Wegen der «Ehe für alle»: Ostschweizer Reformierte fürchten eine Kirchenspaltung

Für die einen widerspricht sie dem Willen Gottes, für die anderen ist sie ein Zeichen seiner Liebe: Bei der «Ehe für alle» treffen verschiedene Weltbilder aufeinander. Reformierte in der Ostschweiz machen sich Sorgen um eine Kirchenspaltung.

Katharina Brenner
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Nicht nur eine eingetragene Partnerschaft, sondern eine Ehe – mit allem, was dazugehört. Das fordern Befürworterinnen und Befürworter der «Ehe für alle». (Bild: Nancy Beijersbergen/Alamy)

Nicht nur eine eingetragene Partnerschaft, sondern eine Ehe – mit allem, was dazugehört. Das fordern Befürworterinnen und Befürworter der «Ehe für alle». (Bild: Nancy Beijersbergen/Alamy)

Hansruedi Felix hat schon schwule Paare gesegnet, da kannte noch kein Land der Welt die «Ehe für alle». Seine erste Segnungsfeier war am 8. Oktober 1988 in Basel mit Urs Mattmann und dessen Partner Emmanuel Grassi. Im engen Kreis, vielleicht mit 20 Freunden, eine schöne, persönliche Feier, erinnert sich Mattmann am Telefon in seinem Büro in London. Der Supervisor und Therapeut, 59, ist 2005 mit seinem Partner nach England ausgewandert. Manche Wörter sagt er auf Englisch, etwa wenn er über die Beweggründe für die Segnung spricht: «Für uns als Christen war es ein wichtiger Akt, ein Teil unserer ‹spiritual journey›. Wir wollten den Segen Gottes für unsere Beziehung. Und wir wollten das Versprechen einander zu lieben in Anwesenheit von anderen austauschen.»

Hansruedi Felix war in den 1980er- Jahren Pfarrer in Basel, heute ist er es in der reformierten Kirche St.Gallen Centrum. Der «Blick» nennt ihn den «Technopfarrer», weil Felix am liebsten zu Techno tanzt und sich die jährliche Street Parade in Zürich nicht entgehen lässt («Gott hat alle Menschen geschaffen, auch die halbnackten an der Street Parade»). Auf die Segnung in ­Basel habe sein Umfeld sehr positiv reagiert. «Natürlich gab es schon damals am rechten Flügel unserer Kirche Menschen, die das nicht begrüsst haben. Die Kirchenleitung aber stand hinter diesem Akt.»

Auch Mattmann sagt, dass Freunde und Arbeitskollegen sehr positiv reagierten. «Nur unsere Familien hatten wenig Verständnis dafür. Sie waren überfordert.» Mit den Jahren sei ihre Offenheit gewachsen. In seinen 30 Jahren als Pfarrer hat Hansruedi Felix gerade mal fünf homosexuelle Paare gesegnet. Von dieser Anzahl geht auch die gesamte St.Galler Kantonalkirche aus, seit sie die Segnung für gleichgeschlechtliche Paare 2002 offiziell eingeführt hat. Im Appenzellerland ist sie seit 2001 möglich, im Thurgau seit 2014. So gut wie nie stehen Pfarrerinnen und Pfarrer in der Ostschweiz vor der Frage, ob sie ein gleichgeschlechtliches Paar segnen sollen oder nicht. Das dürfte sich auch mit der «Ehe für alle» nicht ändern. Trotzdem ist da diese Debatte. Dieser Riss, der durch die reformierte Kirche geht.

Gegner warnen vor radikalem Bruch mit der Tradition

Kathrin Bolt, 39, Pfarrerin der St.Galler Kirchgemeinde Straubenzell (Bild: pd)

Kathrin Bolt, 39, Pfarrerin der St.Galler Kirchgemeinde Straubenzell (Bild: pd)

Kathrin Bolt, 39, Pfarrerin der St.Galler Kirchgemeinde Straubenzell, ist für die «Ehe für alle»: «Wir dürfen unseren Glauben nicht an der Lebensrealität der Menschen vorbeileben.» Die Ehe sei ein Segen, wenn sie freiwillig und aus Liebe geschlossen werde. «Das hat nichts mit Geschlechtern zu tun.» Sabine Aschmann, 55, Pfarrerin der Evangelischen Kirchgemeinde Schlatt, ist gegen die «Ehe für alle»:

«Die Ehe ist von der Schöpfung her definiert zwischen Mann und Frau. Wir können das nicht einfach neu definieren, weil es zum Zeitgeist passt.»

