PROZESS: Keine Chance, zu bremsen

Vor zwei Jahren überfuhr eine Frau einen Betrunkenen. Nun ist sie wegen fahrlässiger Tötung freigesprochen worden.

Christof Lampart
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Das Bezirksgericht Frauenfeld hat die Beschuldigte, eine 45-jährige Detailhandelsangestellte, von der Anklage wegen fahrlässiger Tötung freigesprochen. Zugesprochen wurde ihr eine Entschädigung von 7000 Franken. Die Ansprüche der Kläger wurden auf den Zivilweg verwiesen. Die Privatkläger hatten Straf- und Zivilklage gestellt und eine Gesamtsumme von rund 113550 Franken gefordert.

Im Prozess drehte sich alles um die Frage, ob die Fahrerin den auf der Strasse liegenden, dunkel gekleideten und völlig betrunkenen jungen Mann überhaupt rechtzeitig sehen konnte und so das Unglück vermeidbar gewesen wäre. Die Anklage stellte drei Alternativanklagen auf, wonach die Frau entweder zu schnell fuhr, zu abgelenkt oder zu müde respektive alkoholisiert war, um den Lieferwagen, den sie mit Tempo 60 fuhr, rechtzeitig anzuhalten. Mit Abblendlicht habe die Sichtweite in der Dämmerung rund 50 Meter betragen. Für den Anwalt der Kläger weit genug, um zu sehen, dass jemand auf der Strasse liege. Da die Gegenpartei dies bestritt, wurde vor der Verhandlung zur Unglückszeit, um sechs Uhr morgens, ein Augenschein vor Ort genommen und die Strecke in Neunforn abgefahren, wobei eine dunkel gekleidete Puppe das Opfer markierte.

Gericht führt «vernünftige Zweifel» an

In der Urteilsbegründung sprach die Richterin davon, dass sie zwar beim Selbstversuch 50 Meter weit sehen konnte, die Figur jedoch erst ab 25 Metern Nähe erkannt habe. Und dies, obwohl sie die Strecke im Schritttempo abgefahren sei, und im Wissen, worauf sie habe achten müssen. Der Beschuldigten sei deshalb kein Vorwurf zu machen. Zudem sei der Mann dunkel gekleidet gewesen. Wie er dagelegen habe, könne man nicht wissen, doch gehe man – im Zweifel für die Anklagte – davon aus, dass er mit dem Gesicht und den Händen in Fahrtrichtung gelegen habe und der Autofahrerin den Rücken zugewandt habe. Alles in allem habe das Gericht «vernünftige Zweifel», dass die Frau hätte rechtzeitig bremsen können. «Sie hat keine Chance gehabt hat, die Person zu erkennen.»

Der Anwalt der Kläger legte sich noch nicht fest, ob das Urteil angefochten werde. Zuerst müssten sich erst einmal wieder «die Emotionen legen», danach wolle man über das weitere Vorgehen beraten.

Christof Lampart

ostschweiz@tagblatt.ch