Psychologe über das tote Mädchen von Staad: «Drogen allein können Tat nicht erklären»

Diese Woche standen die Eltern vor Gericht, die ihr Mädchen zu Tode vernachlässigt hatten. Gerät ein Paar derart neben die Spur, seien meist mehrere Gründe dafür verantwortlich, sagt Psychologe Jérôme Endrass. Er geht von einer groben Störung aus.

Interview: Janina Gehrig
Drucken
Teilen
Je jünger ein Kind ist, wenn es durch die Eltern zu Tode kommt, um so eher liegt bei den Eltern eine schwerwiegende Störung vor. (Bild: Getty)

Je jünger ein Kind ist, wenn es durch die Eltern zu Tode kommt, um so eher liegt bei den Eltern eine schwerwiegende Störung vor. (Bild: Getty)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Im August 2015 fand die Polizei bei einer Hausdurchsuchung in Staad den Leichnam eines fast zweijährigen Mädchens. Die Mutter hatte das tote Kind in einen Koffer gepackt und im Keller versteckt. Vergangene Woche standen die 35-Jährige und der 55-jährige Kindsvater vor dem Rorschacher Kreisgericht. Die ehemalige Prostituierte und der damals arbeitslose Pneumonteur werden verdächtigt, unter anderem aufgrund ihres starken Kokainkonsums die Tochter arg vernachlässigt zu haben, wodurch das Mädchen zu Tode kam. So liessen sie es gemäss Anklageschrift jeweils über Stunden alleine zu Hause, ernährten es nicht altersgerecht, vernachlässigten die körperliche Hygiene des Kinds sowie dessen Bewegung und soziale Kontakte.

Jérôme Endrass, wie kann es so weit kommen, dass Eltern ihr Kind derart im Stich lassen?

Ich kenne den Fall nicht näher und Ferndiagnosen sind bekanntlich nicht möglich. Es ist aber genau diese Frage nach dem Warum, welche die Gutachter klären müssen. Sicher ist, dass es bei solchen Fällen nie eine alleinige Ursache gibt, die als Erklärung herbeigezogen werden kann. Wahrscheinlich ist auch, dass bei den mutmasslichen Tätern unterschiedliche Gründe ausschlaggebend für ihr Handeln waren.

Jérôme Endrass, forensischer Psychologe in Zürich. (Bild: PD)

Jérôme Endrass, forensischer Psychologe in Zürich. (Bild: PD)

Die Beschuldigten sollen während Jahren täglich Kokain konsumiert haben. Inwiefern könnte dies eine Rolle gespielt haben?

Wie relevant der Drogenkonsum war, können wir aus Distanz nur grob eingrenzen. Drogenkonsum im genannten Ausmass kann aber zu massiven Kindsvernachlässigungen führen. Auch kann langjähriger Kokainkonsum die Folge einer psychischen Störung sein und die Persönlichkeit verändern. Der Drogenkonsum erklärt allein aber nicht, dass jemand derart neben der Spur ist.

Dass die Wahrnehmung der Eltern beeinträchtigt zu sein schien, lässt sich also nicht durch den Drogenkonsum erklären?

In diesem Ausmass wäre dies unwahrscheinlich. Hier haben die Eltern die Realität dermassen verkannt, dass es nicht nur zur Vernachlässigung, sondern gar zum Tod des Kindes gekommen ist. Plausibler ist es, davon auszugehen, dass mehrere verschiedene Gründe zu diesem Verhalten geführt haben. Bei diesem Fall scheint mir auch das «Nachtatverhalten» höchst auffällig. Es geht über die übliche Vernachlässigung hinaus. Bei der forensischen Einordnung der Tat und der Beurteilung der Beschuldigten muss man dies mitberücksichtigen.

Die Mutter hatte das tote Mädchen im Keller versteckt, es später nochmals wärmer angezogen, weil sie Angst hatte, dass es im Keller friere. Kann man diese Reaktion erklären?

Aus der Distanz nicht. Genau diese Frage ist aber entscheidend. Dass jemand zuschaut, wie ein Kind grausam verendet, gleichzeitig aber ein derart bizarres Pflegeverhalten an den Tag legt: Dafür gibt es sicher nicht ein einfaches Erklärungsmodell.

Die Staatsanwaltschaft sprach von einer eiskalten, kalkulierenden Reaktion, als die Mutter den Tod des Kindes feststellte; die Verteidigung von einer Schock- und Panikreaktion.