Aschmann beruft sich dabei auf die Bibel. Das tun auch die katholische Kirche und Freikirchen, wenn sie Frauen verwehren, Pfarrerin zu werden. Zu dieser Lesart sagt Aschmann: «Die Bibel wird in diesem Kontext falsch ausgelegt.» Jesus habe Frauen auf seine Wanderungen mitgenommen. Die Gleichstellung von Mann und Frau sei in der Bibel angelegt. Aschmann hat eine Erklärung mit dem Titel «Habt ihr nicht gelesen...?» unterzeichnet. Die kirchliche Trauung auch für gleichgeschlechtliche Paare einzuführen, stehe im radikalen Bruch mit der jüdisch-christlichen Tradition, heisst es darin. Und dass der Schöpferwille Gottes niemals aus dem gesellschaftlichen Mainstream abgeleitet werden könne. Pfarrerinnen und Pfarrer aus der ganzen Schweiz haben das Schreiben unterzeichnet, darunter auffallend viele aus dem Thurgau.

Befürworter setzen Liebe Gottes für uns Menschen an erste Stelle

Es dauerte nicht lange, da folgte mit «Die Liebe hat den langen Atem» die Replik. Kathrin Bolt hat sie unterzeichnet, Hansruedi Felix auch. «Wir verwerfen jede falsche Lehre, welche ihre Erkenntnis über diejenige der Liebe Gottes für uns Menschen stellt» und jede falsche Lehre, die «in exklusiver Weise Wahrheit, zum Beispiel Bibeltreue, für sich vereinnahmt», heisst es darin. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund hat sich vor wenigen Wochen deutlich für die zivilrechtliche «Ehe für alle» ausgesprochen. Die Erklärungen im Vorfeld zeigen, wie emotional diskutiert wird – weil es um mehr geht als die «Ehe für alle».

«Hinter der Debatte steckt die Frage, wie lese ich die Bibel?», sagt Martin Schmidt, Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen.

«Wir müssen uns theologisch austauschen, Nähe und Gemeinsamkeiten betonen. Wir müssen uns Zeit geben und einander zuhören.»
Martin Schmidt, Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen.

Martin Schmidt, Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen.

 (Bild: pd)

Irgendwann reiche zuhören aber nicht mehr, dann müsse auch die Kirche Position beziehen. Wie jetzt im Fall der Ehe für alle. Sehr wichtig sei dann die Gewissensfreiheit – auch wenn sie Grenzen kennt: «In unserer Kirche geht es nicht, dass sich jemand gegen die Frauenordination stellt. Das haben wir festgelegt. Für Homosexualität ist das so nicht definiert.»

Die Bibelauslegung ist das eine. Der Umgang der Kirche mit Homosexualität in ihren eigenen Reihen das andere. Es gibt Pfarrpersonen in der Ostschweiz, die offen zu ihrer Homosexualität stehen, die von ihrer Gemeinde akzeptiert und respektiert werden. Die eine offene Kirche erleben dürfen. Aber es gibt auch Fälle wie den im Hinterthurgau vor ein paar Jahren, als eine Gruppierung mit homophoben anonymen Drohmails dafür verantwortlich war, dass ein schwuler Pfarrer gar nicht erst in ihre Gemeinde kam.

Methodisten dulden keine homosexuellen Pfarrpersonen

Im Balkonbetonbau an der Kapellenstrasse in St.Gallen würde man Büros oder Wohnungen vermuten, aber keine Kirche. Der Raum für die Gottesdienste hat einen dunkelblauen Teppichboden, ein Klavier, ein grosses, schlichtes Holzkreuz und an die 50 Stühle. Ein Platz für jedes Mitglied der Methodisten-Gemeinde. Etwa die Hälfte von ihnen gehört der Koreanischen Gemeinde Ostschweiz an. «Homosexualität wird in unserer Kirche seit 50 Jahren kontrovers diskutiert», sagt Jörg Niederer, Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde.

