PROZESS: Fluglehrer erneut vor Gericht

Das Kantonsgericht St. Gallen muss entscheiden, ob ein Gleitschirmfluglehrer Schuld am Tod seiner Schülerin hat. Die erste Instanz hatte den Mann entlastet.

Claudia Schmid
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Blick auf Schänis: Bei der Siedlung Rufi (links oben) befindet sich ein Gleitschirmlandeplatz. (Bild: Martin Moos/Getty)

Blick auf Schänis: Bei der Siedlung Rufi (links oben) befindet sich ein Gleitschirmlandeplatz. (Bild: Martin Moos/Getty)

Claudia Schmid

ostschweiz@tagblatt.ch

Das rechtliche Nachspiel eines Gleitschirmunfalls bei Schänis geht in die nächste Runde. Ein Gleitschirmlehrer war im Juni 2016 vom Kreisgericht See-Gaster vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen worden. Dieses Urteil akzeptierte der Ehemann der verunfallten Gleitschirmpilotin nicht. Er appellierte am Kantonsgericht und verlangte einen Schuldspruch. ­Dieses hatte an die Berufungsverhandlung zwei Sachverständige eingeladen, die Detailfragen zum Gleitschirmfliegen beantworteten. Beide hatten im Auftrag der Anklage ein Gutachten erstellt. Bei der Einschätzung des Unfallhergangs vertraten sie in einzelnen Punkten unterschiedliche Ansichten.

Der Unfall geschah im Juli 2013. Eine Gleitschirmschülerin, die der Fluglehrer betreut hatte, wollte zusammen mit ihrem Ehemann Flugübungen absolvieren. Sie erhielt über Funk Anweisungen vom Fluglehrer, der die Übung vom Boden aus beobachtete. Die Frau flog mehrmals sogenannte Wingover mit schnellen Richtungswechseln. Plötzlich klappte eine Schirmkappe ein und verhängte sich. Der Gleitschirm begann sich auf einer Höhe von 180 Metern über Boden zu drehen.

«Das Unglück beschäftigt mich noch heute»

Einen solchen Vorfall übe man im Training – man gebe im Normalfall Gegensteuer, erklärte der Fluglehrer in der Befragung des Kantonsgerichts. Der Flugschülerin gelang dies nicht. Auch reagierte sie nicht auf die Anweisung ihres Fluglehrers, den Notschirm zu öffnen. Sie stürzte mit hoher Geschwindigkeit zu Boden und schlug auf der Wiese in der Nähe des Landeplatzes Rufi auf. Der Rega-Arzt konnte nur noch den Tod der 33-jährigen Frau feststellen. «Was an jenem Tag passierte, ist tragisch und schlimm. Das Unglück beschäftigt mich noch heute», betonte der Beschuldigte. Er habe aber nicht fahrlässig gehandelt, sondern alles so gemacht, wie es die gesetzlichen Bestimmungen verlangten. Es sei sogar so, dass die Sicherheitsvorkehrungen in der Flugschule über das geforderte Mass hinausgehen würden.

Wie erfahren war die Flugschülerin?

Die Anklage und der Rechtsvertreter des Privatklägers warfen dem Fluglehrer aber eine ganze Reihe von Fehlern und Versäumnissen vor, unter anderem unzureichende Instruktionen, ungenügendes Training, zu wenig ­Sicherheitshöhe und fehlerhafte Anweisungen in der Luft. Sie kritisierten auch die Flugschule ­dafür, dass sie Funkgeräte ohne Ohrhörer verwendet hatte. Die Verunfallte habe die Kommandos wegen des lauten Windes gar nicht hören können. Der vorsitzende Richter wollte von den Gutachtern wissen, als wie erfahren sie die Flugschülerin einschätzten. Der eine bezeichnete sie als eher noch unerfahren, der zweite als deutlich erfahrener als eine völlige Anfängerin und genügend ausgebildet für die absolvierten Trainings. Unterschiedlicher Auffassung waren sie auch darüber, in welcher Höhe man Wingover-Übungen machen soll. Beide betonten, dass ein Schirmklapper sehr wohl vorkommen könne, er sich jedoch höchst selten in den Seilen verheddere. Es sei sehr schwer aufgrund der ­Videoaufnahmen etwas über das Flugverhalten der Pilotin auszusagen. Der eine vermutete, sie habe nach dem Einklapper zu passiv reagiert. Die Kommandos des Fluglehrers seien gut zu hören, erklärten beide. Er habe seine Schülerin rechtzeitig aufgefordert, den Notschirm zu bedienen.

Das Urteil des Kantonsgerichts St. Gallen steht noch aus. Kommt es zum gegenteiligen Schluss wie die Vorinstanz, droht dem Fluglehrer eine bedingte Geldstrafe.