Reaktionen aus Innerrhoden
«Mit jeder Schliessung wird Fachpersonal frei»: Pro-Spital-Komitee wittert nach dem Spital-Aus in Heiden eine grosse Chance für das Neubauprojekt in Appenzell

Das Aus für das Spital Heiden bewegt auch im Nachbarkanton Innerrhoden. Direkt betroffen ist die Oberegger Bevölkerung. Aber auch das kürzlich gegründete Komitee Pro Spital Appenzell reagiert auf den Entscheid: Man müsse die Veränderungen im Gesundheitsmarkt als Chance nutzen.

Claudio Weder
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Weil das finanzielle Defizit zu gross ist, hat der Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden (Svar) beantragt, das Spital Heiden per Ende 2021 zu schliessen.

Weil das finanzielle Defizit zu gross ist, hat der Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden (Svar) beantragt, das Spital Heiden per Ende 2021 zu schliessen.

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Ende Jahr wird das Spital Heiden schliessen, 130 Mitarbeitende werden voraussichtlich ihre Stelle verlieren. Das lässt auch die Innerrhoder Regierung nicht kalt. In einer Medienmitteilung drückt sie «grosses Bedauern» über diesen Schritt aus. Angesichts der «schwierigen Lage» des Ausserrhoder Spitalverbunds (Svar) sei der Entscheid aber nachvollziehbar.

Auswirkungen hat die Spitalschliessung aus Innerrhoder Sicht vor allem für die Oberegger Bevölkerung. Hannes Bruderer, Bezirkshauptmann von Oberegg, spricht von einem «herben Verlust». Er sagt:

Hannes Bruderer, Bezirkshauptmann Oberegg.

Hannes Bruderer, Bezirkshauptmann Oberegg.

Bild: PD
«Das Spital Heiden ist für die Gesundheits- und die Notfallversorgung unserer Region sehr bequem und leistet unserer Bevölkerung viele gute Dienste.»

Doch nun habe sich gezeigt, dass die vielseitigen Anforderungen an das Spital und die damit verbundene Kostenentwicklung einen Betrieb in dieser Grösse praktisch verunmöglichen.

Da auch Innerrhoden von der Spitalschliessung in Heiden betroffen ist, hofft Bruderer für den Bezirk Oberegg und das Vorderland, dass die beiden Kantone die Gesundheitsversorgung in Zukunft noch intensiver koordinieren: «Eine vernünftige regionale Abdeckung mit Rettungsdienst und Notfallversorgung ist zwingend nötig und muss gewährleistet bleiben, das gilt auch für die Zusammenarbeit mit den Zentrumsspitälern und weiteren spezialisierten Institutionen in den umliegenden Kantonen.»

Gesundheitsversorgung für Oberegg bleibt gesichert

In ihrer Mitteilung versichert die Standeskommission: «Dank bestehender Leistungsaufträge mit weiteren Spitälern der Region bleibt die Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung im Bezirk Oberegg auch nach der Schliessung des Spitals Heiden garantiert.» Der Rettungsdienst in Heiden sowie der hausärztliche Notfalldienst für die Bevölkerung des Bezirks Oberegg sei weiterhin rund um die Uhr gewährleistet.

Zudem habe das Kantonsspital St.Gallen gegenüber dem Gesundheits- und Sozialdepartement bestätigt, dass zusätzliche Patientinnen und Patienten aus dem Kanton Appenzell Innerrhoden jederzeit aufgenommen werden können. In der Mitteilung heisst es: «Nicht planbare und dringliche Notfallbehandlungen sind in allen Spitälern in der Schweiz möglich – unabhängig davon, ob diese auf der Spitalliste des Kantons sind oder nicht.»

Um die Rettungskette und die lebensrettende Versorgung vor Ort weiter zu optimieren, ist das Gesundheits- und Sozialdepartement dabei, das Netz der Ersthelfer, sogenannter First und Rapid Responder, im gesamten Kanton auszubauen.