Generell gilt: Je jünger ein Kind ist, wenn es durch die Eltern zu Tode kommt, um so eher liegt eine schwerwiegende psychiatrische Störung bei den Eltern vor. Man kann auch bei diesem Fall davon ausgehen, dass bei den Beschuldigten etwas gröber nicht in Ordnung ist. Hier handelt es sich kaum um ein Paar, das einfach den Rank nicht gefunden hat und mit der Erziehung überfordert war. Interessant wäre, zu wissen, wie sich die Personen verhielten, bevor sie Kokain konsumiert haben. Bei Schwerstverbrechen finden wir häufig sehr auffällige Grundpersönlichkeiten.

Die Angeklagte verteidigte sich, sie habe doch Mutterinstinkte. Ist der Fall deshalb auch so verstörend, weil man genau diese Instinkte, sich angemessen um ein Kind zu kümmern, als natürlich voraussetzt?

Tatsächlich lösen kleine Kinder sogenannte Brutpflegereflexe aus. Das ist uns angeboren. Erwachsene reagieren über alle Kulturen hinweg gleich auf kleine Kinder: Wir heben die Stimme, wenn wir mit ihnen reden, reissen die Augen auf. Jeder kennt diesen «Jö-Effekt». Umso unverständlicher ist es für uns, wenn sich Menschen gegenüber Kindern anders verhalten, sie vernachlässigen. Für Aussenstehende ist eine Kindstötung um so erschütternder, je jünger ein Kind ist.

Der Vater gab an, an einem Burn-out zu leiden. Mit ein Grund für die Vernachlässigung der Tochter?

Auf keinen Fall. Burn-out kommt häufig vor. Viele Väter, und wohl noch mehr Mütter, leiden an Burn-outs und glücklicherweise werden deren Kinder dennoch selten in solch schwerem Ausmass vernachlässigt. Die Ursachen sind eher in der Grundpersönlichkeit als in der damaligen Stimmung des Vaters zu finden.

In der Schweiz wird fast täglich ein Kind in ein Spital eingeliefert, weil es vernachlässigt wurde. Warum holen sich die Eltern keine Hilfe?

Aus der Wissenschaft wissen wir, dass diese Eltern Kinder eher als Probleme erleben – sprich: überfordert sind, selber über emotionale Probleme klagen, Schwierigkeiten in der Paarbeziehung haben und das Selbstbewusstsein im Keller ist. Das ist die toxische Mischung für Kindsmisshandlungen.

Für Aussenstehende ist es einfacher, wenn die Täter als krank gelten, um mit einer solchen Tat umzugehen. Wie ergeht es Ihnen als Psychologe?

Es gibt Störungsbilder, die es einem tatsächlich einfacher machen, Taten zu erklären. Wenn jemand unter einer Schizophrenie oder einer Psychose leidet – Krankheiten, die teils genetisch determiniert sind und massive Auswirkungen auf das Verhalten und Erleben haben – dann kann es ein Stück weit nachvollziehbar sein, dass es zu solchen Taten kommt. Auch für uns Fachleute ist es am schwierigsten auszuhalten, wenn wir bei grausamen Fällen feststellen müssen, dass der Täter ziemlich gesund ist. Je gesünder ein Täter ist, umso belastender sind solche Taten. Dann fehlt eine befriedigende Erklärung.

Kennen Sie ähnliche Fälle?

Kindstötungen oder Schwerstformen von Vernachlässigungen sind extrem selten und kein Fall ist mit anderen Fällen vergleichbar. Es gab im Kanton Zürich den Fall der Mutter, die ihre siebenjährigen Zwillinge tötete. Auch diese Tat beschäftigte die Öffentlichkeit enorm. Es macht ganz viel mit uns. Wir merken auch in der Praxis, dass nicht jeder Experte mit Kindstötungen umgehen kann. Nicht jeder Gutachter schafft es, sich diesen Belastungen auszusetzen. Auch wenn Forensiker im Alltag oft mit schwerer Gewalt konfrontiert werden: Kindstötungen gehen einem sehr nahe.

Zur Person

Jérôme Endrass studierte Psychologie, Psychopathologie und Philosophie an der Universität Zürich, wo er 2008 habilitierte. Seit 2017 ist er Stabschef des Zürcher Amts für Justizvollzug. An der Universität Konstanz leitet Endrass zudem als ausserplanmässiger Professor die Arbeitsgruppe Forensische Psychologie. Der 48-Jährige ist verheiratet und Vater von Zwillingen. (jan)