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Totes Mädchen von Staad – «Das sind reine Spekulationen»: Verteidiger sehen keine Belege für negativen Lebensstil der Eltern

Die Verteidigung der wegen vorsätzlicher Tötung angeklagten Eltern geht hart ins Gericht mit der Staatsanwaltschaft. Sie hat am zweiten Prozesstag Freisprüche gefordert. Die Tochter der Beschuldigten war tot im Keller des Elternhauses aufgefunden worden.
Regula Weik
Blick auf das Haus in Staad, in welchem im Sommer 2015 ein totes Mädchen aufgefunden worden war. (Archivbild: Keystone)

Blick auf das Haus in Staad, in welchem im Sommer 2015 ein totes Mädchen aufgefunden worden war. (Archivbild: Keystone)

Die Verteidigerin der angeklagten Mutter und der Verteidiger des Vaters waren sich am Mittwoch einig: Die Arbeit der St. Galler Staatsanwalt lässt zu wünschen übrig. Die beiden kritisieren die Ermittlungen harsch. Diese seien zwar sehr umfangreich gewesen, an die 20 Zeugen seien befragt, die Beschuldigten abgehorcht worden – bis ins Schlafzimmer. Doch all dies habe keineswegs zu einem klaren Gesamtbild geführt. «Die Anklageschrift beruht auf Spekulationen», sagt der Verteidiger des Vaters.

Sein zentraler Kritikpunkt: Die Todesursache des Kindes sei nicht geklärt – und könne wohl auch nie geklärt werden. Deshalb sei es eben fraglich, ob dessen Tod vermeidbar gewesen wäre, sagt die Verteidigerin der Mutter. «Wir haben kein klares Bild, das zu einer Verurteilung führen könnte.» Und: «Wir haben kein Geständnis der Beschuldigten.» Im Sommer 2015 war die knapp zweijährige Tochter tot im Haus ihrer Eltern in Staad aufgefunden worden.

Mutter verschwieg dem Vater den Tod der Tochter


Die beiden Verteidiger fordern Freisprüche für die Eltern. Und sie verlangen darüber hinaus je eine Genugtuung für die 46-tägige Untersuchungshaft; der Vater soll mit 9200 Franken, die Mutter mit 5000 Franken für die Zeit hinter Gittern entschädigt werden. Einzig bei einem «Nebenschauplatz» geht die Verteidigerin mit der Staatsanwaltschaft einig: Ihre Mandantin habe den Ex-Mann falsch beschuldigt. Dafür sei sie mit 50 Tagessätzen à 10 Franken zu büssen. Die Beschuldigte ist derzeit nicht erwerbstätig. Sie würde gerne in der Pflege arbeiten, hatte sie am Dienstag erklärt. Deshalb absolviere sie ein Fernstudium in Hamburg, um das Abitur nachzuholen.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Eltern vor, ihre kleine Tochter arg vernachlässigt zu haben. Ihr ­Leben habe sich vorwiegend um harte Drogen gedreht. Und nicht ums Kind. Auf ihren Kokain­konsum angesprochen, hatten sich beide Beschuldigten in der Befragung durch den Gerichtsvorsitzenden wortkarg gezeigt. Weder Häufigkeit noch Menge der Drogenkäufe seien gesichert, sagt der Verteidiger des Vaters. Die Zahlen der Staatsanwaltschaft seien daher «mit Vorsicht» zu geniessen.

«Die Bargeldbezüge belegen nur, dass er Geld abgehoben hat, aber nicht, dass er es für Drogenkäufe eingesetzt hat.»

Er habe immer gerne genügend Bargeld im Hause und einiges ins Haus investiert, hatte der Vater am Dienstag die regelmässigen Geldbezüge begründet. Auch die Verteidigerin der Mutter spricht von «Indizien»: «Der Vorwurf schwer drogensüchtiger Eltern, die deswegen ihre Tochter vernachlässigt hätten, stimmt nicht.» Das seien Behauptungen; es gebe keine Beweise dafür. Die Mutter habe nur gelegentlich, aber nicht regelmässig Drogen konsumiert. Sie habe sehr wohl ein geordnetes Leben geführt, sie habe den ganzen Tag mit der Tochter verbracht.

