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PROZESS: Im Rausch wird er aggressiv

Eine kurze Liebesbeziehung löste zahlreiche Polizeieinsätze aus. Einem 37-jährigen Schweizer drohte vor dem Bezirksgericht Münchwilen deshalb die «kleine Verwahrung».
Olaf Kühne
Eiszeit am Seeufer (Bild: Benjamin Manser)

Eiszeit am Seeufer (Bild: Benjamin Manser)

Olaf Kühne

olaf.kuehne@thurgauerzeitung.ch

«Ich wollte Klarheit, aber sie bewies mir nie ihre Treue», antwortete der Angeklagte auf die Frage des Gerichtspräsidenten, weshalb er im vergangenen Sommer seine Freundin mit dem Tod bedroht habe. Damals war die Beziehung zwar gerade mal ein halbes Jahr alt. Doch die Polizei war bereits sechs Mal ausgerückt – wegen häuslicher Gewalt. Und doch sei es eine innige Liebe gewesen, beteuerte der 37-jährige Schweizer.

Verantworten musste sich der Hinterthurgauer vergangene Woche vor dem Bezirksgericht Münchwilen unter anderem ­wegen Tätlichkeiten, Nötigung, Drohung – und wegen seines Drogenkonsums. Kokain hatte es ihm angetan.

Freundin steckte in schwieriger Lebensphase

Das weisse Pulver bildete denn auch den roten Faden durch den zweistündigen Prozess. Jahrelang sei er sauber gewesen, beteuerte der Mann. Bis er sich vor einem Jahr verliebte. Eigentlich habe ­alles gestimmt zwischen ihnen. Nur habe die Frau grad eine schwierige Phase durchlebt – Scheidung, Kind weg, Fahrausweis weg – und deshalb intensiv Kokain konsumiert. Da sei er halt rückfällig geworden. «Sie hat mich angesteckt», sagte er. «Und die Drogen haben alles kaputt gemacht.» Denn im Rausch werde er aggressiv, verliere die Kontrolle. Zudem habe es seine Freundin hervorragend verstanden, ihn zur Weissglut zu treiben.

«Zu Beginn unserer Beziehung hat sie mir gesagt, dass sie im Jahr zuvor mit acht Männern sexuelle Beziehungen hatte», ­erzählte der Angeklagte. «Ich bin ein eifersüchtiger Mensch, das hat mich sehr belastet.» In der Folge habe die Frau nie versucht, ihn von ihrer Treue zu überzeugen – im Gegenteil. Demonstrativ habe sie ihr Handy gesperrt. Einmal sei sie stundenlang ohne ­Erklärung weg gewesen, ihr Auto habe danach 200 Kilometer mehr auf dem Zähler gehabt. So seien ihre Streitereien oft eskaliert. Die Gewalt sei aber meist gegenseitig gewesen, betonte der Angeklagte. «Wir haben uns geschupft und getreten.» Zweimal habe er seine Freundin dabei auch gewürgt. «Aber höchstens ein, zwei Sekunden.» Und einmal, aber wirklich nur einmal habe er sie mit dem Tode bedroht. «Ich bringe Dich um, wenn Du mich betrügst», zitierte der Staatsanwalt diese Drohung in seiner Anklageschrift. Dabei stützte er sich auf Aussagen der Frau, die indes durch ihren ­Hausarzt vom Prozess dispensiert worden war.

Ja, doch, er habe das schon gesagt, gestand der Angeklagte. Aber nicht so gemeint. Und seine Freundin habe diese vermeintliche Todesdrohung offensichtlich auch nicht ernst genommen. Denn sie habe immer wieder ­ den Kontakt zu ihm gesucht, ihn sogar jeweils bei der Polizei abgeholt, wenn diese ihn nach Festnahmen wieder freiliess.

Christliche Literatur im Gefängnis

Vor Gericht gab sich der Angeklagte geläutert. Im Gefängnis – er sitzt seit sieben Monaten in Untersuchungs- und Sicherheitshaft – habe er begriffen, dass er Fehler begangen habe. Zu der Frau wolle er absolut keinen Kontakt mehr – und: «Ich lese viel, vor allem christliche Literatur, und vertraue auf Gott.» Der Staatsanwalt hingegen sah bei dem Angeklagten nach wie vor ein hohes Rückfallrisiko. «Der Beschuldigte foutierte sich um die ihm ­auferlegten Kontakt- und Rayon­verbote», sagte er. «Und er bagatellisiert seine Taten weiterhin.» 14 Monate Gefängnis forderte die Anklage folglich – und obendrauf eine stationäre therapeutische Massnahme, umgangssprachlich auch «kleine Verwahrung» genannt.

Völlig unverhältnismässig sei dieser Strafantrag, entgegnete der Verteidiger. «Die Frau ist kein wehrloses Opfer», sagte er. Vielmehr habe sie jeweils durchaus ihren Teil zu den Eskalationen beigetragen. «Hier sind einfach zwei Erwachsene aneinander­geraten, und ich frage mich, ob der Staat hier überhaupt etwas bestrafen muss.»

Eine Frage, die der Gerichtspräsident nicht unbeantwortet lassen wollte. «Wenn die Polizei wegen einer Beziehung wiederholt ausrücken muss, geht das den Staat sehr wohl etwas an», sagte er. Dennoch folgte das Bezirksgericht Münchwilen in seinem Urteil teilweise der Verteidigung. «Eine stationäre Massnahme wäre übertrieben», sagte der Gerichtspräsident in seiner Urteilsbegründung. «Aber wenn man aus Eifersucht jemanden würgt, hat man die Sache nicht mehr im Griff.»

Noch für vier weitere Tage in Haft

Das Gericht ordnete deshalb eine ambulante therapeutische Massnahme an und verurteilte den Beschuldigten zudem just zu den sieben Monaten Gefängnis, welche dieser bereits abgesessen hatte.

Damit wäre der Hinterthurgauer nach dem Prozess fast ein freier Mann gewesen. Einen Strich durch die Rechnung machte ihm einzig die Exaktheit der Justiz. «Der Angeklagte sitzt seit 206 Tagen im Gefängnis», sagte der Gerichtsschreiber. «Sieben mal dreissig sind aber 210 Tage.» Und so mussten die beiden mitgereisten Kantonspolizisten den Mann noch einmal für vier ­weitere Tage zurück nach Frauenfeld ins Kantonalgefängnis verfrachten.

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