Rasend vor Hass auf den Nebenbuhler – dann eskaliert der Streit: Lange Haft für Täter nach Todesschuss am Bahnhof Sargans

Der Italiener, der vor drei Jahren einen Landsmann beim Bahnhof Sargans erschossen hat, ist wegen vorsätzlicher Tötung schuldig gesprochen worden, er muss zehn Jahre in Haft. Das hat das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland entschieden.

Reinhold Meier
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Am Samstagabend, 29. April 2017, kurz vor 21.30 Uhr, geschah die Tat vor dem Clubhaus an der Markthallenstrasse in Sargans.

Am Samstagabend, 29. April 2017, kurz vor 21.30 Uhr, geschah die Tat vor dem Clubhaus an der Markthallenstrasse in Sargans.

Bild: Kapo SG

Das Kreisgericht folgte mit seinem Urteil im Wesentlichen den Anträgen der Anklage. Diese hatte einen Schuldspruch wegen vorsätzlicher Tötung beantragt, die Verteidigung hingegen auf Freispruch plädiert. Gemäss dem Urteil muss der Täter nun zehn Jahre in Haft und wird weitere zehn Jahre des Landes verwiesen. Zudem muss er hohe Genugtuungsleistungen und Schadenersatz zahlen.

Affäre mit der Partnerin des späteren Opfers

Die Bluttat vom April 2017 bewegte die Menschen in der Region und liess zunächst viele Fragen offen. An Schranken wurden nun die Hintergründe deutlich, auch wenn die Meinungen der Parteien im Einzelfall weit auseinander gingen. Laut Anklage bildete eine Affäre des Täters mit der Partnerin seines späteren Opfers, einem ortsbekannten Wirt, den Auslöser des tragischen Geschehens. Das Verhältnis habe zu Spannungen geführt, die sich stetig zugespitzt hätten, verbal und via Mobilphone.

Der Wirt habe sich am Tattag eigentlich aus der Situation verabschieden wollen und eine Auszeit in seiner kalabresischen Heimat avisiert. Doch er gab den Plan dann schon am Mittag auf und begab sich am Abend ins «Capannina», ein Landsleutetreffpunkt beim Bahnhof, wo die Lage tödlich eskalierte.

«Tobsüchtig und besessen»

Hier traf er auf den Nebenbuhler, der sich bereits am Morgen seine Pistole in die Hose gesteckt hatte, nachdem der Wirt mehrfach, auch in der Nacht zuvor, Todesdrohungen gegen ihn ausgestossen hatte. Nach einem abgebrochenen Kartenspiel trafen die beiden Kontrahenten im Bereich der Aussentüre aufeinander. Dabei benutzte das spätere Opfer Kraftausdrücke, verteilte Ohrfeigen und Fusstritte. Kollegen wollten die Streithähne zwar trennen, doch erfolglos. So geriet man zunehmend auf die Rückseite des Hauses, wo sich der Streit weiter zuspitzte, bis der 30-Jährige schliesslich aus einem Meter Abstand auf den Bauch seines Gegners zielte. Zehn Minuten später traf die Rettung ein, weitere 20 Minuten später war das Opfer tot.

Die Verteidigung plädierte auf Freispruch, weil der Beschuldigte in Notwehr gehandelt habe. Das Opfer habe ihn angegriffen, ein erprobter Kampfsportler, der zudem unter starkem Alkohol- und Kokainkonsum gestanden habe, «blind vor Eifersucht, tobsüchtig und besessen von Rachegelüsten». Reflexartig habe sein Mandant sich dann verteidigen wollen und zur Pistole gegriffen, die er bei sich hatte, weil er eigentlich auf den Schiessstand wollte. Die Anklage stütze sich bloss auf Behauptungen, kritisierte er weiter, statt auf Fakten, «das angebliche Tatmotiv ist absurd konstruiert». Sein Mandant habe Anspruch auf 100'000 Franken Haftentschädigung.

Notwehrexzess und Eventualvorsatz

Der Angeklagte hatte sich zuvor eher relativ gelassen gezeigt und mehrfach Erinnerungslücken geltend gemacht. Die geladene Pistole habe er morgens in den Hosenbund gesteckt, weil er sich mit der vorgeschriebenen Waffentasche, offenbar einem Kosmetikköfferchen, nicht habe blicken lassen können. «Das war Blödsinn, aber ich wollte protzen». Und der Schuss? Na, ja, er habe nichts gedacht, sich nur schützen und in den Boden schiessen wollen.

Das genügte dem Gericht nicht. Zwar hielt es die Notwehrlage grundsätzlich für gegeben. Doch stehe die Tötung in keinem Verhältnis zur vorliegenden Bedrohung, so sei von einem so genannten Notwehrexzess auszugehen. Wer eine Waffe besitze und sie den ganzen Tag offen und geladen herumtrage, müsse davon ausgehen, dass ein Schuss damit tödlich sein könne. Dies habe der Täter bewusst und damit eventualvorsätzlich in Kauf genommen, daher müsse ein Schuldspruch wegen vorsätzlicher Tötung erfolgen. Die Kinder des Opfers erhalten je 25'000 Franken Genugtuung, die Partnerin 5000. Der Täter muss ferner Schadensersatz leisten, über die genaue Höhe hat ein Zivilprozess zu entscheiden. Zudem fallen Verfahrenskosten von 84'000 Franken auf ihn zurück.