Gegenteilige Aussagen von Zeugen entbehrten jeglicher Grundlage. «Es gibt keinerlei verlässliche Beweise für den angeblich gestörten Tagesablauf der Mutter», so die Verteidigerin.

Der Vater, so der Verteidiger, habe sich, «so gut er konnte», um das Kleinkind gekümmert. In gewissen Erziehungsfragen habe er sich auf seine Lebenspartnerin verlassen – «zu Recht, sie hat bereits drei Kinder grosszogen». Der älteste Sohn – sie gebar ihn als Teenager – lebt in Deutschland; die beiden andern Kinder sind fremdplatziert. Sein Mandant sei unerfahren im Umgang mit Kindern – «er wurde erst mit 50 Vater und musste sich auf die Mutter verlassen können».

Das Verhalten des Vaters sei zu keinem Zeitpunkt eine «konkrete Gefahr» für das Kind gewesen. Der Vorwurf, das 23 Monate alte Kleinkind sei verdurstet, verhungert oder vergessen gegangen, entspringe «der Fantasie der Staatsanwaltschaft». Die Beweislage sei viel zu dünn. Und an die Adresse der Staatsanwaltschaft:

«Wenn Sie nicht wissen, wie das Kind zu Tode kam, wissen Sie auch nicht, wie der Vater dies hätte verhindern können.»

Der Verteidiger führt denn auch an, der Vater habe erst nach seiner Festnahme vom Tod der Tochter erfahren. Er habe sie letztmals am 25. Juli gesehen, hatte der Beschuldigte am Dienstag erklärt. Danach habe seine Lebenspartnerin erst gesagt, die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) habe die Tochter geholt; dann habe sie ihm erzählt, sie sei wohlbehalten bei Freunden im Ausland. Er habe immer wieder ein Zeichen seiner Tochter gefordert. «Ich erhielt nur ein Foto von einem schönen Haus, in dem sich unser Kind aufhalten soll.» Sie könne gut Leute um den Finger wickeln, hatte die Mutter am ersten Prozesstag erklärt.

Der von der Staatsanwaltschaft genannte Todeszeitpunkt stimme nicht, sagt die Verteidigerin der Mutter. Am 3. Juli sei das Kind «definitiv schon tot» gewesen. Es müsse «irgendwann Ende Juli» gestorben sein. Die Mutter sei zwar nicht in der Lage, sich genau zu erinnern, an welchem Tag sie ihre Tochter tot im Kinderbett im Dachzimmer aufgefunden habe.

«Aber der von der Staatsanwaltschaft genannte Todeszeitpunkt ist erwiesenermassen falsch – so wie auch Todesursache und Todesart unklar sind.» Die Mutter habe ihre Fürsorge- und Erziehungspflicht nicht vernachlässigt. «Sie kann den Tod der Tochter nicht verschuldet haben.» Sie habe das Kind öfter gesehen, so die Verteidigerin, «ein süsses Baby und Kleinkind», wohlgenährt und pausbackig.

«Es war eine Kurzschlusshandlung»

Unbestritten ist, dass die Mutter das tote Kind in einen Koffer packte und im Keller versteckte. «Das war eine Kurzschlusshandlung», erklärt die Verteidigerin. «Sie wollte die Tochter nicht hergeben und den Leichnam bei sich behalten.» Die Mutter habe «irrational und unangemessen» auf den Tod der Tochter reagiert. Seither habe sie eine «Trauerstörung» entwickelt. Sie könne nicht zur Ruhe kommen und um ihre Tochter trauern.

Die Staatsanwaltschaft beantragt für die Mutter wegen vorsätzlicher Tötung, Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflichten und mehrfacher Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz eine Freiheitsstrafe von 10,5 Jahren, für den Vater eine Freiheitsstrafe von 8 Jahren. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

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