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REPORTAGE: "Jemand hat gesagt, meine Frau sei tot. Stimmt das?"

Wochentage und Tageszeiten geben keinen Halt mehr, längst gingen Namen und Worte vergessen. Trotzdem sollen Demente im Alters- und Pflegeheim Grabs selbstbestimmt leben dürfen. Der Alltag auf der Wohngruppe ist anstrengend – und beglückend.
Text: Julia Nehmiz; Bilder: Sabrina Stübi
Die Worte sind vergessen, doch die Vertrautheit ist noch da: Peter* besucht täglich seine Frau in der Wohngruppe und führt sie aus ins heimeigene Restaurant. (Bild: Sabrina Stübi)

Die Worte sind vergessen, doch die Vertrautheit ist noch da: Peter* besucht täglich seine Frau in der Wohngruppe und führt sie aus ins heimeigene Restaurant. (Bild: Sabrina Stübi)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Die Türen zum Büro stehen immer offen. Stationsleiter Herbert Fasolt sitzt am Computer, durch die grossen Fenster hat er den Aufenthaltsraum seiner Dementenwohngruppe im Blick. Da steckt Josef* den Kopf herein: «Darf ich?», fragt er. Mit grossen Augen sieht er den Pfleger an. «Klar, komm rein», antwortet Herbert. Josef fährt sich durch die Haare, wirkt schockiert. «Jemand hat gesagt, meine Frau sei tot. Stimmt das?» Herbert sieht ihn ernst an. «Ja Josef, das ist wahr. Deine Anna ist vor drei Jahren gestorben.» Josef greift sich ans Herz, sein Atem wird flach. «Läck du mir, nein. Meine Anna.» Er kann es nicht fassen. Er wolle jetzt heim, stammelt Josef. Herbert berührt ihn sanft an der Schulter. «Du bist hier daheim. Schau, hier ist dein Zimmer, da steht dein Name, hier im Kasten sind deine Kleider.» Josef fasst sich wieder dorthin, wo er sein Herz vermutet. «Komm, auf den Schreck hin trinken wir einen Kaffee», sagt Herbert, und führt den alten Mann in den Aufenthaltsraum. Und Josef, eben noch zu Tode erschüttert über den Verlust seiner geliebten Frau, sitzt beruhigt neben den anderen am Kaffeetisch. Seine Anna, seine Trauer sind wieder vergessen.

Alltag auf einer Demenzstation. Pfleger, Bewohner und Angehörige leben im Wechsel zwischen Freude und Trauer, Liebe und Aggression, Trubel und Stille. Wobei es Herbert wichtig ist, dass sie eben keine «Demenzstation» sind, sondern eine Wohngruppe. Denn schon im Wort steckt drin, was das Leben dort ausmacht: Hier soll der Mensch im Mittelpunkt stehen und nicht eine Diagnose, Behandlung oder pflegerische Massnahme. Auch deswegen duzen sich fast alle. Und: An den Vornamen erinnern sich die Bewohner am längsten.

Im Büro, der «Schaltzentrale» der Wohngruppe 2, sitzen Pfleger und Nachtwache frühmorgens beim Rapport. Draussen ist es noch dunkel. Jakob ist schon auf, im Pyjama schlurft er am Geländer entlang. Langsam trippelt er den Gang hinunter, um die Kurve bei der Sitzgruppe, drüben den Gang wieder rauf, um die Kurve durch den Essbereich, und wieder den Gang hinunter Richtung Sofas. Leise brummt er vor sich hin. Ein grauer, ruheloser Tiger. Ursi sitzt am Tisch, angezogen und bereit für den Tag.