Jörg Niederer, Pfarrer der Methodisten-Gemeinde St.Gallen (Bild: pd)

Jörg Niederer, Pfarrer der Methodisten-Gemeinde St.Gallen (Bild: pd)

1968 traf die weltweit organisierte Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) einen Grundsatzentscheid: Sie segnet keine homosexuellen Paare und wer homosexuell ist, darf auch nicht Pfarrer oder Pfarrerin werden. «Ganz konsequent wurde diese Haltung aber nicht umgesetzt, Ausnahmen wurden gelegentlich geduldet. Bis jetzt.» Anfang dieses Jahres bekräftigte die EMK an einer ausserordentlichen Generalkonferenz zum Thema Homosexualität ihren Beschluss von 1968. Und sie hat vor, ihn streng zu befolgen.

«Ich persönlich kann das nicht nachvollziehen. Die Liebe Gottes steht im Zentrum. Sie richtet sich nicht nach der sexuellen Ausrichtung», sagt Niederer. Der 60-Jährige ist in Olten in einer Methodistenfamilie aufgewachsen ist. «Mein Bruder ist homosexuell. Für mich ist das etwas Selbstverständliches.» In seiner Gemeinde seien immer wieder Homosexuelle und er kenne auch unter den 80 methodistischen Pfarrpersonen in der Schweiz einzelne. Die Haltung im deutschsprachigen Raum sei tendenziell liberal. In den USA gebe es starke konservative und homophobe Kräfte, ebenso in Afrika, wo die methodistische Kirche wächst. Zwölf Millionen Mitglieder zählt sie weltweit, in der Schweiz rund 8300. Die liberalen Kräfte in den USA wollen sich nun loslösen, der Kirche droht eine Spaltung. «Mir macht das grosse Sorgen», sagt Niederer.

«Wenn wir es als Kirche nicht schaffen zusammenzuhalten, wer dann?»

Andreas Bänziger, Pfarrer der Evangelischen Kirchgemeinde Frauenfeld, verfolgt diese Entwicklung mit Sorge. Seine Gemeinde gehört der Evangelischen Allianz an, die Reformierte und Freikirchen zusammenbringt und sich klar gegen die gleichgeschlechtliche Ehe positioniert. «Die Frage nach der ‹Ehe für alle› hat das Potenzial, die Kirche zu spalten. Das sollten wir verhindern. Darum müssen wir offen reden und die Gewissensfreiheit betonen.» Bänziger hat die Erklärung «Habt ihr nicht gelesen...?» unterzeichnet. Weil die Ehe seit Jahrtausenden zwischen Männern und Frauen existiere. «Es wäre falsch, das zu ändern.» Gemeinsam mit Pfarrkollegen aus Frauenfeld habe er eine kurze Stellungnahme zum Thema «Umgang mit Homosexuellen» zuhanden der Kirchenvorsteherschaft erarbeitet. «Auch wenn einzelne Pfarrpersonen gegen die Ehe für alle sind, wollen wir signalisieren, dass Homosexuelle in unserer Kirche willkommen sind. Wir wollen nicht diskriminieren. Aber wir können uns auch nicht über Gottes Wort stellen.»

Die grossen Fragen kommen erst noch

Hört man sich bei Pfarrpersonen in der Ostschweiz um, fürchten manche, dass es zu einer Kirchenspaltung kommen könnte. Die Kirchenratspräsidenten teilen diese Angst nicht. Das Thema polarisiere stark, aber die Gefahr einer Spaltung bestehe nicht. Schon Luther habe gesagt, «die Ehe ist ein weltlich Ding», sagt Koni Bruderer, Kirchenratspräsident der evangelisch-reformierten Landeskirche beider Appenzell. «Davon fällt die Kirche nicht auseinander.» 

