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PROZESS: Verhängnisvolle Liebe

Eine Schweizerin verliebt sich in einen politisch verfolgten Kurden. Für ihn ist das wie ein Sechser im Lotto. Sie will ihm vor allem helfen. Als sie sich von ihm trennt, beginnt der Terror.

Sie hätten sich besser nie kennen gelernt. Der dünne Mann mit dem kantigen Gesicht und die Frau, eher mütterlich, eher unauffällig. Sie passen gar nicht zusammen. Trotzdem hat es drei Jahre gedauert, bis sie endgültig Schluss gemacht hat. Warum sie sich so viel von ihm hat bieten lassen, versteht sie selbst nicht mehr. Jetzt möchte sie nur noch Ruhe. Er soll nicht mehr ständig anrufen und schon gar nicht mehr nachts vor dem Haus auftauchen. Vor dem Bezirksgericht Weinfelden klagt sie auf ein Kontakt-, Annäherungs- und Rayonverbot. Doch der Mann kann sich nicht mit dem Ende abfinden. «Ich liebe sie noch immer», sagt er. Er wirkt fahrig und angespannt. Halb liegt er auf dem Tisch vor sich, schreibt alles auf, was die Dolmetscherin übersetzt. Vielleicht war diese Beziehung von Anfang an ein Missverständnis: Zwei Kulturen, die aufeinander prallen. Die Schweizerin, Mitte 50, mehrfache Mutter, ohne finanzielle Sorgen. Der türkische Kurde, politisch verfolgt, zehn Jahre jünger, gestrandet in einer Welt, die er nur zum Teil versteht.

Verabredung als Angebot zum Sex gedeutet

Sie lernen sich auf dem Bahnhof kennen, beide warten auf den Zug, da spricht sie ihn an. Sie interessiert sich für seine Geschichte, er versteht es als Anmache. Sie verabreden sich ins Kino. Für ihn ist das ein Angebot zum Sex. Sie lässt sich darauf ein. Ihr Ehemann duldet die Beziehung. Klar sieht sie die Probleme ihres Liebhabers, seinen Verfolgungswahn, das Misstrauen, den Alkohol. Doch der Mann, der in türkischen Gefängnissen gefoltert worden war, wird mehr und mehr zu ihrer persönlichen Aufgabe. Sie will ihm das Vertrauen in die Menschen zurückgeben, er soll Fuss fassen in der Schweiz. Der Kurde sagt, es sei für ihn wie ein Lotto-Sechser gewesen. «Eine Schweizerin, die mich liebt.» Es klappt nicht. «Niemand kann mit ihm eine Beziehung leben», sagt die Frau vor Gericht. Er habe sie als Leibeigene gesehen. Ihre Taschen durchwühlt er, kontrolliert ihr Handy, rastet aus, wenn sie mit einem anderen Mann spricht. Sie trennen sich, versöhnen sich wieder. Vor einem Jahr zieht sie den Schlussstrich. Doch damit fängt der Terror erst richtig an. Er lärmt nachts vor ihrem Haus, bis die Polizei ihn abführt, einmal kommt er selbst dann wieder zurück. Innerhalb des letzten Jahres rief er sie 250-mal an, neunmal allein am Weihnachtstag. Die Familie hat die Telefonnummer nicht sperren lassen – aus Angst, der Stalker suche sich ein anderes, gefährlicheres Ventil.

Die Frau wagt sich inzwischen nachts fast nicht mehr alleine aus dem Haus. «Ich weiss gar nicht mehr, wie ein normales Leben aussieht», sagt sie. Zwei Polizisten sind zu ihrem Schutz an der Verhandlung. Das Gericht hat dem Kurden schon letztes Jahr ein Rayonverbot auferlegt. Genützt hat es nichts. Viermal hat er dagegen verstossen. Einmal ist die Situation so eskaliert, dass er anschliessend in die psychiatrische Klinik eingeliefert werden musste. Das Migrationsamt habe ihm mittlerweile den Asylstatus aberkannt, sagt der Anwalt der Frau. Dazu sei eine Strafanzeige hängig.

Ein Herz in den Gartentisch geritzt

Sein Mandant verhalte sich lästig, aber nicht gefährlich, sagt der Pflichtanwalt des Kurden. Die Kratzspuren auf dem Gartentisch vor dem Haus der Ex-Freundin seien keine Drohung mit einem Messer gewesen. Er habe vielmehr ein Herz mit dem Schlüssel in die Platte ritzen wollen. Und das Häufchen Asche sei nicht als Warnung, dass er irgendwann das Haus abfackeln werde, zu verstehen. Es stamme von einem Brief, den er ihr geben wollte, dann aber verbrannt habe. Doch selbst der Anwalt beantragt ein Kontaktverbot und ein Annäherungsverbot auf 100 Meter. Dass dieser die Gemeinden, in denen die Frau wohnt und arbeitet, die nächsten drei Jahre nicht betreten dürfe, sei dagegen unverhältnismässig.

Warum er so oft bei der Frau angerufen habe, will Gerichtspräsident wissen. Er habe ihr sagen wollen, dass er kein Terrorist sei und sie keine Angst haben müsse. Sogar Blumen habe er ihr gekauft, das habe er noch nie zuvor gemacht. Der Mann redet und redet, schweift ab, verliert sich in Details. Der Gerichtspräsident spricht von einer «unheilvollen Beziehung». Der Mann sei emotional sehr belastet, seine Einsicht fraglich. Das Gericht erteilt ihm auf drei Jahre ein Verbot für die Gemeinde, in der die Frau wohnt und für die Gemeinde, in der sie arbeitet. Ausgenommen ist ein Nachmittag pro Woche beim Arbeitsort. Mit dem Zug darf er zwar durchfahren, aber weder aus- noch umsteigen. Dazu muss er eine Entschädigung von 4536 Franken zahlen.

Der Gerichtspräsident redet dem Kurden ins Gewissen. «Vergessen Sie diese Geschichte.» Wenn er sich nicht an das Urteil halte, lande er irgendwann im Gefängnis. Doch kaum ist das Urteil verkündet, lamentiert der Kurde lautstark, prangert das Unrecht an, das ihm geschehe. Unter Protest und wild gestikulierend verlässt er den Gerichtssaal.

Ida Sandl

ida.sandl@thurgauerzeitung.ch

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