"Respekt, aber keine Angst"

Seit heute früh präparieren Sprengmeister der Firma Geo Rock AG aus Weisslingen die Zwillingskamine auf dem Raduner-Areal in Horn. Diese gehören zur ehemaligen Textilfabrik, die im Sommer durch einen Grossbrand zerstört wurde. Um 16 Uhr erfolgt die Sprengung, die von der Bevölkerung aus sicherem Abstand beobachtet werden kann.

Rudolf Hirtl
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Werden um 16 Uhr gesprengt: Die Zwillingstürme auf dem Raduner Areal in Horn. (Bild: Rudolf Hirtl)

Werden um 16 Uhr gesprengt: Die Zwillingstürme auf dem Raduner Areal in Horn. (Bild: Rudolf Hirtl)

Der grössere der beiden Kamine ist 40 Meter hoch, hat einen Umfang von knapp 11 Metern und ist 250 Tonnen schwer. Der kleinere Zwilling ist zwei Meter kürzer, hat einen Umfang von 9 Metern und ist 220 Tonnen schwer. Seitlich herausgefrässte Fallschlitze sorgen laut Sprengmeister Köbi Keller dafür, dass die Kamine wir vorgesehen in den Innenraum des Abbruchareals stürzen. Fünf Minuten vor der Sprengung, also um 15.55 Uhr, wird der Verkehr auf der Verbindungsstrasse Rorschach – Arbon aus Sicherheitsgründen angehalten.
 

Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
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Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
Bild: Hardy Buob
Bild: Rudolf Hirtl
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Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)

Über 40 Kamine gesprengt
Köbi Keller ist bereits pensioniert und könnte zuhause in der warmen Stube gemütlich die Füsse hochlegen. Doch heute steht er mit von der Kälte klammen Fingern zehn Meter über dem Boden im Arbeitskorb einer Hebebühne und verbindet den rosaroten Gelatinesprengsoff mit Zündern und Kabeln und schiebt ihn anschliessend mit einem Stock in eines der Bohrlöcher. Zwischendurch nimmt er einen Plan zur Hand und streicht seine Arbeitsgänge Schritt für Schritt ab. "Wir müssen alles dokumentieren, damit wir die Ursache eruieren können, falls etwas schief geht" Bei bisher 45 Kamin-Sprengungen war dies allerdings noch nie nötig. "Das einzige was unplanmässig zu Bruch ging, war eine Fensterscheibe", sagt der Sprengmeister mit einem Schmunzeln und schneidet eine der Sprengstoffkapseln in der Mitte durch.

Handy bleibt ausgeschaltet
Spätestens in diesem Moment stösst der Schreiberling ein kurzes Stossgebet gegen Himmel. "Respekt ja, aber keine Angst, sonst kann man diesen Job nicht machen", sagt Keller auf die Frage, ob er keine Angst hat, der Sprengstoff könnte ihm zu früh um die Ohren fliegen. Ein Restrisiko sei vorhanden, räumt er seelenruhig ein. Auch wenn er dies als sehr klein bezeichnet, lässt er sein Handy während der Arbeit ausgeschalten, zumal die Sprengkapseln elektrisch gezündet werden. Kein Wunder also, dass beim Umgang mit dem Sprengstoff nur Ladestöcke und Werkzeuge verwendet werden, bei denen Funken und gefährliche elektrostatische Aufladung nicht entstehen können. Und bei aufziehendem Gewitter dürfen Sprengladungen schon gar nicht mehr mit Zündern versehen werden.
 
46 Sprengladungen werden angebracht
Köbi Keller wirkt bei der Präparierung der Sprenglöcher ungemein gelassen. Er arbeitet ohne Hektik und lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen, schon gar nicht von gestikulierenden Bauführern. Diese Abgeklärtheit und die grosse Erfahrung von Köbi Keller sind es auch, die die Geo Rock AG laut Marco Zimmermann regelmässig auf die Dienste des Sprengmeisters in Ruhestand  zurückgreifen lassen. "Für die Anzahl der Bohrlöcher und die Bohrlochabstände ist die Wandstärke der Kamine massgebend", sagt Zimmermann. In diesem Fall seien dies 24 und 22 Bohrlöcher, gesamt also 46 Sprengladungen. Um die Zündfolge zu steuern, würden unterschiedlich lange Sprengzünderverwendet. Er rechnet damit, dass die Vorbereitungsarbeiten bis heute um 14 Uhr abgeschlossen sein werden. Dann stecken nicht weniger als 5,5 Kilo Sprengstoff in den Kaminen.
 
Wankdorf war eine sentimentale Angelegenheit
Eines der Highlights in der Karriere von Köbi Keller war die Sprengung des ehrwürdigen Stadion Wankdorf in Bern, wo 1954 das Endspiel der Fussball-Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Ungarn (3:2) stattfand, das als Wunder von Bern in die Fussballgeschichte einging. "Viele deutsche Touristen sassen auf der Tribüne, als wir dort die Sprengung vorbereiteten  und wollten sich diesen geschichtsträchtigen Ort vorher noch einmal ansehen", erinnert sich Keller. Bei der Sprengung selbst waren denn auch alle bekannten deutschen TV-Sender live vor Ort.

Am extremsten war die Arbeit auf dem Malojapass. Bei minus 26 Grad musste auch Köbi Keller, ansonsten alles andere als zimperlich, Handschuhe tragen. "Als wir endlich fertig waren wurde es wärmer. Flauschige minus 17 Grad", sagt er scherzend und blickt entspannt auf den Bodensee. "Eine solche Aussicht habe ich bei der Arbeit auch nicht alle Tage."