Regionales Leistungszentrum in Wil: Ehefrau des angezeigten Kunstturntrainers wird Cheftrainerin ++ Personalentscheid löst Kritik aus ++ Schweizerischer Turnverband: «Kein Kommentar» ++ Umstrittener Vereinspräsident abgetreten

Der Vorstand des Regionalen Leistungszentrums Ostschweiz (RLZO) für Kunstturnen in Wil verpflichtet Eszter Kissné als neue Cheftrainerin. Gegen ihren Ehemann und Ex-Cheftrainer ermittelt die St.Galler Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf sexuelle Handlungen mit Minderjährigen. Der Schweizerische Turnverband (STV) ist informiert, nimmt aber momentan keine Stellung.

Odilia Hiller
Merken
Drucken
Teilen
Das Regionale Leistungszentrum Ostschweiz (RLZO) in Wil überrascht nach Missbrauchsvorwürfen gegen den entlassenen Cheftrainer mit einer pikanten Nachfolge. (Bild: Michel Canonica)

Das Regionale Leistungszentrum Ostschweiz (RLZO) in Wil überrascht nach Missbrauchsvorwürfen gegen den entlassenen Cheftrainer mit einer pikanten Nachfolge. (Bild: Michel Canonica)

  • Die Ehefrau des wegen sexuellen Handlungen mit Minderjährigen angezeigten ehemaligen Cheftrainers am Regionalen Leistungszentrum Ostschweiz (RLZO) für Kunstturnen in Wil wird neue Cheftrainerin. 
  • Der Personalentscheid stösst auf Kritik, notabene in Kreisen, die auf einen Neuanfang am krisengeschüttelten Spitzensportzentrum pochen.
  • Der Schweizerische Turnverband (STV) wurde am Donnerstag vom RLZ Ostschweiz informiert. Er stehe im Austausch mit dem Leistungszentrum. «Zum jetzigen Zeitpunkt möchten wir keine öffentliche Beurteilung des Personalentscheids vornehmen», sagt der Verband auf Anfrage.

Während die St.Galler Staatsanwaltschaft gegen ihren Mann wegen mutmasslicher sexueller Handlungen mit Minderjährigen ermittelt, wird die Ehefrau des entlassenen Kunstturntrainers Cheftrainerin: Die Ungarin Eszter Kissné Horvàth übernimmt am Regionalen Leistungszentrum Ostschweiz (RLZO) in Wil den Cheftrainerposten per 2. Dezember 2019.

Thomas Greutmann, Medienchef Schweizerischer Turnverband (STV). (Bild: PD)

Thomas Greutmann, Medienchef Schweizerischer Turnverband (STV). (Bild: PD)

Der Schweizerische Turnverband (STV) wurde am Donnerstag vom RLZ Ostschweiz informiert. Dies bestätigte er am Wochenende. Er stehe im Austausch mit dem Leistungszentrum. «Zum jetzigen Zeitpunkt möchten wir keine öffentliche Beurteilung des Personalentscheids vornehmen», sagt der Verband. Thomas Greutmann, Ressortchef Marketing und Kommunikation des Turnverbands präzisiert, man könne in Bezug auf die Schuldfrage des verdächtigen Ex-Cheftrainers keine Aussage machen, da das Verfahren gegen ihn laufe. «Die Wahrheitsfindung ist Aufgabe der Behörden.»

Vorwürfe sexuellen Missbrauchs

Die ehemalige Kunstturnerin gehört zum ungarischen Trainerteam am RLZO um den entlassenen Cheftrainer und einstigen Coach des ungarischen Nationalteams – und ist mit letzterem verheiratet. Bisher galt sie als seine rechte Hand und trainierte mit ihm die Kaderfrauen. Das Paar war im Jahr 2014 zum Leistungszentrum der Ostschweizer Kunstturnerinnen und Kunstturner gestossen.

Eszter Kissnés Mann wird vorgeworfen, eine minderjährige Turnerin sexuell missbraucht zu haben, die er am Leistungszentrum trainierte. Die St.Galler Kantonspolizei hatte ihn deswegen im August verhaftet, nachdem die junge Frau ihn angezeigt hatte.

