Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Wenn Eltern über Hakenkreuze stolpern: Kanton St.Gallen schafft neue Anlaufstelle gegen Extremismus

Wer die Befürchtung hat, dass sich Personen aus dem eigenen Umfeld radikalisieren, kann sich im Kanton St.Gallen neu an die Fachstelle names Farex wenden.
Noemi Heule
Nazi-Symbole, dschihadistische Videos auf dem Smartphone oder rassistische Bemerkungen können erste Anzeichen einer Radikalisierung sein. (Bild: Imago)

Nazi-Symbole, dschihadistische Videos auf dem Smartphone oder rassistische Bemerkungen können erste Anzeichen einer Radikalisierung sein. (Bild: Imago)

Ein Berufsschüler, Einzelgänger, prahlt mit einer Messersammlung und kritzelt im Unterricht das Wort Allah aufs Etui. Eine Lehrperson ist besorgt und wendet sich an die Schulleitung. Diese wiederum schaltet den Schulpsychologischen Dienst ein. Gespräche mit dem Teenager fördern ein Angstproblem zutage. Angst vor sozialen Situationen, aber auch Angst vor Angriffen, gegen die er sich mit Messern rüstet.

Der Verdacht, der Mann könnte radikale religiöse Ansichten haben oder gar gefährlich sein, erhärtet sich in diesem konkreten Fall nicht. Er distanziert sich von Gewalt und sucht wegen seiner Angstprobleme selbstständig psychologische Hilfe auf. Dennoch wäre der Fall heute einer für die Fach- und Anlaufstelle Radikalisierung, kurz Farex. Die neu geschaffene Stelle richtet sich an Jugendliche, Eltern, Lehrpersonen oder Vorgesetzte, die befürchten, dass sich jemand in ihrem Umfeld radikalisiert habe.

Auf der Website der neuen Fachstelle sind alle Informationen gebündelt. (Screenshot)

Auf der Website der neuen Fachstelle sind alle Informationen gebündelt. (Screenshot)

Eine Anlaufstelle bündelt alle Anfragen

Nazi-Embleme im Kinderzimmer, dschihadistische Videos auf dem Smartphone oder rassenfeindliche Witze am Arbeitsplatz – diese Warnsignale zählt Regierungsrat Fredy Fässler an einer Medienorientierung auf. Die Fachstelle soll schnell Hilfe bieten, wenn Angehörige mit einer Situation überfordert sind. Sie soll aber vor allem einen zentralen Zugang bieten, während sich Hilfesuchende bisher zwischen verschiedenen Institutionen oder Angeboten – ob Polizei, Kesb, oder Schulpsychologen – entscheiden mussten. «Eine Telefonnummer, eine Mail-Adresse und ein Internet-Auftritt», fasst der Vorsteher des Sicherheits- und Justizdepartements zusammen.

Die neue Fachstelle sei bewusst nicht der Polizei untergeordnet, sondern an den kantonalen Schulpsychologischen Dienst angegliedert. Die Schwelle, bei der Polizei anzurufen, sei höher, schliesslich wolle man niemandem schaden. Der Regierungsrat fügt an:

«Radikalisierung ist kein polizeiliches Problem, sondern ein gesellschaftliches.»

Je früher interveniert werde, desto besser könne man einen Radikalisierungsprozess stoppen.

Die Fachstelle wird in einer zweijährigen Pilotphase aufgebaut. Ein dreiköpfiges Team unter der Leitung von Esther Luder übernimmt die kostenlose Beratung und den Pikettdienst, damit das Notfalltelefon rund um die Uhr besetzt ist. Alle drei sind gleichzeitig Mitglieder der Krisenintervention des Schulpsychologischen Dienstes. Die Fachstelle arbeitet eng mit Polizei, Kesb oder Psychiatrie zusammen. «Wir besprechen die Fälle anonymisiert mit den jeweiligen Experten», sagt Luder. Nur wenn «Gefahr in Verzug» sei – für die Gesellschaft oder die Person selbst –, wenden sich die Berater eigenständig an Polizei oder Psychiatrie.

Für die Kosten, jährlich 119000 Franken, kommt in der Pilotphase der Kanton auf. Anschliessend sollen sich auch die Gemeinden beteiligen. Letztere seien in der Regel zurückhaltend, was neue Anlaufstellen betreffe – er «als FDP-Kantonsrat sowieso», sagt Beat Tinner, der an der Pressekonferenz die Vereinigung St. Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten VSGP vertrat. Diese Fachstelle fülle aber eine Lücke, sagt er und verweist auf die Diskussion rund um Dschihad-Reisende aus Europa.

Erster Schritt mit langem Anlauf

2016 machte Winterthur Schlagzeilen, nachdem junge Salafisten in der mittlerweile geschlossenen An’Nur-Moschee zwei Männer angegriffen, festgehalten und mit dem Tod bedroht hatten. Im gleichen Jahr feierten rund 5000 Neonazis aus ganz Europa ungestört in Unterwasser. Beide Ereignisse mündeten in ein Postulat im St. Galler Kantonsrat, das Massnahmen gegen Extremismus forderte. Die neue Fachstelle ist ein erster Schritt innerhalb eines nationalen Aktionsplans.

Farex sieht sich allerdings nicht nur für mögliche Neonazis oder Jihad-Kämpfer zuständig, sondern auch für Fälle, die näher dran sind an der Lebenswelt eines Ostschweizer Teenagers. Esther Luder sagt:

«Extremismus hat viele Gesichter.»

