QUARTIERSCHULEN: Holzhütten oder Kirchgemeindehäuser: Die schwierige Suche nach Räumen für Deutschkurse

Dass der Wiler Deutsch-Grundkurs für Migranten in Räumen der Moschee stattfand, gefiel nicht allen. Geeignete Räume für die Quartierschulen zu finden verlangt aber von mancher Gemeinde Fantasie.

Kaspar Enz
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Die Stadt Wil hat Deutschkurse der Quartierschule für Asylbewerber in Räumen der islamischen Gemeinschaft durchgeführt. (Bild: Ralph Ribi (Wil, 29. März 2018))

Die Stadt Wil hat Deutschkurse der Quartierschule für Asylbewerber in Räumen der islamischen Gemeinschaft durchgeführt. (Bild: Ralph Ribi (Wil, 29. März 2018))

Kaspar Enz

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: <strong><em>www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Statt wie bisher in Sprachschulen sollen Asylbewerber ihre ersten Gehversuche in Deutsch bei Freiwilligen aus der Gemeinde machen: Das entschied der Verband St.-Gallischer Gemeindepräsidenten. Seit einem Jahr richten die Gemeinden nun Quartierschulen ein. Das Projekt schreite gut voran, sagt Daniela Graf-Willi, die im Auftrag der Vereinigung der St.-Gallischen Gemeindepräsidenten die Gemeinden beim Aufbau begleitet. «48 Gemeinden bieten schon Quartierschulen an. 700 Schüler haben sie besucht. Bis im Sommer sind 200 freiwillige Kursleiter ausgebildet.»

Doch damit eine Quartierschule starten kann, braucht es nicht nur Freiwillige. Schulen brauchen auch Schulzimmer. Und die sind nicht immer einfach zu finden, wie die Stadt Wil erfahren musste. Räume, die für 20 bis 30 Schüler Platz bieten, waren für die Dauer eines Kurses nicht verfügbar: Die 60 Lektionen sollten im Idealfall während vier Wochen durchgeführt werden können. Schliesslich erhielt die Wiler Quartierschule im islamischen Begegnungszentrum Asyl. Das gefiel nicht ­allen. SVP-Stadtparlamentarier Erwin Böhi kritisiert dies in einem Vorstoss. Der Unterricht in den Räumen der Moschee gefährde die konfessionelle Neutralität. Aber «das Angebot der islamischen ­Gemeinschaft, die Kurse kostengünstig durchzuführen, wurde und wird vom Stadtrat begrüsst», antwortete ihm dieser. Das Stadtparlament behandelt den Vorstoss am kommenden Donnerstag.

Sind die Anforderungen an die Schulzimmer der Quartierschulen zu hoch? «Wir sind nicht anspruchsvoll», sagt Daniela Graf-Willi. Gerade in kleineren Gemeinden gebe es oft ehemalige Schulhäuser oder Räume der Gemeinde. Auch die Kirchgemeinden haben oft geeignete Zimmer. Trotzdem müssen die Gemeinden manchmal ihre Fantasie einsetzen. Es gibt Quartierschulen im Werkhof, wie in Waldkirch, oder in einer ehemaligen Methodistengemeinde, wie in Rorschach. In Oberriet hat die Quartierschule ab April eine feste Bleibe im bald umgebauten Bahnhofgebäude.

Holzhütten und Kirchgemeindehäuser

«Wir waren auch schon in einer Holzhütte», sagt Graf-Willi, im alten Forstwerkhof in Bad Ragaz. Der ist zwar etwas ausserhalb. Aber bei den Kirchgemeinden, wo man zuerst angefragt habe, war es räumlich nicht möglich, sagt der zuständige Gemeinderat Christoph Kohler. Gerade in grösseren Gemeinden sei die Suche aber tatsächlich nicht immer einfach, sagt Graf-Willi.

Das erlebte auch Ruth Graf in Buchs. Die Mitarbeiterin des Diakonievereins Werdenberg ist für die Organisation der Buchser Quartierschule zuständig. «Die Suche nach geeigneten Räumen war schwieriger als die Suche nach Freiwilligen», sagt sie: Das Kirchgemeindehaus ist zu abgelegen, die Schulen konnten offenbar nichts Brauchbares anbieten. «Der Pilotkurs fand deshalb im Feuerwehrdepot statt.» Danach bot die Gemeinde eine leerstehende Wohnung an – mehrere kleine Räume statt dem Schulzimmer, das gebraucht würde. Denn der spielerische Unterricht brauche Platz. Mit allerlei Material werden Alltagssituationen nachgestellt. «Deshalb wäre es gut, müsste man nicht jedes Mal alles wieder auf- und abbauen.»

Dabei hat Ruth Graf schon geeignete Räume entdeckt. «Einige Freikirchen haben Räume, die wir brauchen könnten.» Nicht nur für den Unterricht, sondern auch für die Betreuung der Kinder. «Am Anfang war die Gemeinde noch skeptisch.» Man wolle religiös neutral sein. Doch nun werde man die Räume der Freikirchen ernsthaft in Betracht ziehen. Schon der Diakonieverein, der die Kurse organisiert, hat einen kirchlichen Hintergrund. «Aber wir sind unseren Klienten gegenüber neutral», versichert Graf.

Auch wenn nicht immer alle Idealvorstellungen erfüllt seien, «wir nehmen, was es hat», sagt Daniela Graf-Willi. «Mancherorts wird der Kurs nach den ersten Tagen verlegt, oder er findet jeweils zwei- oder dreimal in der Woche statt.» Die bisherigen Fortschritte stimmten positiv. Nicht nur Flüchtlinge nehmen an den Kursen teil, sie sprechen auch Migranten an, die schon lange hier sind, aber nie die Möglichkeit hatten, Deutsch zu lernen. Hätten die Flüchtlinge und Migranten die Quartierschulen absolviert, seien sie häufig motiviert, die Sprache noch besser zu lernen. Denn, «ist das Niveau zu hoch, hängen viele schnell ab. In der Quartierschule geht es um ganz einfache Alltagsgeschichten.» So könnten sie sich im Laden oder auf dem Amt verständigen. Dies gebe Sicherheit auf beiden Seiten. «Durch die freiwilligen Kursleiter kennen sie bereits einige Gesichter in der Gemeinde. So entstehen auch soziale Kontakte.» Das Konzept soll deshalb ausgebaut werden. Bis Ende Jahr sollen zusätzliche Module die Schüler zum Beispiel auch auf Praktika vorbereiten.