Kommentar

Regierungsratskandidat Urs Martin – 
ein Restrisiko für die SVP bleibt

Die SVP Thurgau zieht mit Urs Martin in den Regierungsratswahlkampf. Schafft er den Rollenwechsel vom polarisierenden Kantonsrat zum Regierungsrat?

Christian Kamm
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Christian Kamm. (Bild: Urs Jaudas)

Christian Kamm. (Bild: Urs Jaudas)

Keine Frage: Urs Martin hat seine Nomination zum SVP-Regierungsratskandidaten verdient. Seit Jahren setzt er unermüdlich und hartnäckig politische Akzente – ein Parlamentarier wie aus dem Bilderbuch. Mehr als das: Martin ist im Kantonsparlament zu einer der prägenden Figuren herangewachsen. Er ist, für Thurgauer Verhältnisse, eine politische Grösse. Unerschrocken, rhetorisch äusserst beschlagen und mit einer fundierten kritischen Grundhaltung hat er in den vergangenen Jahren viele heisse politische Eisen angefasst und den Finger auf wunde Punkte gelegt. Auch wenn das Konfrontative zuweilen ins Provokative entglitt und die Zuspitzung zum Affront wurde: Nicht zum Schaden dieses Kantons.

Jetzt allerdings steht Urs Martin vor den Toren zu einer neuen Welt. Der des Regierens, des Kompromisse-Schmiedens, des diplomatisch austarierten Überzeugens. Eine Welt, in der das Zuckerbrot in der Regel mehr hilft als die Peitsche und vermittelndes Moderieren zielführender ist als polarisierende Konfrontation. Deshalb wird sich hier einer ein Stück weit neu erfinden müssen, wenn er denn nicht zur Belastung für ein Regierungskollegium werden will, das gegen aussen viel Wert auf Zusammenhalt und Geschlossenheit legt. Sein Naturell muss deswegen niemand verleugnen – auch ein Regierungsrat nicht.

Aber mit überschäumender und unkontrollierter Brillanz hat es noch keiner in einer politischen Kollegialbehörde weit gebracht.

Martin weiss das. Deshalb hat er auch an der Nominierungsversammlung bekräftigt, dass er zu diesem Rollenwechsel bereit ist. Dass er auch Konzilianz kann. Man nimmt ihn jetzt beim Wort.

Für die SVP Thurgau selber kommt Urs Martins Triumph einem Gezeitenwechsel gleich. Die Generation der ehemaligen jungen Wilden in der Kantonalpartei, die nicht im Thurgau, sondern vom Parteiübervater in Herrliberg politisiert worden ist, ist mit dem 14. November 2019 definitiv im Zentrum der Macht der traditionell als gemässigt geltenden SVP Thurgau angekommen. Bis anhin galt, dass nur konsensorientiert politisierende SVP-Aushängeschilder wie der jetzt unterlegene Urs Schrepfer im Thurgau in die höchsten Ämter aufsteigen können. Nun hat die schon immer deutlich radikalere SVP-Basis einen der Ihren auf den Weg geschickt.

Das wiederum bedeutet: Ein Restrisiko für die SVP bleibt. So sehr Urs Martin viele jener politischen Werte verkörpert, die auch innerhalb der Thurgauer SVP schon seit längerem hoch im Kurs stehen. So unmissverständlich stellt sich umgekehrt die Frage, wie weit diese Strahlkraft über die Partei hinausreicht.

Nur wer in grossen Teilen des politischen Spektrums und nicht zuletzt bei ungebundenen Wählerinnen und Wählern mehrheitsfähig ist, kann in Majorzwahlen bestehen.

Hier gibt es für den Kandidaten noch viel zu tun. Wie man den quicklebendigen Fighter Urs Martin kennt, freut er sich jetzt schon darauf.