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Prosecco im Namen des heiligen Gallus’: Sogar der Papst trank diesen Schaumwein

Giuseppe Ventre und Andreas Azzato importieren den Prosecco di San Gallo, der am Heimatort ihrer Mütter, in Norditalien, hergestellt wird. Damit holen sie den Schaumwein dorthin zurück, wo ein Teil seiner Geschichte begann.
Janina Gehrig
Von San Gallo nach St. Gallen: Giuseppe Ventre (links) und Andreas Azzato importieren den Prosecco aus dem Heimatort ihrer Mütter. (Bild: Urs Bucher)

Von San Gallo nach St. Gallen: Giuseppe Ventre (links) und Andreas Azzato importieren den Prosecco aus dem Heimatort ihrer Mütter. (Bild: Urs Bucher)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Giuseppe Ventre lässt den Korken knallen, spült den Schaumwein durch seinen Gaumen. «Da ist der Geschmack von Steinobst, ein Hauch von Zitrone», sagt er. Fast andächtig schaut er den Kohlensäure-Bläschen zu, wie sie vom Glasboden an die Oberfläche steigen. «Eine schöne Perlage», sagt er zu seinem Kollegen. Andreas Azzato nickt. «Genau die richtige Temperatur.» Die beiden St. Galler stehen zwischen den Regalen der Weinkulturen Rutishauser. Dorthin haben sie den Prosecco gebracht, der sie mit der Heimat ihrer Mütter und der eigenen Heimatstadt verbindet: den Prosecco di San Gallo.

Ihre Mütter stammen aus Falzè di Piave, einem Dorf im Nordosten Italiens. Sie waren in den 1950er-Jahren zusammen in die Schweiz eingewandert und arbeiteten als Näherinnen beim St. Galler Stickereiunternehmen Bischoff Textil. «Damals trank in der Schweiz noch niemand Prosecco», sagt Ventre. Ganz im Gegenteil zur Region Venetien, wo auch Bauarbeiter in der Pause Prosecco trinken und bereits zum Mittagessen grosse Karaffen mit dem Schaumwein auf den Tisch kommen. «Unsere Mütter erzählten uns Kindern immer davon, dass sie zum Tanz ins benachbarte Soligo fuhren.» Das Dorf liegt am Fusse des Colle San Gallo, einem Berg. Diesen kennen Ventre und Azzato nur zu gut. Als Kinder verbrachten sie ihre gesamte Ferienzeit dort. «Immer an Ostern hiess es, man gehe nach San Gallo», sagt Ventre. Das habe sie verwirrt, zumal die Ferien in Italien ja noch andauerten.

Die Legende des Egidio di Lombardia

Erst vor zwei Jahren, als Azzato wie üblich mit seiner Familie an Ostern zum Colle San Gallo aufstieg, um zu picknicken, stellte seine Frau die entscheidende Frage. «Wir schauten auf die Reben des Weinguts Tenuta San Gallo und sie wollte wissen, ob der Name etwas mit St. Gallen zu tun hat.» Der Cousin, der die Weinkartons für den Betrieb anfertigte, konnte weiterhelfen. Er stellte einen Kontakt zum Winzer, Desiderio Viezzer, her. Und der erzählte ihnen die Legende, die in der Region herumgereicht wird. Sie besagt, dass der Mönch Egidio di Lombardia an einem Tag im Jahr 1430 auf den Hügel stieg und sich dort als Eremit niederliess. Mit Hilfe der Bewohner von Soligo wurde auf der Ruine einer Burg eine Einsiedeleikapelle erbaut. Egidio, der zuvor einige Jahre im Kloster St. Gallen verbracht haben soll, benannte die Kirche nach dem heiligen Gallus. Die Chiesetta di San Gallo gab in der Folge auch dem Berg den Namen – und dem Weingut mit seinem Prosecco, das Viezzer 1972 gegründet hat.