Egal ob für oder gegen die «Ehe für alle», einig sind sich in der reformierten Kirche alle in einem Punkt: Mit der Reproduktionsmedizin kommen die grossen Fragen erst noch auf sie zu. Sollten lesbische Paare Zugang zu Samenspenden haben? Was ist mit der Leihmutterschaft für schwule Paare, die in der Schweiz verboten ist? Die Reformierten betonen, wie wichtig es ist, Debatten zu führen. Es werden noch einige auf sie zukommen.

Bei Segnung von Schwulen und Lesben gilt Gewissensfreiheit

Der Nationalrat wird voraussichtlich im Frühling entscheiden, ob auch schwule und lesbische Paare heiraten dürfen. Die Ehe soll für alle Paare geöffnet werden – unabhängig von der Geschlechterzusammensetzung. Dafür haben sich in der Vernehmlassung mit Ausnahme von SVP und EVP alle Parteien ausgesprochen und auf zivilrechtlicher Ebene Ende August auch die Rechtskommission des Nationalrates. Der Gesetzesentwurf geht auf eine parlamentarische Initiative der Grünliberalen zurück. Heute steht die Ehe in der Schweiz ausschliesslich heterosexuellen Paaren offen. Für gleichgeschlechtliche Paare sind seit dem Jahr 2007 zwar eingetragene Partnerschaften möglich, über 7000 Paare haben seitdem davon Gebrauch gemacht. Zwischen dem Partnerschaftsgesetz und der Ehe bestehen allerdings über 20 Unterschiede. Schwulen- und Lesbenverbände fordern deshalb seit langem eine Öffnung der Ehe, gemäss Umfragen ist auch eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung dafür.

Im Rahmen der Vernehmlassung sagte der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) Anfang November Ja zur «Ehe für alle». Mit 49 zu 11 Stimmen befürwortete er die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare auf zivilrechtlicher Ebene. SEK-Ratsmitglied Sabine Brändli betonte, dass dies nicht mit einem Entscheid zur Einführung der kirchlichen Ehe für Homosexuelle einhergehe. Diese Kompetenz liege bei den Kantonalkirchen. Der Kirchenbund empfiehlt seinen Mitgliedkirchen, den allfälligen neuen zivilrechtlichen Ehebegriff für die kirchliche Trauung vorauszusetzen. Und selbstverständlich solle die Gewissensfreiheit gewahrt bleiben: Pfarrerinnen und Pfarrer müssen keine gleichgeschlechtlichen Paare segnen, wenn sie nicht dahinterstehen können. Der Abstimmung war eine hitzige Debatte vorangegangen, Gegner und Befürworter hatten Unterschriften gesammelt. Manche Teilnehmer warnten vor einer gegenseitigen Zerfleischung.

Bei den Katholiken ist die Ehe ein Sakrament


Im Gegensatz zur evangelischen Kirche hat die katholische keine Position bezogen. Die Schweizerische Bischofskonferenz (SBK) hat zwar im Juni im Rahmen des Vernehmlassungsverfahrens eine kurze Stellungnahme veröffentlicht, möchte sich aber nicht zu einzelnen Aspekten der Vorlage positionieren. Die SBK betont, sie wolle sich auf die Ehe im Rahmen der katholischen Kirche konzentrieren. Katholiken unterscheiden klar zwischen der zivilen Ehe und der kirchlich sakramentalen. Für die Reformierten ist die Ehe hingegen kein Sakrament, sie haben sich stets am Staat orientiert. Die meisten reformierten Kantonalkirchen ermöglichen seit längerem die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare (siehe Karte). Auch das Bistum St. allen hat sich vor einigen Jahren dafür ausgesprochen. «Was soll dagegensprechen, Beziehungen zu segnen, in denen Menschen Verlässlichkeit erfahren und Verantwortung füreinander übernehmen möchten?», wird Claudius Luterbacher, Kirchenrechtler und Kanzler des Bistums St.Gallen, im aktuellen Pfarrbrief zitiert.

Wird die zivilrechtliche Ehe geöffnet, dürften auch gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren. Seit 2018 ist die Stiefkindadoption für Paare zugelassen, die in einer eingetragenen Partnerschaft leben. Aus der nationalrätlichen Vorlage ausgeklammert wurden Fragen der Fortpflanzungsmedizin. Sie sollen später geregelt werden. (kbr)

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