Quaggamuschel

Die Muschel, die niemand wollte, macht allen Sorgen

Sie gehört nicht hierher und trotzdem ist sie da, um zu bleiben.
Die ursprünglich aus dem Schwarzmeerraum stammende Quaggamuschel findet sich seit 2015 auch in Schweizer Seen und breitet sich rasant aus. Im Bodensee hat sie bereits zu Problemen bei der Wasserversorgung geführt.

Christian Kamm
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Quaggamuscheln im Bodensee.

Quaggamuscheln im Bodensee.

Tino Dietsche
  • Die Quaggamuschel konkurrenziert einheimische Arten und beeinträchtigt Wasserversorgungsanlagen am Bodensee. 
  • Sie wird über Boote, Wassersport- und Fischereimaterial verbreitet.

Betroffen ist etwa das Seewasserwerk Kesswil. Im ungewöhnlich trockenen Frühling 2020 konnte die Förderleistung nicht mehr voll ausgeschöpft werden, weil sich der Eindringling in der Entnahmeleitung eingenistet hatte. Das ist der Beantwortung eines Vorstosses von FDP-Kantonsrat Viktor Gschwend (Neukirch-Egnach) zum Thema «Quaggamuscheln in Thurgauer Seen» zu entnehmen. Folge: Liegt die Förderleistung des Seewasserwerks Kesswil eigentlich bei maximal 12'000 Kubikmeter pro Tag, waren es muschelbedingt rund 2000 bis 3000 Kubikmeter weniger. Bei Spitzenbedarf konnten die vertraglich zugesicherten Mengen Wasser laut Kantonsregierung nicht mehr bereitgestellt werden:

«Daher ist es im Oberthurgau aufgrund des zeitweise sehr hohen Bedarfs zu Engpässen in der Wasserversorgung gekommen.»

Um die unerwünschten Gäste wieder loszuwerden, muss ein hoher Aufwand betrieben werden. Meist übernehmen heute Taucher die Aufgabe, die Anlagen von den Muscheln zu befreien. Mittelfristig werde angestrebt, die Entnahmeleitung mit speziellen Geräten zu reinigen. «Auch werden neue Oberflächenbeschichtungen geprüft», so die Regierung.

Über den Rhein in die Schweiz gekommen

Laut Kantonsrat Gschwend sind die Quaggamuscheln vermutlich mit grossen Transportschiffen den Rhein hinauf in der Schweiz angekommen – «als Larve am Boot oder im Balastwasser». Seither breiten sie sich rasant aus, weil ein natürlicher Feind fehlt. Im Bodensee sei die Gefahr erkannt, so Gschwend. Doch wie steht es um andere Thurgauer Seen?

«Nach aktuellem Wissen kommt die Quaggamuschel nur im Bodensee vor, jedoch (noch) nicht in anderen Thurgauer Seen», antwortet die Kantonsregierung vorsichtig. Denn ein Monitoring fehle. Im Gegensatz zum Bodensee würden die Seen und Weiher nicht routinemässig untersucht.

Nur Sensibilisierung kann helfen

Dass es ein Patentrezept geben könnte, die ungebetenen Muschelgäste wieder loszuwerden, behauptet heute niemand mehr. Vielmehr breite sich die Quaggamuschel über Boote sowie Wassersport- und Fischereimaterial von einem Gewässer zum nächsten aus, schreibt die Regierung.

«Selbst Fachspezialisten sehen momentan keine wirksame Möglichkeit, um eine Ausbreitung oder Verbreitung zu stoppen.»

Was bleibt, ist Prävention und Sensibilisierung. So hat der Kanton als Sofortmassnahme eine entsprechende Kampagne mit Flyern lanciert. Angesprochen werden neben Bootsbesitzern auch jene Wassersportler, die im Sommer spontan von See zu See wechseln. Sie müssten auf die Problematik aufmerksam gemacht werden, «damit sie ihre Utensilien bei einem Wechsel der Gewässer reinigen und mindestens vier Tage trocknen lassen».

Zusätzliche Massnahmen momentan kein Thema

Gesetzliche Bestimmungen für eine Reinigung von Booten bei einem Gewässerwechsel gebe es indessen nicht, bestätigt der Regierungsrat. So würden die meisten Boote gar nie in ein anderes Gewässer gebracht. 2020 erliess der Kanton rund 50 solcher Wanderboot-Bewilligungen. Zudem würden die meisten Boote gleich nach der Auswasserung gereinigt. Fazit:

«Die eingeleiteten Sensibilisierungsmassnahmen erachtet der Regierungsrat momentan als zweckmässig und ausreichend.»