Kommentar

Provokation pur: Weshalb die Pseudo-Hinrichtungen am Galgen ein Vollerfolg mit Pferdefuss für die St.Galler Klimajugend sind

Wer Aufmerksamkeit erregen will, muss provozieren. Nach diesem Prinzip sind Klimaaktivisten in der Stadt St.Gallen verfahren. Sie können ihre Aktion als Erfolg verbuchen. Doch dieser birgt auch Gefahren.

Daniel Walt
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Kontrovers diskutiert: Die Aktion der St.Galler Klimajugend auf dem Kornhausplatz. (Bild: pd)

Kontrovers diskutiert: Die Aktion der St.Galler Klimajugend auf dem Kornhausplatz. (Bild: pd)

Diese Aktion war nichts für zart besaitete Gemüter: Jugendliche Aktivisten haben der Bevölkerung auf dem St.Galler Kornhausplatz auf drastische Art und Weise die Folgen des Klimawandels vor Augen geführt. Er kommt in ihren Augen nichts weniger als einer langsamen Hinrichtung der Menschheit gleich. Wenn das Eis schmilzt, stirbt der Mensch – diese Botschaft inszenierten die Vertreterinnen und Vertreter des Kollektivs Klimastreik Ostschweiz mit einem Galgen. An diesem wurden junge Menschen aufgehängt, denen das rettende Eis im wahrsten Sinne des Wortes unter den Füssen wegschmolz.

Scharfe Reaktionen im Netz

Wie Miriam Rizvi vom Klimakollektiv gegenüber dieser Zeitung sagt, war die Aktion bewusst auf Provokation angelegt. Teils heftige Reaktionen liessen nicht auf sich warten: Bereits vor Ort gab es Passanten, die sich befremdet über die Pseudo-Hinrichtungen zeigten.

Daniel Walt, stv. Leiter «Tagblatt Online». (Bild: Ralph Ribi)

Daniel Walt, stv. Leiter «Tagblatt Online». (Bild: Ralph Ribi)

Noch höher gehen die Wogen auf Facebook und Twitter: Von «absolutem Blödsinn» ist da zu lesen; die Aktion wird als «voll daneben» oder «dümmlich bis doof» bezeichnet; und der Klimajugend wird geraten, doch gescheiter gegen die Galgen-Hinrichtungen in arabischen Staaten zu demonstrieren. Selbst Politiker äussern sich. So twittert der Rheintaler CVP-Nationalrat Thomas Ammann:

Und die frühere FDP-Kantonsrätin Helga Klee schrieb auf Facebook, wer zu solchen Mitteln greife, sei in ihren Augen nicht glaubwürdig.

Wer, wenn nicht die Jugend, darf provozieren?

Nach der umstrittenen Aktion lässt sich somit festhalten: Die Strategie der Verantwortlichen ist aufgegangen – die Klimaaktivisten, die dahinterstecken, sind in aller Munde. Denn über Geschmack lässt sich trefflich streiten. Das gilt für die Pseudo-Hinrichtungen auf dem St.Galler Kornhausplatz genauso wie für so manche heiss diskutierte Wahlkampagne der SVP Schweiz.

Für die einen haben die Aktivisten mit dem Galgen ein drastisches, aber passendes Bild gewählt, um den Menschen die dramatischen Folgen des Klimawandels vor Augen zu führen. Und wer, wenn nicht die Jugend, darf in unserer Gesellschaft noch provozieren?

Für die anderen ist die Aktion einfach nur geschmacklos angesichts der nach wie vor um die tausend Hinrichtungen, die weltweit jährlich vollstreckt werden. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass auch vorbeilaufende Kinder die Aktion mitbekommen haben dürften.

Die Gefahr lauert an einem anderen Ort

Vordergründig stellt die Kritik, die jetzt auf die St.Galler Aktivisten niederprasselt, kein Problem für die Klimajugend dar. In der Klimadebatte sind die Fronten ohnehin verhärtet. Kaum jemand, der den Anliegen der Jungen bisher wohlwollend gegenüberstand, wird sich wegen dieser einen Aktion von ihnen lossagen. Handkehrum könnten die Jungen auch mit den politisch korrektesten Aktionen kaum bisherige Kritiker von ihrem Anliegen überzeugen.

Die Gefahr für die Klimajugend lauert an einem ganz anderen Ort. Wie jede Bewegung läuft auch sie Gefahr, dass die Gesellschaft eines Themas irgendwann überdrüssig wird, das über längere Zeit intensiv bewirtschaftet wird. So entfalten beispielsweise simple Klimademos durch die Gassen der Stadt irgendwann nicht mehr genug Wirkung – also muss man zwangsläufig zu drastischeren Aktionen greifen, um aufzufallen.

Erfolg haben statt bloss Krawall machen

Doch was kann auf Pseudo-Hinrichtungen im öffentlichen Raum überhaupt noch folgen, um Aufmerksamkeit zu erregen? Gibt es eine Steigerungsform des Galgens, ohne dass die Klimajugend in der breiten Öffentlichkeit nachhaltig an Sympathien einbüsst? Mit diesen Fragen sieht sich die Klimabewegung nach der Aktion in St.Gallen jetzt konfrontiert. Es sind Fragen, die sich jede Bewegung stellen muss, die ihren Anliegen nachhaltig zum Erfolg verhelfen will, anstatt einfach auf Krawall zu setzen.

Umfrage: Wie finden Sie die Klima-Galgen-Aktion?

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