Prozess um häusliche Gewalt vor dem Thurgauer Obergericht: «Du schmeckst so fein nach Angst»

Ein 31jähriger Thurgauer muss sich wegen schwerer Körperverletzung, Vergewaltigung, Nötigung, Drohung und Schändung vor dem Obergericht in Frauenfeld verantworten. Seine vier Ex-Partnerinnen sagen gegen ihn aus.

Ida Sandl
Drucken
Das Obergericht des Kantons Thurgau in Frauenfeld. (Thi My Lien Nguyen)

Das Obergericht des Kantons Thurgau in Frauenfeld. (Thi My Lien Nguyen)

Die Tritte und Schläge gibt er zu, die Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen streitet er ab: «So bin ich nicht.» Dafür ist der Beschuldigte bis vors Bundesgericht gezogen. Erreicht hat er, dass die vier betroffenen Frauen und er selbst am Dienstag vor dem Thurgauer Obergericht erneut befragt werden mussten. Die Schilderungen der Frauen offenbaren extreme häusliche Gewalt.

Die Frauen berichten von Würgen bis zur Bewusstlosigkeit, Tritten mit dem Stiefel gegen Gesicht und Brust, gebrochenen Rippen und Platzwunden. Aber auch Erniedrigungen mussten sie über sich ergehen lassen. So soll der Beschuldigte eine seiner Ex-Freundinnen gezwungen haben, den Urin ihres Hundes aufzulecken. Auf eine andere habe er selbst uriniert und sie dabei beschimpft: «Du dreckige Schlampe verdienst es, angepisst zu werden.»

So unterschiedlich die Opfer sind, die Beziehungen liefen doch nach einem ähnlichen Muster ab. Auffällig dabei: Es wurde schnell sehr intim. Schon kurz nach dem Kennenlernen zogen die Frauen meistens zu dem Mann. Eine hat ihn sogar geheiratet. Er sei «sehr überfordert» gewesen, sagt der Beschuldigte selber vor Gericht:

«Diese extreme Enge, fast symbiotisch»

Vieles sei ihm entgleist. Dazu kam die Eifersucht. Bald fing er an, seine Freundinnen zu kontrollieren. Wenn sie mit einem anderen Mann auch nur geredet hätten, sei er ausgerastet, berichten die Frauen. Die Vergangenheit sollte ausgelöscht werden, nur noch die Gegenwart mit ihm sei wichtig gewesen. Das führte so weit, dass sie den Kontakt zur Familie hätten abbrechen müssen. Er habe ihnen das Handy weggenommen und sogar die Kleider neu gekauft.

Trotz Schlägen ging sie wieder zu ihm zurück

Die Opfer sind noch immer derart traumatisiert, dass die Richter ihnen den Kontakt mit ihrem ehemaligen Peiniger nicht zumuten. Sie sitzen im Nebenraum und werden via Videokonferenz befragt. Bei einer Frau müssen auch die Journalisten den Gerichtssaal verlassen. Die Frauen erzählen von Albträumen, Depressionen und von der Kraft, die es kostet, das Erlebte zu verdrängen. Eine 30-jährige Ex-Freundin sagt:

«Ich bin glücklich, dass ich am Leben bin und das KV abgeschlossen habe»

Mit ihr hatte er die längste Beziehung, sie trennten sich, zogen wieder zusammen. Als sie das zweite Mal mit ihm zusammen lebte, wurde sie schwanger. Er und seine Familie hätten sie derart unter Druck gesetzt, dass sie das Kind habe abtreiben lassen, sagt sie unter Tränen. Trotzdem kehrte sie ein drittes Mal zu ihm zurück. Warum? Sie denkt nach. Er habe beteuert, dass er sich geändert habe.

Der Beschuldigte beschreibt seine Ausraster wie eine Cola-­Flasche, die geschüttelt und dann geöffnet wird. Auch er habe nicht mehr so sein wollen und sich selbst in die Psychiatrische Klinik Münsterlingen eingewiesen. Damals war er 21 Jahre alt. Man habe ihn auf die Jugendstation verlegt. Da habe er gemeinsame Therapiesitzungen mit 17-Jährigen gehabt:

«Die hatten ganz andere Probleme, das hat mir nichts gebracht»

Es wurde nicht besser. Er schlug, und danach entschuldigte er sich bei seinen Opfern, holte Eisbeutel und Schmerztabletten. Anfangs glaubten sie ihm noch. Später war es nur noch ein fatales Konstrukt aus Angst und mangelndem Selbstwertgefühl, das sie bei ihm bleiben liess.

Als er ihr sagt, dass er wieder mit Kampfsport anfangen wolle, habe sie gewusst: «Eines Tages bist du tot», sagt eine der Frauen. Da habe sie ihre Eltern angerufen, um sich abholen zu lassen. Den Prozess ins Rollen gebracht hat die letzte Partnerin, mit der er kurz verheiratet war. Nachdem sie ihn verlassen hatte, erstattete sie Strafanzeige und nahm mit ihren Vorgängerinnen Kontakt auf, um sie ebenfalls zur Aussage zu bewegen.

Vor zwei Jahren hatte das Obergericht den Mann bereits zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt und eine stationäre Psychotherapie angeordnet. Das Bundesgericht hob den Schuldspruch jedoch mangels Beweisen auf, da das Obergericht dem Beschuldigten nicht die Gelegenheit gegeben habe, zu den schweren Vorwürfen Stellung zu nehmen. Die Verhandlung wird heute Mittwoch fortgesetzt.

Aktuelle Nachrichten