Dies zeigt ein weiteres Beispiel aus dem Alltag der Schulpsychologen: Die Mutter eines 17-Jährigen findet bei ihrem Sohn, eigentlich ein zurückhaltender Junge, mehrere Pyros und Schlagringe. Ältere Fanclub-Kollegen holen ihn regelmässig zu Fussballspielen ab. Die Mutter ist besorgt, befürchtet, ihr Sohn könne einer gewaltbereiten Gruppe angehören. Man müsse solche Situation ernst nehmen, aber nicht überreagieren, sagt Clemens Allenspach von Farex. Nach einem klärenden Gespräch entsorgte der Jugendliche die Utensilien und räumte damit die Bedenken der Mutter beiseite.

Mit welchen Fällen in welcher Zahl die Fachstelle künftig konfrontiert wird, soll sich in den nächsten zwei Jahren zeigen. Anschliessend wird über die Zukunft des Angebots entschieden.

www.farex.com, Tel.: 0848 0848 55

Die Farex ist eine von 26 Massnahmen im nationalen Aktionsplan gegen Radikalisierung

Die Fachstelle Farex des Kantons St. Gallen entspricht einer Empfehlung des nationalen Aktionsplans zur Verhinderung von Radikalisierung und gewalttätigem Extremismus. Unter den aufgelisteten 26 Massnahmen wird Kantonen, Städten oder Gemeinden je nach Grösse und Funktion die Einrichtung solcher Stellen empfohlen. Diese stehen den lokalen Behörden oder betroffenen Angehörigen für Beratung und zur Vermittlung von Wissen zur Verfügung. Fachpersonen aus dem Erziehungs-, Sozial- und Jugendbereich sowie die Polizei und das Personal des Justizvollzugs werden in den Themen Radikalisierung und Extremismus sensibilisiert – auch mittels Aus- und Weiterbildungen. Sie sollen «Zeichen und Gefahren einer Radikalisierung frühzeitig erkennen und entsprechend handeln», wie es heisst.
Der Aktionsplan ist Teil der Strategie der Schweiz zur Terrorismusbekämpfung, die massgeblich auf Prävention setzt. Er wurde von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden erarbeitet und im Herbst 2017 vorgestellt. Zwei St. Galler Politiker wirkten mit: Regierungsrat Martin Klöti als Präsident der Sozialdirektorenkonferenz und Beat Tinner als – damals noch – Präsident des St. Galler Gemeindepräsidentenverbands. Es lohne sich auch für Gemeinden, den Aktionsplan zu studieren, sagte Tinner anlässlich der Medienkonferenz zur Farex. Unter den Massnahmen fänden sich einige, die sich kommunal umsetzen liessen.
Die Einrichtung der Fachstelle kommt dem Anschein nach reichlich spät. Es ist fünf Jahre her, seit eine Handvoll Dschihad-Reisender den Kanton St. Gallen verliess, und das Neonazi-­Konzert in Unterwasser fand vor drei Jahren statt. In der Zwischenzeit hätten sich aber verschiedene Behörden mit dem Thema beschäftigt und es sei ­«einiges passiert», sagt Sicherheits- und Justizchef Fredy Fässler. Der ­Aktionsplan bündle die laufenden Anstrengungen auf allen Ebenen und werde im Kanton teilweise schon umgesetzt. So sei die Kantonspolizei seit Jahren «kritischer unterwegs», was Extremisten angehe. Mögliche «Gefährder» – Personen oder Gruppen, von denen eine terroristische Gefahr ausgeht – werden demnach beobachtet und angesprochen.
Der Aufbau eines professionellen, behörden- und institutionenübergreifenden «Bedrohungsmanagements», wie es der Aktionsplan will, gehört laut Fässler zu den erklärten Zielen des Kantons. Dazu brauche es aber Personalressourcen. Weitere Massnahmen, etwa für den Ausstieg aus extremen Gruppen oder zur Betreuung radikalisierter Personen ausserhalb des Strafvollzugs, sind in Prüfung, allenfalls im Verbund mit anderen Kantonen. Die eingeleiteten und vorgesehenen Massnahmen wird die Regierung diesen Winter im Bericht zum SVP-Postulat «Massnahmen zur Prävention von religiöser Radikalisierung» beschreiben, das der Kantonsrat im Februar 2018 mit geändertem Wortlaut überwiesen hat. Wie viel dem Kanton diese Prävention wert ist, wird sich 2020 im Parlament zeigen. Gefragt ist im übrigen auch die Zivilgesellschaft, etwa Lehrpersonen, Sporttrainer oder Arbeitskollegen – sie sollen sich ebenfalls an Fachpersonen wie im Farex-Team wenden können.

Marcel Elsener

Postulat gutgeheissen

In der Februarsession 2018 hatte der Kantonsrat das Postulat 43.16.05 «Massnahmen zur Prävention von religiöser Radikalisierung» mit geändertem Wortlaut gutgeheissen. Der Kantonsrat beauftragte damit die Regierung, ihm über die im Kanton St.Gallen vorhandenen Präventionsmassnahmen sowie über die im Nationalen Aktionsplan zur Verhinderung und Bekämpfung von Radikalisierung und gewalttätigem Extremismus vorgeschlagenen Massnahmen Bericht zu erstatten. Aufgrund einer Analyse entschied die Regierung im Juni 2018, Massnahme 10 des Nationalen Aktionsplans vorzuziehen. Diese verlangt Fach- und Beratungsstellen für die Thematik der Radikalisierung und des gewalttätigen Extremismus. (pd)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.