Still ist es. Noch. «Später haben wir hier schon mehr Action», sagt Stationsleiter Herbert. Er arbeitet seit fast drei Jahren in der Wohngruppe des Alters- und Pflegeheims Werdenberg in Grabs. Und er hat einige Neuerungen eingeführt. So dürfen die Bewohner so lange schlafen, wie sie wollen. «Warum sollten wir ihnen unseren Rhythmus aufzwingen?», fragt Herbert. Auch wenn sie ihre Namen nicht mehr wissen, ihre Ehepartner nicht mehr erkennen, längst vergessen haben, wie man sich anzieht, isst, auf die Toilette geht, wenn Jahreszeiten, Wochentage und Tageszeiten keinen Halt mehr geben – selbstbestimmt sollen sie trotzdem leben dürfen. Wer ausschlafen mag, soll ausschlafen dürfen. Wer nicht merkt, dass er auf die Toilette muss, wird nicht aus dem Schlaf gerissen. Wer mitten in der Nacht Hunger hat, bekommt etwas zu essen. Wer seine Tablette nicht schlucken mag, muss sie nicht nehmen.

Stationsleiter Herbert Fasolt kontrolliert die Patientenakten. (Bild: Sabrina Stübi)

Stationsleiter Herbert Fasolt kontrolliert die Patientenakten. (Bild: Sabrina Stübi)

Demenz – eine Diagnose, die Angst macht. Die Schreckensvorstellung, selber betroffen zu sein, zu merken wie einem das Leben aus den Händen gleitet; wie die Erinnerungen und Erfahrungen, die das Leben prägten, eine nach der anderen vergessen gehen. Laut Alzheimer Schweiz sind hierzulande aktuell 144000 Menschen an Demenz erkrankt. Von den über 90-Jährigen sind gemäss Schätzungen mehr als 40 Prozent dement. 2040 sollen in der Schweiz 300000 Demenzpatienten leben.

22 leben zurzeit in den beiden Wohngruppen in Grabs. 2009 eröffnete das Alters- und Pflegeheim die Wohngruppen, jede kann zehn bis zwölf Personen aufnehmen. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben eine mittlere bis schwere Demenz. Wobei, was bedeuten schon Klassifizierungen, sagt Herbert, die Übergänge sind fliessend. Er ist auf der Wohngruppe 2 im ersten Stock, die Glastür zum Treppenhaus ist mit Zahlencode gesichert, die Tür zum umzäunten Garten ist für alle immer zu öffnen. Wohngruppenkatze Chiara fühlt sich auf beiden Stockwerken zu Hause. Am Mittag streift sie durch den Aufenthaltsraum und sucht Streicheleinheiten.

Während des Mittagsschlafs liegen die Finken vor dem Bett. (Bild: Sabrina Stübi)

Während des Mittagsschlafs liegen die Finken vor dem Bett. (Bild: Sabrina Stübi)

Das Leben auf einer Demenzwohngruppe erscheint auf den ersten Blick fremd – und kalt. Warum sitzen Ursi, Emil und Martha schon seit einer halben Stunde stumm und reglos am Tisch? Warten sie darauf, dass etwas passiert? Warum wird mit ihnen nicht gesungen, gespielt, gebastelt? Herbert winkt ab. Reinem Aktionismus kann er nichts abgewinnen. Es gehe nicht darum, die Bewohner ständig zu bespassen. Es ist ein Balancieren zwischen Zuwendung und Überforderung. «Die drei sind zufrieden, sonst hätten sie sich längst bemerkbar gemacht.» In seinen 27 Jahren als Pfleger hat er die Erfahrung gemacht, dass ältere Menschen gerne einfach nur dasitzen. Sinnieren. Die Stille muss man aushalten können, als Angehöriger, als Besucher, als Pfleger.

Es ist aber nicht so, dass auf der Wohngruppe nichts passiert. Im Aktivierungszimmer stapeln sich Bastelmaterialien. Jeder Bewohner hat mit Kartoffeldruck Stoff verziert, daraus werden Bezüge genäht für die nach Wald duftenden Arvenkissen. Eine Tasche voller Tannenzapfen wartet darauf, als Weihnachtsdeko verglitzert zu werden, und im Büro stehen mehrere Dutzend Konfitüregläser. Johannisbeergelee, gemeinsam gekocht, für Weihnachten.

