«Rauchen ist einfach zu verbieten»

ST.GALLEN. Vor der St.Galler Abstimmung über die Raucher-Initiativen von Lungenliga und Raucherliga: Der St.Galler Strafrechtler Niklaus Oberholzer über Rauch- und andere Verbote als Ausdruck einer überforderten Gesellschaft, die angesichts komplexer Probleme einfache Lösungen sucht.

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Bild: Symbolbbild: Elias Raschle

Bild: Symbolbbild: Elias Raschle

Wenn es um Rauchverbote geht, muss die Gretchenfrage sein: Rauchen Sie, oder waren Sie jemals Raucher?
Niklaus Oberholzer: Bis vor drei Monaten war ich ein intensiver Raucher, leider mit klarem Suchtpotenzial.

Dann könnten Sie froh sein um das von der Lungenliga geforderte strikte Rauchverbot in Gastbetrieben?
Oberholzer:In einem gewissen Sinne ja. Der zunehmende Druck hat die Bereitschaft zum Aufhören gefördert. Man unterliegt als Raucher seit geraumer Zeit einer sozialen Ächtung und muss nach draussen vor die Tür – wobei ich da oft die interessanteren Gesellschaften angetroffen habe. Anderseits kann ich mich auch freuen, wenn ich am Morgen keine Rauchernacht auf der Lunge habe und meine Kleider nicht stinken.

Die Vorteile eines Rauchverbots liegen auf der Hand, und dass Rauchen in vielerlei Hinsicht schädlich ist, auch für Nichtraucher, ist ebenso unbestritten.
Oberholzer: Völlig klar, der Gesinnungswandel hat schon vor über einem Jahrzehnt eingesetzt und musste auch stattfinden. Wir leben gesundheitsbewusster und wissen, dass «nur noch die Dummen rauchen». Allerdings hat die Freiheit des Einzelnen in unserer Gesellschaft – zum Glück! – einen sehr hohen Stellenwert. Und das bedeutet auch die Freiheit, zu rauchen oder eben dumm, unvernünftig zu sein. Das Leben ist zu einem gewissen Grad ein Risiko. Ein «cleaner» Lebensentwurf, in dem einem vom Staat alle möglichen Gefahren abgenommen werden, bis hin zum Altersheim, wo man ans Bett gefesselt wird, damit man nicht herausfällt, das ist doch keine Lebensperspektive!

Ein zentrales Argument der Raucher: Sie plädieren für Freiheit, Toleranz und demnach freiheitliche Gesetze.
Oberholzer:Ohne mich in die konkrete politische Diskussion einmischen wollen, kann ich das gut verstehen. Ich frage mich, warum in einer freiheitlichen, toleranten Gesellschaft das Pendel so weit ausschlagen muss. Und woher der Fanatismus kommt, den Gesundheitsschutz in dieser Frage über alles zu stellen. Beispielsweise habe ich noch von keinem Arzt einen derart flammenden Leserbrief für die Einführung von Russpartikelfiltern gesehen wie es solche für ein absolutes Rauchverbot gibt.

Ihre Antwort?
Oberholzer: Der einzelne Raucher hat ein Gesicht, er ist lokalisierbar; wenn ich an der Bushaltestelle ein Räuchlein bemerke und rieche, sehe ich die Person, die es verursacht. Anders als beim abstrakten Feinstaub, der von Millionen Ursachen herrühren kann. Es ist also viel einfacher, das Rauchen zu verbieten als die Gesetze der Luftreinhalteverordnung konsequent durchzusetzen. Zumal die Raucher mittlerweile eine Minderheit sind.

In diesem Zusammenhang sprechen manche von einer Stellvertreterdebatte.
Oberholzer:Ich würde eher von symbolischen Aktionen sprechen. Im Sinne von: Irgendwo muss man mal anfangen und ein Zeichen setzen. Weil die brennenden Probleme zu komplex und darum blockiert sind, besteht eine Tendenz zu einfachen Lösungen und zu einer Politik, die nur noch symbolhaft ist.

Das hiesse: Wir sind alle überfordert, also diskutieren wir übers Rauchverbot.
Oberholzer:Wir leben in einer Gesellschaft mit unheimlichen Grossrisiken wie Klimaerwärmung, versiegenden Erdölvorräten – das sind globale Risiken, die die ganze Menschheit bedrohen. Doch die Klimakonferenzen bringen nichts, CO2-Vorgaben werden nur zögerlich umgesetzt, Atom-Endlager haben wir nicht im Griff. Und da beschränken wir uns eben darüber zu diskutieren, wie das Rauchen der Gesundheit des Einzelnen schadet.

