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RAUBKUNST: Zwei kleine Leichen im Keller

Das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen hat in seiner Sammlung zwei Silberpokale identifiziert, die unter den Nazis zwangsversteigert wurden. Sie werden demnächst entschädigungslos den Erben übergeben.
Christina Genova
Daniel Studer, Direktor des Historischen und Völkerkundemuseums St. Gallen (links), und Lothar Fremy, der Vertreter der Erbengemeinschaft Emma Budge, mit den beiden Silberpokalen, die als Raubkunst identifiziert worden sind. (Bild: Urs Bucher)

Daniel Studer, Direktor des Historischen und Völkerkundemuseums St. Gallen (links), und Lothar Fremy, der Vertreter der Erbengemeinschaft Emma Budge, mit den beiden Silberpokalen, die als Raubkunst identifiziert worden sind. (Bild: Urs Bucher)

Christina Genova

christina.genova

@tagblatt.ch

Vermutungen gab es schon länger, nun ist es offiziell: Im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen gibt es zwei Raubkunstobjekte. «Wir haben auch zwei kleine Leichen im Keller», sagt Museumsdirektor Daniel Studer an der gestrigen Medienkonferenz. Es ist eine Anspielung darauf, dass just vor einer Woche in Bern die grosse Gurlitt-Ausstellung eröffnet worden ist. Bei den Raubkunstobjekten handelt es sich um zwei silberne Pokale aus dem 17. Jahrhundert. Sie stammen aus der Sammlung von Giovanni Züst (1887–1976). Der Tessiner Transportunternehmer mit baslerisch-appenzellischen Wurzeln schenkte seine 140 Objekte umfassende Silbersammlung 1967 dem Museum.

Einst gehörten die Pokale der Sammlerin und Mäzenin Emma Budge. Nach dem Tod der Hamburger Jüdin 1937 wurden die rund 2000 Kunstobjekte unter ihrem Wert auf einer Auktion versteigert. Der Erlös floss auf ein Sperrkonto, auf das die Erben keinen Zugriff hatten (siehe Text rechts). War Giovanni Züst die brisante Herkunft der beiden Pokale, die wie Segelschiffe aussehen, bekannt? Diese Frage lässt sich mit einem klaren Ja beantworten: Im Ausstellungskatalog von 1969 und auch in Züsts persönlicher Dokumentation ist die Herkunft «Budge» aufgeführt und auch die Versteigerung wird erwähnt. Die Herkunft der Pokale war für den passionierten Sammler jedoch kein Makel, sondern im Gegenteil ein Qualitätsmerkmal, denn die Sammlung Budge galt als sehr wertvoll. «Das Thema Herkunft hat Züst offensichtlich nicht beschäftigt», sagt Herkunftsforscher Peter Müller. Wann und wo Giovanni Züst die Pokale kaufte, ist bis heute unklar: «Wir nehmen an, das er sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg erworben hat», sagt Sammlungsleiter Achim Schäfer.

Faire und gerechte Lösung

Die Klärung der Herkunft der beiden Pokale wurde möglich dank Geldern des Bundesamtes für Kultur (BAK). Sie konnten speziell für diese Zwecke beantragt werden. Von den zehn Schweizer Museen, die mit Fördergeldern bedacht wurden, ist das Historische und Völkerkundemuseum das einzige kulturhistorische Museum. Relativ rasch zeigten sich Ergebnisse. Als der Verdacht Gewissheit wurde «machte uns dies im ersten Moment schon etwas nervös», sagt Achim Schäfer. Die Stiftung Historisches und Völkerkundemuseum als Eigentümerin entschied, die Pokale entschädigungslos an die Erben zu übergeben. Massgebend dabei sind die Washingtoner Kriterien für NS-Raubkunst, die Museen zu fairen und gerechten Lösungen verpflichten: «Dass es eine Rückgabe geben muss, war klar», sagt Stiftungsratspräsident Arno Noger. Lothar Fremy, der als Anwalt die Erbengemeinschaft von Emma Budge vertritt, lobt das Museum: «Man ist aktiv auf uns zugekommen und die Sache wurde auf einer sehr fairen und konstruktiven Ebene diskutiert.»

Auch das Kunstmuseum St. Gallen erhielt vom BAK finanzielle Unterstützung zur Herkunftsforschung. Damit wird dort die Gemäldesammlung untersucht, die der Stickereifabrikant Eduard Sturzenegger der Stadt St. Gallen 1926 geschenkt hatte. Genauer unter die Lupe genommen werden jene Werke, die 1935 bis 1937 im Rahmen einer Reorganisation neu zur Sammlung stiessen. Mit Resultaten ist gemäss Auskunft von Irina Wedlich, der Presseverantwortlichen des Museums, in den nächsten Wochen zu rechnen.

