeier spricht von der «verfehlten Sparpolitik des Kantons» und von der «unsäglichen Steuerfussfixierung der Bürgerlichen». «St.Gallen verliert als Arbeitgeber, Arbeits- und Wohnort an Attraktivität», sagt er. Und fügt an: «Aber diesen Kampf können auch andere austragen.»

Herzensangelegenheit Kinderzulagen

Im Kantonsrat ist er selbst seit seiner Abwahl vor einem Jahr nicht mehr vertreten. Eine seiner politischen Niederlagen. Zusammen mit dem Abbau der Spitäler im Kanton, den er lange Zeit an vorderster Front zu verhindern versuchte. Erfolglos, bis auf das Trostpflaster, dass das Referendum für das Spital Wattwil geglückt ist. Als seinen wichtigsten Erfolg bezeichnet er die Erhöhung der Kinderzulagen um 30 Franken pro Kind und Monat. Eine persönliche Herzensangelegenheit, die ihm sogar eine Todesdrohung einbrachte. Auch die Verteidigung der beiden Nationalratssitze 2019 und die Wahl Laura Buchers in den Regierungsrat nennt er als grösste Erfolge seiner Amtszeit.

Dass sein eigener Sitz dem Wahlerfolg der Grünen und der parteieigenen Frauen zum Opfer fiel, mutet ironisch an. «Die Frauenförderung war ihm immer ein Anliegen», sagt Fraktionspräsidentin Bettina Surber. In einem Interview mit dieser Zeitung zum Amtsantritt vor fast fünf Jahren bezeichnete er den Klimawandel als zentrales Thema der Zukunft. Heute sagt er:

«Es braucht eine Klimapolitik, die auch eine Sozialpolitik ist.»

Geschichtsbuchautor, Plakatschmuggler

Im selben Interview sprach er davon, irgendwann einen Roman zu schreiben. Und mit Blick auf sein neues Amt: Vielleicht könne das Präsidium ja Romanstoff liefern. Ob sein Wunsch in Erfüllung ging? Zumindest fand er sich vor zwei Jahren in der Hauptrolle eines irrwitzigen Schauspiels wieder. Weil er das Transparent der demonstrierenden Klimajugend ins Parlament geschmuggelt hatte, musste er sich vor dem Rat verantworten. Eine Episode, die ihm Gegner trotz der öffentlichen Entschuldigung noch heute anlasten.

Künftig will sich Max Lemmenmeier auf sein Privatleben, seine fünf Enkel, konzentrieren. «Und ich warte sehnlichst darauf, dass endlich wieder Kulturveranstaltungen möglich sind», sagt er. Die spitze Feder will der Mitverfasser der St.Galler Kantonsgeschichte nicht mehr für politische Reden, sondern für wissenschaftliche Publikationen und ein Schulbuch in die Hand nehmen. Oder doch ein Roman?

Auch Gallus Hufenus tritt zurück

Auch SP-Vizepräsident Gallus Hufenus tritt auf die Delegiertenversammlung der Partei Ende Juni zurück. Der St.Galler Stadtparlamentarier und Kaffeehausbetreiber führte das Amt während zwei Jahren aus. Das SP-Parteipräsidium besteht traditionell aus dem Präsidenten und je zwei Vizepräsidentinnen und Vizepräsidenten.