PSYCHOTHERAPIE: Offene Türen gegen Vorurteile

Eine einzige Klinik im Kanton St. Gallen kümmert sich um Kinder und Jugendliche, die an einer psychischen Störung leiden. Die 39 Plätze des «Sonnenhofs» in Ganterschwil sind fast durchgehend ausgebucht.

Julia Nehmiz
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Beispiel Musiktherapie: Therapeut Giuseppe Romano behandelt Kinder und jugendliche Patienten auf dem Klangbett, das eine entspannende Wirkung hat. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Beispiel Musiktherapie: Therapeut Giuseppe Romano behandelt Kinder und jugendliche Patienten auf dem Klangbett, das eine entspannende Wirkung hat. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Julia Nehmiz

julia.nehmiz@ostschweiz-am-sonntag.ch

Der erste Eindruck: Freundlich sieht sie aus, die Klinik Sonnenhof. Gelb gestrichene Häuser, weitläufige Gärten, bunte, fröhliche Skulpturen. Ein grüner Drache, ein Superheld, Spongebob – gestaltet von den jungen Patientinnen und Patienten. Immer mal wieder gesellt sich also eine neue Skulptur dazu.

Von Unbehagen, das einen angesichts des sperrigen Namens «Kinder- und Jugendpsychiatrisches Zentrum» befallen könnte, weit und breit keine Spur. Inmitten der sanften Toggenburger Landschaft am Rand des Dorfes Ganterschwil gelegen, geht der Blick weit auf Berge und Hügel. Der grosse Klinikspielplatz mit Schaukel, Klettergerüst, Rutsche und Pizzaofen steht allen offen. Kein Zaun, kein Tor, keine Mauer, alles präsentiert sich hell und einladend.

Andrea Graf arbeitet seit 2015 als leitende Ärztin im «Sonnenhof», der einzigen psychiatrischen Klinik für Kinder und Jugendliche im Kanton St. Gallen. Die Patientinnen und Patienten sind zwischen 6 und 18 Jahre alt. 39 Plätze gibt es im «Sonnenhof», und sie sind meistens ausgebucht. Dieses Jahr bislang zu 100 Prozent. «Wir bräuchten definitiv mehr Plätze», sagt Graf. Dabei wurde die Klinik zuletzt jährlich um ein bis zwei Plätze erweitert. Trotzdem gibt es eine Warteliste. Die Klinik hat auch für Ausserrhoden, Zürich, Schaffhausen und Schwyz einen Leistungsauftrag. In Zürich gibt es zu wenig Plätze, die drei anderen Kantone haben keine eigene Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

«Für eine psychische Krise muss man sich nicht schämen»

Ganterschwil stellt eine stationäre Versorgung sicher. Die Kinder und Jugendlichen bleiben im Schnitt zweieinhalb Monate dort. Je nach Therapie, je nach psychischer Störung. In rund 40 Prozent der Fälle reichen einige Tage Krisenintervention, um einen Jugendlichen zu stabilisieren. Manchmal braucht es die zwölfwöchige Therapie für Jugendliche, die Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation haben, die also Mühe haben, eigene Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken und sie konstruktiv zu regulieren. Wieder andere bleiben für mehrere Monate im «Sonnenhof». Die ­Diagnosen sind vielfältig: Verhaltens­störungen, Depressionen, Traumatisierungen, Zwangs-, Angst- oder Essstörungen, Schizophrenie, ADHS, Persönlichkeitsstörungen bis hin zu Suizidalität.

Das klingt hart: Schon im Primarschulalter psychisch kranke Kinder? Ja, sagt Andrea Graf. «Eine psychische Störung kann jeden treffen, egal wie alt man ist, egal aus welcher Schicht man kommt.» Die 46-Jährige wünscht sich, dass es weniger Stigmatisierung gäbe für ihre Patientinnen und Patienten. «Eine psychische Krise ist nichts, wofür man sich schämen muss», sagt Graf. «Sie ist kein Zeichen von Schwäche oder Versagen.»

Deswegen veranstaltet die Klinik zum ersten Mal einen Tag der offenen Tür. Die Lernenden haben das initiiert, im Rahmen ihrer Ausbildung setzten sie sich mit Öffentlichkeitsarbeit auseinander und fanden, man müsse sich der Öffentlichkeit präsentieren. Um Vorurteile abzubauen. Hemmschwellen zu überwinden. Bislang gab es lediglich den jährlichen Basar im November. Am kommenden Samstag werden eine der drei Stationen gezeigt, eines der Schulzimmer, die Therapieräume.

Der Klinikalltag wird so nahe wie möglich am häuslichen Alltag gestaltet. Auf den drei Stationen, eine für Kinder, zwei für Jugendliche, leben je sechs bis sieben Patientinnen und Patienten in insgesamt sechs Wohngruppen. Jeder hat sein eigenes Zimmer, zu zweit teilt man sich ein Bad. Gegessen wird gemeinsam in der Wohngruppe, «wie in einer Familie». Im Wohnzimmer laden Sofas und Kuschelecke zum Verweilen, es gibt ein Spielzimmer mit TV.

Manche Fälle gehen nahe

Die Zimmerausstattung ist einfach, Bett, Schreibtisch, Stuhl, Schrank, Sitzsack, Nachttisch. «Jeder darf sein Zimmer gestalten, wie er möchte, die Möbel umstellen, Bilder und Poster aufhängen.» Ein Bub hat seine Zimmertür geschmückt, Bilder von Drachen kleben neben einem Schild in krakeliger Schrift, «Bitte nicht stören». Wer stabil genug ist, besucht die klinikinterne Schule und darf sich frei auf dem Gelände bewegen. Spielplatz, Sportplatz, ein Mädchen badet hingebungsvoll im Planschbecken hinter dem Schulhaus. Die Therapie erfolgt für jeden massgeschneidert. Gesprächs-, Körper-, Kunst- , Musik- oder tiergestützte Therapie, im «Sonnenhof» versucht man auf vielen Wegen zu helfen. Immer werden die Eltern einbezogen, oft auch Schule, Behörden, Beistände.

«Es ist wichtig, sich berühren zu lassen, sich aber nicht zu stark zu belasten», sagt Andrea Graf über ihre Arbeit. Doch manche Fälle gehen auch einem Profi sehr nahe. Wie jener des 13-jährigen Mädchens, das systematisch missbraucht worden war. Aber es gebe auch viele schöne Momente: Wenn die Therapeuten den positiven Prozess erleben. «Wenn Kinder und Jugendliche, denen es sehr schlecht ging, als sie eintraten, durch die Therapie an Lebensfreude und Selbstvertrauen gewinnen, wenn sie Kontakt aufnehmen mit Gleichaltrigen, die Beziehung zum Elternhaus verbessern – darüber freuen wir uns alle sehr.»

Hinweis

Das Kinder- und Jugendpsychiatrische Zentrum in Ganterschwil lädt kommenden Samstag, 10.6., von 10–16 Uhr zum Tag der offenen Tür. www.kjpz.ch