PSYCHOLOGISCHE HILFE NACH UNFÄLLEN: «Wie ein Blitz aus heiterem Himmel»

Bei schweren Unfällen wie jenem, bei dem ein Slowake auf der Autobahn erfasst und tödlich verletzt worden ist, werden Angehörige der psychologischen ersten Hilfe aufgeboten. Co-Leiterin Frieda Hirschi erklärt, wie die Betreuung der Betroffenen vor Ort abläuft.

Maria Kobler-Wyer
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Die Autobahn blieb nach dem tödlichen Verkehrsunfall vorerst gesperrt. (Bild: Kapo SG)

Die Autobahn blieb nach dem tödlichen Verkehrsunfall vorerst gesperrt. (Bild: Kapo SG)

Eine Frau fährt mit ihrem Auto auf der Autobahn beim Rastplatz Wildhus Süd einen Mann an, dieser stirbt. Leute vom Rastplatz und andere Autofahrer erleben den Unfall mit. «Ein solcher Unfall ist wie ein Blitz aus heiterem Himmel», sagt Frieda Hirschi, Co-Leiterin der psychologischen ersten Hilfe (PEH) des Kantons St.Gallen. Sie und ihre Leute sind für Mitverursacher des Unfalls, Angehörige von Betroffenen und Augenzeugen da. «Treffen wir am Unfallort ein, müssen wir sofort total präsent sein, auf die Leute eingehen, ihnen zuhören, für sie da sein.» Da die Polizei mit anderen Sachen beschäftigt ist, ist es für Betroffene umso wichtiger, dass sich die psychologischen Helfer für sie Zeit nehmen. «Unser Einsatz dauert in der Regel vier bis fünf Stunden», sagt Hirschi. «Meist organisiert die Polizei für uns einen geschützten Raum.» Das kann der Polizeiwagen, ein Restaurant oder ein anderer ruhiger Raum sein.

Frieda Hirschi, Co-Leiterin psychologische erste Hilfe. (Bild: pd)

Frieda Hirschi, Co-Leiterin psychologische erste Hilfe. (Bild: pd)

Hirn überfordert

«In einer ersten Phase versuchen wir, die Betroffenen zum Reden zu bringen», sagt Frieda Hirschi. «Wir zwingen aber niemanden.» Denn die Reaktionen auf ein solches Ereignis seien sehr unterschiedlich. «Einigen wollen sich lieber bewegen als reden, andere schreien, zittern oder sitzen wie versteinert da», sagt die Co-Leiterin der PEH. «Es braucht sehr viel Empathie um zu merken, was die Betroffenen brauchen.» Am Anfang, wenn der Schreck noch richtig in den Knochen sitzt, machen Beteiligte oft verworrene Aussagen, erzählen mehrmals das Gleiche, haben das Gefühl, gleich durchzudrehen. «Solche Reaktionen sind normal», sagt Frieda Hirschi. In dem Moment sei das Hirn überfordert, das Ereignis könne nicht eingeordnet werden. «Indem wir mit den Betroffenen reden, helfen wir ihnen, die Geschehnisse einzuordnen und Flashbacks zu verhindern.» Je mehr über das Erlebte geredet wird, desto besser kann es eingeordnet werden und es bleibt den Betroffenen «als schlimme Zeit in ihrem Leben» in Erinnerung.

Ist der Einsatz vor Ort beendet, erkundigen sich die Erst-Helfer in den folgenden Tagen erneut bei den Beteiligten. 95 Prozent der Betroffenen gelingt es laut Frieda Hirschi, nach drei bis vier Tagen mit den Angehörigen über das Ereignis zu reden. Fünf Prozent brauchen längerfristige Beratung und Hilfe.

Dankbarkeit für Helfer

Manche Einsätze gehen auch Helferinnen wie Frieda Hirschi nahe. «Einsätze, bei denen Kinder betroffen sind, sind besonders schlimm», sagt die vierfache Mutter. An ihren ersten Einsatz als psychologische Helferin erinnert sie sich gut. «Ich wurde zu einem Suizid gerufen. Das war sehr dramatisch», sagt sie. «Danach war ich selber drei Tag neben den Schuhen.»

Frieda Hirschi hat sich nach 30 Jahren Tätigkeit als Pfarrerin mit 60 Jahren frühpensionieren lassen. «Da habe ich mich schon gefragt, ob ich mich als psychologische Helferin betätigen soll», sagt sie. «Schliesslich werden wir mit dem Schlimmsten vom Schlimmen konfrontiert.» Sie liess sich dann von ihrem Grundsatz leiten: «Es passiert so viel Schreckliches auf der Welt. Das kann ich nicht rückgängig machen. Aber ich kann für die Betroffenen da sein und ihnen helfen, die schweren Tage zu überstehen.» Bei ihrer Tätigkeit erfährt Hirschi extrem viel Dankbarkeit. «Die Betroffenen sagen, dass es für sie sehr wichtig gewesen sei, dass in den ersten Stunden jemand für sie da gewesen sei und sie nicht wüssten, wie sie ohne uns diese Zeit überstanden hätten.»