PROVOKATIONEN: «Sie sind ein feiner Lügner»

Der ehemalige St. Galler CVP-Kantonsrat Maurus Candrian fällt erneut mit anstössigen Kommentaren im Internet auf. Seine Stelle beim Thurgauer Baudepartement ist er nun los.

Jonas Manser, Sebastian Keller
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Regierungsgebäude in Frauenfeld: Der Kanton reagierte umgehend auf Candrians Kommentare. (Bild: Reto Martin (1. Februar 2018))

Regierungsgebäude in Frauenfeld: Der Kanton reagierte umgehend auf Candrians Kommentare. (Bild: Reto Martin (1. Februar 2018))

Jonas Manser, Sebastian Keller

ostschweiz

@tagblatt.ch

Vor fünf Jahren verlor Maurus Candrian seinen Job beim St. Galler Baudepartement. Der Grund: Er schrieb ein E-Mail an die israelische Botschaft in Bern, in dem er den Tod von fünf israelischen Touristen bei einem Attentat in Bulgarien begrüsste. Der heute 60-jährige St. Galler Ex-CVP-Kantonsrat wurde in der Folge wegen Rassendiskriminierung verurteilt. Er zeigte Reue und entschuldigte sich: «Das schwere Unwetter, welches über mein ­Leben hereingebrochen ist, betrachte ich als reinigendes Gewitter», sagte Candrian damals gegenüber unser Zeitung. Er werde seine Lebensenergien künftig zu 100 Prozent positiv einsetzen.

Dieser Vorsatz hielt nicht lange: Davon zeugen frische Leserkommentare, die der Lehrersohn vergangene Woche auf einem Blog des «Tages-Anzeigers» veröffentlichte. «Israel ist ein Terroristenstaat, zehnfach schlimmer als IS», schrieb Candrian in einem Vergleich von «Opferzahlen». Und weiter: «Der Freiheitskampf der Hamas gegen die jüdischen Terroristen ist absolut legitim, und zwar mit sämtlichen Mitteln.» Als ihm ein anderer Leser Antisemitismus vorwirft, fährt Candrian schweres Geschütz auf. «Sie sind ein feiner Lügner und Verleumder. Aber wenn man Sympathisant eines Terroristenstaates ist, dann erstaunt Ihre jämmerliche Haltung keineswegs», gab er online Antwort.

Auf Anfrage hält Candrian an seinen Aussagen fest. «Im Grundsatz stehe ich dazu», sagt er. Schreiben würde er sie so aber nicht mehr. Er habe sie nach einer Blinddarmoperation unter Medikamenteneinfluss geschrieben. «Hätte ich eine Woche abgewartet, hätte ich es nicht mit der gleichen Vehemenz geschrieben», sagt er. Den Vorwurf, er sei Antisemit oder Rassist, lässt er nicht gelten. «Es geht um Israelkritik.» Er lehne jegliche Art von Rassismus ab. «Ich bin der Erste, der für eine friedliche Lösung im Nahen Osten ist.» Um dies zu untermauern, reicht er per E-Mail seine Überlegungen zu einem Friedensplan nach. Die Verurteilung wegen Rassendiskriminierung bezeichnet er nach wie vor als «krasses Fehlurteil».

«Das Messer an den Hals gesetzt»

Nach dem Vorfall vor fünf Jahren fand Candrian eine Stelle beim Thurgauer Baudepartement. Als der Kanton von den Äusserungen erfuhr, reagierte er umgehend. «Wir haben Herrn Candrian am Mittwoch mit den Vorwürfen konfrontiert», sagt die Thurgauer Baudirektorin Carmen Haag. Im Anschluss habe Candrian gekündigt. «Er hat bereits seinen Arbeitsplatz geräumt», so Haag.

Der Kanton habe ihm «das Messer an den Hals gesetzt», sagt dagegen Candrian. Die Optionen seien gewesen: Selber kündigen oder fristlos entlassen werden. Man habe ihm eine Stunde Bedenkzeit gegeben. Wegen mutmasslich besserer Aussichten bei der Rente habe er gekündigt.

Gutes Zeugnis von St. Galler Baudirektor

Das Thurgauer Baudepartement distanziere sich in aller Form von den Äusserungen, sagt Haag. Von der Vorgeschichte habe man bei seiner Anstellung gewusst, ihm aber eine zweite Chance geben wollen. «Ich sprach mit dem damaligen St. Galler Regierungsrat Willi Haag über seinen ehemaligen Mitarbeiter. Und fragte ihn nach seiner Meinung. Er hat ihm ein gutes Zeugnis ausgestellt.» Es habe keine Anzeichen für erneute Probleme gegeben. «Als wir bei der Einstellung mit Herrn Candrian gesprochen haben, sagte er uns, dass er Hilfe angenommen habe», sagt Haag. «Auch habe er sich bei der israelischen Botschaft und beim israelitischen Gemeindebund entschuldigt. Ich hatte den Eindruck, einen Menschen vor mir zu haben, der bedauerte, was er gemacht hatte.»

Ob die Äusserungen für Candrian ein juristisches Nachspiel haben, wird offenbar derzeit abgeklärt. Die Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen habe am Donnerstag von den Äusserungen erfahren, sagt Sprecher Roman Dobler. «Wir prüfen derzeit, ob die publizierten Kommentare überhaupt den Tatbestand der Rassendiskriminierung nach Artikel 261 Strafgesetzbuch erfüllen.» Eine Strafuntersuchung sei damit aber noch nicht eröffnet.