Propaganda mit Flugblättern und ersten Druckschriften

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Mittelalter-Medien Ob Luther seine 95 Thesen an die Kirchentüre Wittenbergs anschlug, ist unter Historikern umstritten. Gewiss ist aber, dass sich Luthers Kritik an den kirchlichen Missständen in Windeseile verbreitete. Es ist ein Irrtum zu glauben, die Thesen hätten ihr Zielpublikum nicht erreicht, weil sie auf Latein abgefasst worden waren. Welches Zielpublikum? Es gab – vereinfacht gesagt – zwei Adressaten.

Der erste Adressat, an den sich die Thesen wandten, war die Geistlichkeit. Hätte Luther seine Kritik an der herrschenden Kirche nicht in Latein verfasst, wäre sie von deren Vertretern gar nicht zur Kenntnis genommen worden. Kommunikation war Regeln unterworfen, die sich an hierarchischen Unterschieden orientierten. In lateinischer Sprache befand sich Martin Luther auf Augenhöhe mit der kirchlichen Obrigkeit; hätte er sich in Deutsch an sie gewandt, hätte er sie nicht erreicht. Deshalb schickte Luther seine Thesen in Latein als Beilage am 31. Oktober 1517 mit einem Brief an den Erzbischof von Magdeburg und Mainz, den er wegen des Ablasshandels stark kritisierte. Der Kirchenherr blieb eine Antwort schuldig. Daher leitete Luther die Thesen an weitere Geistliche aus seinem Umfeld weiter.

Der zweite Adressat war die Bevölkerung. Die allermeisten Menschen des 16. Jahrhunderts konnten kein Latein. Es gab aber andere Mittel, um Botschaften so zu verbreiten, dass sie auch von ­Latein- und selbst von Leseunkundigen verstanden wurden. Die Geistlichen, an die Luther seine Thesen weiterge­geben hatte, veröffentlichten diese – ­wahrscheinlich bereits um Weihnachten 1517 – auch auf Deutsch und vermutlich ohne Luthers Einwilligung.

1518 gab dann Luther selbst eine gekürzte Fassung der Thesen auf Deutsch in Druck aus. Die Reformatoren waren sich bewusst, dass ihre Schriften nur dann die Bevölkerung erreichten, wenn sie in den Volkssprachen verfügbar waren. Weil nun auch volkssprachliche Bücher gedruckt wurden, verbreiteten sich Luthers Schriften rasch in ganz Europa und in der Ostschweiz. Auch die theologischen Kontroversen, die zunächst in der Gelehrtensprache Latein ausgetragen wurden, wechselten zunehmend in die Volkssprachen.

Die Schriften wurden zudem medial inszeniert. Im September 1522 erschien die erste deutsche Übersetzung des Neuen Testaments im Druck – verfasst von Luther und illustriert mit Bildern – und dies rechtzeitig zur Leipziger Buch­messe. Gleichzeitig wurden massiv mehr Flugschriften in Umlauf gebracht als je zuvor. Insbesondere in Süddeutschland wurden zwischen 1520 und 1524 illus­trierte Flugblätter gestreut, deren Inhalte dank plakativer bildlicher Ergänzungen auch von Leseunkundigen sofort verstanden wurden. (sos/nst)