Schon seit 16 Jahren macht das Kunstmuseum immer wieder mit einem Gemälde Schlagzeilen, das von der Simon-und-Charlotte-Frick-Stiftung als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt worden ist. Es handelt sich um «Thunersee mit Stockhornkette» von Ferdinand Hodler, ein Werk, das einst dem jüdischen Industriellen Max Silberberg gehörte. Er musste das Gemälde 1935 versteigern, weil er wegen der Nationalsozialisten in eine finanzielle Notlage geraten war. Silberbergs Erben erheben Anspruch auf das Werk. Das Kunstmuseum schreibt, man sei sehr darum bemüht, eine Einigung zwischen den Erben und der Simon-und-Charlotte-Frick-Stiftung zu erreichen. Aufgrund des laufenden Verfahrens könnten keine weiteren Details bekannt gegeben werden. Ziel des Kunstmuseums ist jedoch keine Rückgabe, sondern «das Werk für die heutigen Besucher sowie für nachfolgende Generationen zugänglich zu halten».

300000 Franken Schätzwert

Die Erbengemeinschaft Emma Budge wird die Schiffspokale, deren Rumpf mit mächtigen Meeresungeheuern verziert ist, nicht behalten, sondern beim Auktionshaus Sothebys in London versteigern. Dies aus praktischen Gründen, da über 30 Erben betroffen sind. Die teilweise vergoldeten Objekte, die um 1630 in Nürnberg entstanden sind, werden auf rund 300000 Franken geschätzt. Eine zu hohe Summe für das Historische und Völkerkundemuseum, dessen jährlicher Ankaufsetat maximal 30000 Franken beträgt. Deshalb und auch, weil die Pokale nicht St. Gallisches Handwerk sind, verzichtete das Museum auf ein Kaufangebot. «Uns bleiben die Geschichten. Sie zu erzählen, hilft bei der Sensibilisierung», sagt Peter Müller.

Könnte es sein, dass sich noch weitere «Leichen» im Keller befinden? «Die wichtigsten Fälle sind auf dem Tisch», sagt Müller, «aber kein Museum kann die Herkunft seiner Sammlung lückenlos klären.» Wie schwierig es ist, Raubkunst aufzuspüren, weiss auch Lothar Fremy. Obwohl zwei Kunsthistoriker seit 12 Jahren versuchen, die Objekte der Sammlung von Emma Budge wiederzufinden, konnten erst etwa zehn Prozent lokalisiert werden. Bei 70 bis 80 Objekten kam es bisher zu einer Rückgabe oder Entschädigung. Peter Müller betont, wie wichtig die gelösten Fälle seien: «Sie stehen stellvertretend für die ungeklärten Fälle.»

Erbstücke einer Hamburger Jüdin

Die Kunstsammlung der jüdischen Mäzenin Emma Budge aus Hamburg (1852–1937), zu der auch die beiden St.Galler Silberpokale gehörten, ist in der Fachwelt als besonders hochwertig bekannt: Laut Peter Müller, Provenienzforscher am Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen, gilt das Label «Budge» in Expertenkreisen und im Kunsthandel als Qualitätsmerkmal. Die Sammlung war riesig: Sie umfasste ungefähr 2000 Objekte, darunter Möbel, Gemälde, Porzellan und Textilien.

Das Ehepaar Henry und Emma Budge hatte im Wertpapierhandel in den USA ein Vermögen erwirtschaftet. 1903 liess es sich in Hamburg nieder, Emma Budges Geburtsstadt. Hier begannen die beiden, Kunstgegenstände zu sammeln und liessen sich dabei vom Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe beraten. Sie planten, dem Museum die Sammlung zu vermachen. 1928 verstarb Henry Budge.

1933, im Jahr der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, widerrief Emma Budge dieses Testament und setzte ihre jüdischen Verwandten als Erben ein. Die Stadt Hamburg war vom Nachlass ausdrücklich ausgeschlossen. Nach dem Tod Emma Budges 1937 bemächtigten sich die Nazis dennoch ihres Besitzes: Die Villa des Ehepaars wurde zum Sitz des NSDAP-Gauleiters und Hamburger Reichsstatthalters Karl Kaufmann. Die Kunstsammlung samt den beiden Silberschiff-Pokalen wurde noch 1937 in Berlin versteigert – unter ihrem Wert. Die Erträge flossen auf ein Sperrkonto, aus dem diskriminierende Steuerforderungen und Abgaben – wie die sogenannte «Judenvermögensabgabe» – finanziert wurden. So ging Emma Budges Erbe nach und nach an die NS-Staatskasse über. (av)

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