Immerhin, das Rauchverbot kommt international voran.
Oberholzer:Und wie! Es gibt keine vergleichbaren Gesetze, die in Europa so schnell und flächendeckend eingeführt wurden wie die Rauchergesetze. Und bemerkenswert auch, dass hinter den Initianten wie der Lungenliga keine wirtschaftlichen Interessen stehen, ähnlich wie bei den Tierschützern. Das europaweite Rauchverbot ist ein phänomenaler Siegeszug mit erstaunlich viel Akzeptanz, wenn wir in St. Gallen nur an die Olma denken, man konnte sich die Hallen 4 und 5 nicht rauchfrei vorstellen. Sogar das Gurtentrag-Obligatorium stiess auf mehr Widerstand, im Welschland und Tessin sogar auf Behördenseite. Oder ich erinnere an die heftige Ablehnung der an sich sinnvollen Idee, an Autobahnraststätten keinen Alkohol mehr auszuschenken.

Was kommt nach dem Rauchverbot in öffentlichen Innenräumen?
Oberholzer:Schon angelaufen ist der Streit um Heizpilze vor Beizen, und wir führen erste Prozesse wegen Balkonrauchens, Nachbar gegen Nachbar. Doch wenn es um die nächste Sucht geht, bedeutet das wohl die Ernährung: Sind die Raucher besiegt, kommen die Fettleibigen dran, wir reden bereits über entsprechende Farbcodes auf Lebensmitteln und über die Besteuerung von fetthaltigen Nahrungsmitteln.

Warum erlaubt eine liberale Gesellschaft all diese Verbote?
Oberholzer:Weil sie verunsichert ist mit ihren gewonnenen Freiheiten. Anstelle der klaren Wertvorstellungen, die frühere Autoritäten wie die katholische Kirche oder strenge Familienoberhäupter vermittelten, ist nichts getreten. Doch die totale Öffnung, die meines Erachtens weniger von der 68er-Bewegung, als vielmehr von wirtschaftlichen Kräften vorangetrieben worden ist, hat mit ihrer durchkommerzialisierten 24-Stunden-Gesellschaft viele negative Folgen, sichtbar vor allem im öffentlichen Raum.

Meinen Sie jüngere Phänomene wie Littering oder Kampftrinken?
Oberholzer: Symptomatisch dafür sind die sogenannten Botellones. Natürlich bin ich ebenso wenig für dreckigere Strassen wie für Massenbesäufnisse – man muss sich ja inzwischen rechtfertigen, wenn man in dieser Richtung argumentiert. Aber wenn Junge möglichst billig Alkohol kaufen und sich ohne Vorschriften volllaufen lassen, ist das vielleicht nichts anderes als eine Reaktion auf den verordneten Kommerz und seine Events im öffentlichen Raum.

Wenn wir nicht mehr weiter wissen, hagelt's Verbote; der Soziologe Kurt Imhof spricht von einem «Moral-Tsunami», die NZZ von einer «Verbotsgesellschaft».
Oberholzer:Es mag erfreulich sein, dass das Korsett der 50er-Jahre mit seinen gesellschaftlichen Zwängen weg ist. Doch wo kein Konsens mehr über gesellschaftliche Werte besteht, wird alles an den Staat delegiert. Tatsächlich genügten früher einmal die zehn Gebote, und auch das Schweizerische Strafrecht von 1942 kam mit relativ wenig Strafbestimmungen aus. Doch seit Mitte der 90er-Jahre gibt es eine eigentliche Explosion strafrechtlicher Bestimmungen. Offensichtlich ist der Mensch nicht reif genug, mit seiner Freiheit umzugehen. Wenn wir aber Verantwortlichkeiten an Abteilungen delegieren, an Schule, Polizei, Sozialarbeit etwa, müssen wir uns eingestehen, dass diese Gesellschaft nicht mehr funktioniert. Respektive ihre Selbstreinigungskräfte nicht mehr wirken.

Nun zeigte schon die Prohibition, dass sich Süchte nicht einfach verbieten lassen.
Oberholzer: Süchte gehören zu jeder Gesellschaft, sie lassen sich nur beschränkt eindämmen. Und jedes Verbot bietet Anreiz, Schlupflöcher zu suchen.

Interview: Marcel Elsener