PROZESS: Missbraucht vom Ersatzgötti

Ein impotenter pädophiler Rentner hat laut Bezirksgericht jahrelang ein Mädchen sexuell missbraucht. Das Thurgauer Obergericht muss darüber entscheiden, ob er es auch vergewaltigt hat.

Thomas Wunderlin
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Thomas Wunderlin

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@thurgauerzeitung.ch

Der 74-jährige ehemalige EDV-Berater könnte seinen Ruhestand geniessen. Dank reichlich sprudelnden Mieteinnahmen aus einem Wohnblock hat er keine finanziellen Sorgen. Doch seit zwei Jahren erlebt er einen Albtraum, wie er dem Thurgauer Obergericht mit freundlicher Stimme erzählt. Nie habe er damit gerechnet, dass die Einweisung des Mädchens «solche Auswirkungen» haben könnte. Der Rentner hatte die heute 17-Jährige zwischen ihrem sechsten und zwölften Altersjahr regelmässig sexuell missbraucht, wie das Bezirksgericht Frauenfeld am 17. März 2016 urteilte.

Er war zum Freund der Familie geworden in einer Zeit, als sich die Eltern des Mädchens häufig stritten. Als eine Art Ersatzgötti unternahm er Ausflüge mit der Mutter und ihren beiden Töchtern. Laut Anklage ging er von 2005 bis 2008 drei bis vier Mal pro Woche bei der Familie vorbei, später ein Mal pro Woche, um sich an dem Mädchen in dessen Zimmer zu vergehen. Das Bezirksgericht nimmt an, dass es nicht ganz so häufig war. Der EDV-Berater drohte dem Mädchen, er sage es ihren Eltern, wenn sie bei den «Spieli» nicht mitmache. Sie seien dann verärgert und würden sie ins Heim schicken.

Gemäss Zeugenaussagen spielte er mit dem Opfer, seiner älteren Schwester und auch anderen Mädchen gerne Modenschau. Dabei mussten sich die Mädchen immer wieder ausziehen und andere Kleider probieren. Die ältere Schwester sagte in der Untersuchung, er habe ihr einmal einen Zungenkuss gegeben, als sie «Vater, Mutter, Kind» gespielt hätten. Praktisch das ganze Dorf habe sich gefragt, weshalb er so oft bei ihnen gewesen sei. Ihre Kolleginnen seien nicht mehr zu ihr nach Hause gekommen. Nach ihrem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik machte die heute 17-Jährige im Januar und im Mai 2015 die Aussagen, auf denen die Anklage beruht. Sie wirft dem Mann auch vor, sie zwei Wochen vor ihrem neunten Geburtstag vergewaltigt zu haben. Sie habe danach das Datum in einen Dachbalken geritzt. Die Polizei fand dort allerdings nur ein Kreuz. Auf dem Computer des Rentners fand sie jedoch kinderpornografische Bilder. Laut einem psychiatrischen Gutachten ist der Mann hetero-pädophil.

Bedingte Strafe des Bezirksgerichts

Das Bezirksgericht verurteilte den Rentner wegen mehrfacher sexueller Nötigung, mehrfacher sexueller Handlungen mit einem Kind sowie Pornografie zu 18 Monaten bedingt. Dazu auferlegte es ihm eine bedingte Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu 430 Franken und eine Busse von 25800 Franken. Seinem Opfer soll er eine Genugtuung von 7000 Franken zahlen. Vom Vorwurf der Vergewaltigung sprach ihn das Bezirksgericht frei. Die Staatsanwältin hat den Fall vors Obergericht gezogen, um auch in diesem Punkt einen Schuldspruch zu erwirken. Sie fordert für ihn eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und acht Monaten. Das Obergericht wird sein Urteil schriftlich eröffnen.

Die gestrige Verhandlung kreiste um die Frage, wie glaubwürdig der Vergewaltigungsvorwurf ist. In der Untersuchung hatte das Mädchen zwar gewisse Details beschrieben, aber danach geschwiegen. «Aus ihrer Wortkargheit kann man nicht schliessen, dass es nicht stimmt», sagte die Staatsanwältin. Die heute 17-Jährige sass wenige Stühle vom Rentner entfernt im Gerichtssaal. Als der Verteidiger ihre Glaubwürdigkeit mit allen Mitteln zu erschüttern versuchte, lief sie aus dem Saal. Der Verteidiger sagte, sie «lügt ständig in jeder Lebenslage». Sie erzähle von der Vergewaltigung nur Details, die nicht überprüfbar seien, so etwa, dass es an diesem Tag ihr Lieblingsessen Tomatenspaghetti gegeben habe. Ihre Aussagen seien widersprüchlich. Einmal habe sie gesagt, er sei ausgezogen, das andere Mal, er sei angezogen gewesen.

Entlastet wurde der Rentner dadurch, dass er gemäss seiner Ärztin seit einer Prostataoperation 2001 impotent ist. Mit Hilfe von Viagra könnte er dennoch eine Erektion bekommen. Tatsächlich fand die Polizei bei ihm zwei Schachteln dieses Medikaments. Diese habe er aber nicht eingenommen, sagte sein Verteidiger. Er würde sein Leben riskieren, denn seine Blutgefässe seien verengt. Das wisse er, seit er einmal einen Herzinfarkt erlitten habe.

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