Die Turnerin beschuldigt ihn, sie im Jahr 2017 bei sich zu Hause betrunken gemacht und dann sexuell missbraucht zu haben. Mitte Oktober kam der mittlerweile gekündigte Cheftrainer gegen Kaution frei. Die Staatsanwaltschaft, die eine Verlängerung der Untersuchungshaft beantragt hatte, ermittelt weiter.

Vorstand bestätigt den Entscheid

Der Vereinsvorstand des Leistungszentrums bestätigt das Engagement Eszter Kissnés auf Anfrage: «Sie ist seit fünf Jahren für uns tätig und besitzt die Berufstrainerausbildung 2 des Schweizerischen Turnverbands STV.» Kissné habe zudem eine spezifische Sportausbildung an einer Hochschule in Ungarn genossen. «Sie ist somit bestens qualifiziert, diese wichtige Funktion und Aufgabe zu erfüllen», so der Vorstand in einer schriftlichen Stellungnahme vom Freitagabend.

Auf die Frage, ob der Verein nicht befürchte, man könnte ihm mit der Verpflichtung der Frau des entlassenen Cheftrainers mangelnde Sensibilität dem mutmasslichen Opfer gegenüber vorwerfen, schreibt der Vorstand: «Wir haben uns diese Überlegungen im Vorfeld selbstverständlich auch gemacht. Insofern haben wir auch Verständnis, wenn solche Fragen gestellt werden.»

Mutmassliches Opfer unter Druck

Der Entscheid beruhe jedoch auf einer «Abwägung sowie insbesondere auf fachlichen und sportlichen Überlegungen». Die Turnerin, die gegen den Cheftrainer Strafanzeige eingereicht hatte, steht seither unter erheblichem Druck.

Aufgrund ihres Ausbildungswegs, einer Berufslehre mit ans Spitzensporttraining, ist sie verpflichtet, am Leistungszentrum weiter zu trainieren. In der Wiler Trainingshalle aber hat sie weiterhin mit massiven Anfeindungen seitens Trainern und Eltern zu kämpfen. Dies bestätigen verschiedene Quellen aus dem Umfeld des Vereins.

Massive Kritik aus Sportkreisen

Der Vorstand kündigt in Bezug auf das mutmassliche Opfer an, es werde bis Ende Dezember vom «gleichen Trainerteam betreut wie bisher». Dies würde bedeuten: nicht von der neuen Cheftrainerin und Frau des mutmasslichen Täters. «Bis dahin soll eine spezifische Standortbestimmung erfolgen.»

Damit scheint die Zukunft der Turnerin am Leistungszentrum mehr als ungewiss. Wegen des laufenden Verfahrens wollte sich die Familie des Opfers bis Freitagabend dazu nicht äussern.

Massive Kritik an der Neubesetzung äussert die Cheftrainerin Frauen des Trainingszentrums Fürstenland, Marianne Steinemann, welche seit 32 Jahren die Ostschweizer Kunstturnelite aufbaut und prägt:

«Ich kann diesen Entscheid nicht nachvollziehen. Mit der Anstellung ist der Weg des Regionalen Leistungszentrums in die Zukunft einmal mehr in Frage gestellt.»

Die abtretende Geschäftsführerin des RLZO, Murielle Zeller, sagt auf Anfrage: «Mit dieser Personalie sind weitere Konflikte programmiert. Die Wahl der Ehefrau eines mutmasslichen Sexualstraftäters zur Cheftrainerin erachte ich als fragwürdig.» Sie befürchte, dass dem mutmasslichen Opfer, das sowieso schon leide, nun noch schwerere Zeiten bevorstünden.

Präsident abgetreten, Amt vakant

Mittlerweile sind der umstrittene Präsident des Leistungszentrums, Willi Aurich, und sein Vize Bruno Strub von ihren Funktionen zurückgetreten. Dies war nach jahrelangen Turbulenzen im Verein unabhängig von den Vorkommnissen um den Cheftrainer geplant.

Der Vorstand des RLZO besteht aktuell aus Vizepräsident Walter Epprecht, dem Chef Spitzensport des St.Galler Turnverbands Jürg Litscher sowie Marcel Keller und Heinz Alder als Vertreter des Rheintals beziehungsweise des Bündnerlandes.