Spitalschliessung kam «nicht unerwartet»

Die Spitalschliessung in Heiden kam für die Innerrhoder Regierung nicht unerwartet. Im vergangenen November hat der Svar, der als grosser Hoffnungsträger für das Fortbestehen des Spitals Appenzell galt, die Zusammenarbeit mit dem Spital Appenzell im Bereich der Inneren Medizin aufgelöst, weil er «die Kräfte an den eigenen Standorten konzentrieren» müsse.

Monika Rüegg Bless, Frau Statthalter Appenzell Innerrhoden.

Monika Rüegg Bless, Frau Statthalter Appenzell Innerrhoden.

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

«Bereits dies war ein Anzeichen dafür, dass es dem Svar nicht gut geht», sagt Frau Statthalter Monika Rüegg Bless. Aufgrund der Vertragskündigung will die Standeskommission auf die Weiterführung des Neubauprojekts AVZ+ verzichten und die stationäre Abteilung am Spital Appenzell per Ende Juni schliessen – das letzte Wort hat jedoch das Stimmvolk am 9. Mai.

«Die Spitalschliessung in Heiden zeigt, wie gross der Druck auf die kleinen Spitäler ist», so Monika Rüegg Bless weiter. Wie auch andere Ostschweizer Spitäler kämpft das Spital Appenzell mit sinkenden Fallzahlen. Im Jahr 2017 verzeichnete das Spital Appenzell noch 1015 stationäre Fälle. Seither ist die Zahl kontinuierlich gesunken. Im Coronajahr 2020 konnten 743 stationäre Behandlungen verbucht werden. Das Defizit ist auf 3,3 Millionen Franken gestiegen.

Und auch die Patientenströme sprechen eine deutliche Sprache: «Obwohl die Landsgemeinde 2018 Ja sagte zum Kredit für das AVZ+, wählen nun viele Einheimische für stationäre Behandlungen ein anderes Spital – nicht dasjenige vor der eigenen Haustüre», sagt Rüegg Bless. In Zahlen ausgedrückt: Im Jahr 2020 liess sich nur noch ein Viertel der Innerrhoder Patientinnen und Patienten im eigenen Kanton behandeln. «Dieser Anteil wird immer kleiner.»

Spitalkomitee will Veränderungen im Gesundheitsmarkt als Chance nutzen

Auch das kürzlich gegründete Komitee Pro Spital Appenzell nimmt Stellung zur Spitalschliessung in Heiden. Das Komitee geht von «grundlegenden Veränderungen» für Innerrhoden aus. Die Bevölkerung in Oberegg verliere zwar ein wohnortnahes Spital. Doch für das geplante AVZ+ sei dies «eine grosse Chance».

Die Standeskommission begründet die Schliessung des stationären Angebots in Appenzell und den Verzicht auf die Realisierung des AVZ+ damit, dass ab Juli keine Internisten mehr vor Ort tätig sind. Das Komitee sagt dazu:

«Mit jeder Schliessung eines Spitals werden Fachärzte und anderes Fachpersonal frei. Dieses Fachpersonal muss sich gezwungenermassen neu orientieren, vorzugsweise in der Region.»

Auf der anderen Seite erhöhen sich laut Komitee mit dem Verschwinden eines Spitals zwangsweise auch die Einweisungszahlen an die verbleibenden Spitäler. «Man kann diese einfach dem Kantonsspital St.Gallen und den Privatspitälern überlassen – oder man kann die Veränderungen im Gesundheitsmarkt als Chance nutzen.»

Eine Idee, die der amtierenden Frau Statthalter Monika Rüegg Bless nicht gefällt. Sie entgegnet: «Für ein Spital von dieser Grösse gibt es in Innerrhoden keinen Markt. Die Ostschweiz ist schon genügend mit Spitälern versorgt.»