Die Bewohner dürfen im Zimmer Bilder und Fotos aufhängen. (Bild: Sabrina Stübi)

Die Bewohner dürfen im Zimmer Bilder und Fotos aufhängen. (Bild: Sabrina Stübi)

Die Zimmer der Bewohner sind funktional und schlicht eingerichtet, Angehörige haben Bilder und Fotos aufgehängt. Mehr braucht es nicht, sagt Herbert. Er kann Demenzstationen, die mit Marktplatz, Supermarkt oder Bushaltestelle ausgestattet sind oder dem berühmten holländischen Demenzdorf nichts abgewinnen. «Das wird nur aus der eigenen Angst heraus gebaut, aus falschen Vorstellungen davon, wie ein sinnvolles Leben auszusehen hat.» Ein Marktplatz ohne Markttreiben, eine Bushaltestelle, an der nie ein Bus fährt, damit würde man Demente veräppeln. In Werdenberg wollen sie ehrlich mit ihren Bewohnern umgehen. Sie und ihre Bedürfnisse ernst nehmen. «Auch wenn ein Bewohner meine Worte nicht mehr versteht, so versteht er das Gefühl, in dem ich sie spreche, und reagiert darauf.»

Waschen darf auch Wellness sein

Den Frühdienst startet Herbert mit einem Rundgang. Leise schaut er, ob schon jemand die Augen offen hat, und lässt überall die elektrischen Jalousien hoch. «Der Tag kann langsam Einzug halten», findet er. Ein weisser Lockenkopf lugt verschlafen durch einen Türspalt. «Ja guten Morgen, Maria, was ist?», fragt Herbert. Die kleine alte Dame blinzelt ihn an. «Komm, wir gehen die Schuhe anziehen», sagt Herbert, hilft ihren nackten Füssen in die Pantoffeln, fischt ihre Brille aus dem Nachtkästchen und setzt sie ihr auf. Er bringt sie zur Toi­lette. Jakob dreht weiter seine Runden.

Im Aufenthaltsraum gibt es Tee und Kaffee. (Bild: Sabrina Stübi)

Im Aufenthaltsraum gibt es Tee und Kaffee. (Bild: Sabrina Stübi)

Lina liegt im Doppelzimmer mit offenen Augen im Bett. «Guten Morgen, Lina, hast du gut geschlafen?» Lina kaut, als ob die Antwort im eingefallenen Mund nur darauf wartet, ausgesprochen zu werden. Doch das mit den Worten hat Lina schon länger vergessen. Manchmal kann sie noch deutlich knurren «gang weg» oder «la mi in Ruh». Aber jetzt lächelt sie Herbert zaghaft an. Ihre Art, Zustimmung zu zeigen. Herbert zieht ihr die Finken im Bett an, hilft ihr, aufzustehen und ins Bad zu tapsen. «Lina, willst du dich selber waschen?» «Nnn, nnnn», kaut Lina, und das heisst wohl nein, und Herbert übernimmt die Morgentoilette. Seine Bewohner machen sich ja nicht dreckig, nebst der Intimpflege reicht es also, Beine und Rücken mit dem Pflegeöl der hauseigenen Ölfachfrauen einzureiben. Geduscht wird einmal pro Woche. Routinierte Handgriffe, während Lina auf dem WC sitzt. Zu viele Ortswechsel machen ihr zu schaffen. Herbert nimmt es ganz pragmatisch. Als es Josef am Rücken beisst, rubbelt Herbert energisch mit dem Waschlappen über die juckenden Stellen. «Aaaah» seufzt Josef wohlig, und Herbert findet, Waschen darf ruhig auch Wellness sein.

