Rabbiner mit Augenmass

44 Jahre lang hat Hermann Schmelzer als Rabbiner in St. Gallen gewirkt. Nun tritt er – 80 geworden – in den Ruhestand. Eine Feier würdigte seine grossen Verdienste um die jüdische Gemeinde und das interreligiöse Zusammenleben.

Josef Osterwalder
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Rabbiner Hermann Schmelzer bei der Geburtstags- und Ruhestand-Feier in der Synagoge. (Bild: Urs Bucher)

Rabbiner Hermann Schmelzer bei der Geburtstags- und Ruhestand-Feier in der Synagoge. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Mit einem festlichen, nachdenklichen, aber auch heiteren Anlass dankte die jüdische Gemeinde am Sonntagvormittag ihrem Rabbiner Hermann Schmelzer für sein langes Wirken in St. Gallen. Im August 1968 hatte er sein Amt angetreten; nach Studien in Paris und London und einer ersten Anstellung in Schweden.

Von der Aufgabe her war er Rabbiner der jüdischen Gemeinde. Aber sein Wirken ging weit über deren Rahmen hinaus. Er verkörperte das Gesicht des Judentums in der Ostschweiz, nahm teil am öffentlichen Diskurs, unaufdringlich, aber mit bestechender, bereichernder Klarheit. Durch seine Präsenz machte er deutlich, wie lebenspraktisch der jüdische Glaube mit seiner starken ethischen Ausrichtung ist. Ungezählten Menschen hat er die Türe zur Synagoge geöffnet, sie hineingeführt in die orientalische Atmosphäre des Raums, der zu den schönsten Synagogen im deutschen Sprachraum zählt. Er hat dabei nicht nur den Raum, sondern auch die Welt jüdischen Brauchtums und Denkens erschlossen. So sprachen denn auch viele Christen bald einmal von «unserm Rabbiner».

Bei der Feier am Sonntag war das weite Beziehungsfeld da, das Hermann Schmelzer gepflegt hatte; so wie er sagte: «Beziehungen und Begegnungen sind ein Privileg.»

Schwierige Aufgabe

Von jüdischer Seite waren es die Gemeinde-Präsidentin Rita Schneidinger Keller, der Kultusbeauftragte Noam Hertig, der Vertreter des schweizerischen Rabbinats Rabbiner Marcel Yaïr Ebel und Roland Richter, der langjährige ehemalige Präsident der Jüdischen Gemeinde in St. Gallen.

Dieser nannte Hermann Schmelzer den «Rabbiner mit Augenmass», eine Fähigkeit, die er in St. Gallen ganz besonders brauchte. Er trat 1968 eine in mehrfacher Hinsicht schwierige Situation an. Zum einen war sein Vorgänger, Lothar Rothschild, ein «Schwergewicht im liberalen Judentum», zum andern war die blühende Zeit, als die Gemeinde während des Stickereibooms tausend Mitglieder zählte, längst vorbei. Umso bedeutsamer, dass es Rabbiner Schmelzer gelang, die kleine ostjüdische Gemeinde, die an der Kapellenstrasse eine eigene Synagoge besass, mit der eigenen Gemeinde zusammenzuführen.

Dank der Öffentlichkeit

Schmelzers Fähigkeit, auf einfühlsame Weise zu vermitteln, kam der ganzen Öffentlichkeit zu- gute. In ihrem Namen dankte der St. Galler Stadtpräsident Thomas Scheitlin für das ausgleichende Wirken des Rabbiners, namentlich für seinen Beitrag zum interreligiösen Zusammenleben. Dies nahm auch Dölf Weder, Präsident des Evangelisch-reformierten Kirchenrates des Kantons St. Gallen, auf, der im Namen der nichtjüdischen Religionen für die wohltuende Art dankte, mit der der Rabbiner den interreligiösen Dialog pflegte; eine Aussage, die durch die Anwesenheit von Bischof Ivo Fürer und Hisham Maizar, dem Präsidenten der Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz, zum Ausdruck kam.

Weisheit und Bescheidenheit

In seinem Dankeswort betonte Hermann Schmelzer, wie bedeutsam es sei, andere Religionen zu verstehen, wenn man die eigene begreifen wolle. Respekt für die andern aber fange mit dem Respekt vor sich selber an. In solchen Sätzen blitzte die Weisheit durch, mit der Rabbiner Schmelzer die Gespräche immer wieder bereicherte; eine Verbindung von Wissen und Bescheidenheit, die in allen Reden und von Bernard San auch musikalisch gewürdigt wurde. Der ehemalige Kantor aus Zürich kam eigens aus Israel hergereist, um das Lied von den wichtigen Dingen im Leben zu singen; das Allerwichtigste ist das Bemühen um Weisheit.