20 Hektaren gross ist das Weingut am Berg San Gallo oberhalb von Soligo. (Bild: PD)

20 Hektaren gross ist das Weingut am Berg San Gallo oberhalb von Soligo. (Bild: PD)

Ob es einen solchen Mönch in St. Gallen je gegeben habe, kann Jakob Kuratli, Historiker beim Stiftsarchiv St. Gallen, zwar nicht verifizieren. «Kirchengründungen zu Ehren des heiligen Gallus’ waren aber keine Seltenheit», schreibt er auf Anfrage. «Schliesslich war Gallus im Mittelalter ein sehr bekannter und beliebter Heiliger und galt als Einsiedlerpatron.»

Auch der Winzer ist ein «Viezzer» – ein Schweizer

Der Zufall will es, dass auch der Winzer sozusagen Schweizer Wurzeln hat. Mit dem Mönch kamen nämlich auch Schweizer Söldner in die Region, die sogenannten Viezzer (Sviezzer) und die Dorigo (Zorigo: aus dem Kanton Zürich). Bis heute ist der Nachname in der Region weit verbreitet. «Wir konnten es kaum glauben», sagt Ventre. Und spricht aus, was Azzatos Frau Marion angeregt hatte: «Dieser Ort ist wunderschön. Wenn der Prosecco noch gut schmeckt, dann müssen wir ihn in die Ostschweiz bringen.» Der Winzer, der mit dieser Idee schon länger geliebäugelt hatte, war sofort dabei. «Er lud uns zum Grillieren ein, wir kamen ins Geschäft», sagt Azzato. So erhielten die beiden die exklusive Lizenz für den Import in die Schweiz. Ventre, der im Verkauf von Verpackungen, Wein- und Spirituosenflaschen tätig ist, stellte die Kontakte zu den Importeuren und Verkaufsstellen her. Man erarbeitete eine Website für den Direktverkauf.

Weingut San Gallo

Kurz darauf luden sie Viezzer und dessen Sohn Damiano, der das Gut mittlerweile übernommen hat, in die Schweiz ein. «Wir trafen uns auf dem Gallusplatz. Als wir in einem Restaurant assen, packte er eine eisgekühlte Flasche Prosecco di San Gallo aus und lud den Beizer ein, mit uns anzustossen. Er hatte eine Riesenfreude», sagt Azzato. Im Frühling 2018, als sie einen Stand an der Offa erhielten, sei Damiano erneut angereist. «Dass Viezzer seinen Prosecco hier verkaufen kann, macht ihn sehr stolz», sagt Ventre. Damit schliesse sich ein Kreis. «Jetzt ist der Wein zurück in St. Gallen, wo ein Teil seiner Geschichte begann», sagt der 45-Jährige, der sich zum Weinakademiker ausbilden lässt.

Von Hand abgelesen, von Papst Johannes Paul II. kredenzt

Noch sei der Prosecco-Markt ein kleiner. «Vom Geschäft können wir nicht leben», sagt Azzato, der hauptberuflich als Informatiker arbeitet. Es sei ein Hobby mit Herzblut. Über die Herstellung des Weins wissen die beiden ausgiebig Bescheid. So betont Ventre, der Prosecco werde ausschliesslich aus der Glera-Traube hergestellt und habe im Gebiet zwischen Valdobbiadene und Conegliano das DOCG-Label – die Auszeichnung für beste Qualität. Und Azzato erzählt, die Trauben würden von Hand abgelesen, wofür sich die Arbeiter mit Seilen im Hang sichern müssten. Stolz sei Viezzer aber vor allem darauf, dass er Papst Johannes Paul II. jahrelang mit dem Schaumwein beliefert habe. Erst sein Nachfolger Ratzinger machte dem Geschäft dann einen Strich durch die Rechnung. «Er schwenkte wohl auf Mosel-Sekt um», sagt Azzato und lacht.

Hinweis

www.san-gallo.ch; weitere Sankt Gallus-Kirchen: www.sanktgallus.net

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