Frau Fässler ist mit vielen Schmerzen aufgewacht. «Der Arm tut so weh», klagt sie, «viel mehr als Kopf und Bauch.» Sie zuckt und stöhnt, als Herbert die Triggerpunkte massiert. Vielleicht möchte sie auch nur ein bisschen Zuwendung, jetzt, da letzte Woche ein neuer Bewohner eingezogen ist, der viel Pflege braucht, und um den sich alle kümmern.

Im Vorbeigehen holt Herbert aus Marthas Fach eine Haarspange, um ihr die Haare hochzustecken. «Sie hat mir mal gesagt, dass sie früher immer eine Gretel-Frisur hatte.» Auch Google wusste nicht, was genau Martha damit meinte, aber sicher ist für Herbert: ein Pferdeschwanz ist es nicht.

Zum Frühstück hat Pflegerin Marijana das Radio eingeschaltet, ein Ländler dudelt in den Morgen. Martha und Ursi streichen Konfi auf ihre Brotscheibe, Marijana füttert Lina mit Joghurt, Emil sitzt schweigend vor seiner Tasse Kaffee.

Der Morgen vergeht, für die Pfleger mit viel Arbeit, für die Bewohner in ihrem eigenen Rhythmus. Zum Mittagessen wird es hektischer, zwei Pfleger zum Schöpfen, Kleinschneiden, Füttern. Franz greift auf die Teller der anderen, Martha will ihn daran hindern, Hansjörg nickt schon bei der Suppe ein. Frau Frey schläft noch, ihre Portion wird zur Seite gestellt, Maria ist satt, sperrt aber brav den Mund auf, wenn die Gabel kommt – und Pfleger Herbert und Praktikant Florin sollen dazwischen selber noch zum Essen kommen.

In der Mittagspause schläft Lina am Tisch, ihr Kopf sinkt hernieder, Florin hat ihr zwei Kissen untergeschoben. «Ach, wenn sie hier schlafen mag, darf sie das», sagt Herbert.

Trotz Arbeitsbelastung ein «absoluter Traumjob»

Nach dem Nachmittagskaffee kommt Leben in die Stube. Maria erhält wie jeden Tag Besuch von ihrem Mann, Josef geht zum Coiffeur, Jakob will Hansjörg in seinem Laufstuhl helfen, vorwärtszukommen. Als Florin das Bastelmaterial auf den Tisch stellt, ordnet Ursi kurz die Tannenzapfen. Mitbasteln mag heute keiner. Dafür will Josef am Rapport der Pfleger teilnehmen, und wie immer darf er das. Interessiert lauscht er. Interna wird Josef nicht ausplaudern können – zu schnell hat er sie vergessen. Frau Fässler und Frau Frey spielen «Eile mit Weile», und wie immer gewinnt Frau Fässler. Franz und Lina sitzen händchenhaltend am Tisch, sie strahlt ihn an, er erzählt ihr Geschichten. Die Wortkaskaden, die aus ihm strömen, versteht nur er. Ursi verräumt Dekoration und Kissen und Putzlappen, scharf beobachtet von Frau Fässler, die Angst hat, dass jemand Sachen aus ihrem Zimmer verschleppt. Emil und Josef geraten aneinander, war­um, weiss niemand; schnell greifen die Pfleger ein.

Draussen dunkelt es ein, zum Abendessen gibt es Café complet, dann wird einer nach dem anderen für die Nacht parat gemacht. Für Herbert ist ein intensiver Arbeitstag zu Ende gegangen. Trotz Arbeitsbelastung ein «absoluter Traumjob», sagt er. «Demenzpflege ist die Königsdisziplin.» Er gebe nicht nur viel, er bekomme von den Bewohnern mindestens genau so viel zurück. Und wie zum Beweis lächelt ihn Lina zum Abschied glückselig an.

*Die Namen der Patienten und Angehörigen wurden geändert.

Hinweis: St. Galler Demenz-Kongress, 15. November. www.demenzkongress.ch

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