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Propaganda in Ostschweizer Klassenzimmern: Firmen und Verbände umwerben Schüler

Die St. Galler FDP fürchtet um die Unabhängigkeit der Lehrmittel. Doch schon seit Jahren drängen Firmen und politische Interessengruppen mit ihren Produkten und Ideen in die Volksschule – auch die Freisinnigen.
Michael Genova
Gesponserte Pausenmilch: Der Verband der Milchproduzenten wirbt für seine Produkte. (Bild: Manuel Lopez/PPR/Keystone (Goldau, 3. November 2016))

Gesponserte Pausenmilch: Der Verband der Milchproduzenten wirbt für seine Produkte. (Bild: Manuel Lopez/PPR/Keystone (Goldau, 3. November 2016))

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die aktuelle Ausgabe lesen Sie hier.

Der Titel der Interpellation klingt dramatisch: «Werden unsere Lehrmittel politisch instrumentalisiert?», fragen die St. Galler Freisinnigen. Sie kritisieren, dass zwei Lehrbücher mit «politischen Parolen und Lobhudeleien» durchsetzt sind. Der Lehrmittelverlag hingegen weist den Vorwurf der Einseitigkeit zurück. Der Disput um die weltanschauliche Ausgewogenheit der Schule ist nicht neu. Schon länger versuchen Firmen, Parteien und Interessengruppen, in den Klassenzimmern ihre Produkte oder Wertvorstellungen zu verbreiten.

So ist in den letzten Jahren etwa das Angebot an gesponserten Unterrichtsmaterialien stark gewachsen. Eine wichtige Anbieterin ist die Aargauer Firma Kik AG, die auf der Plattform Kiknet.ch eine Fülle an kostenlosen Lehrmitteln bereitstellt. Absender der Lerninhalte sind Firmen, Verbände, Bundesämter oder Vereine. Mit einem Würstchen-Memory führt zum Beispiel der Schweizer Fleisch-Fachverband schon Kindergärtler behutsam an die Delikatesse Fleisch heran. Swissmilk erklärt den Schülern, warum eine Pausenmilch schlau macht, und der Branchenverband Swissnuclear will, dass Jugendliche realisieren, «wie stark wir von Strom abhängig sind». Die Betreiberin versichert, dass sie die Lektionen «so neutral wie nur möglich» gestalte und auf Arbeitsblättern keine Werbebotschaften oder Slogans abbilde.

Den Politiker kostenlos ins Schulzimmer bestellt

Es sei problematisch, wenn Parteien, Firmen, Verbände oder Nichtregierungsorganisationen den Unterricht beeinflussten, findet der St. Galler FDP-Präsident Raphael Frei, der als Schulleiter in der Gemeinde Waldkirch arbeitet. «Die Grenze zwischen Information und Propaganda ist fliessend.» Die Gefahr einer inhaltlichen Beeinflussung des Unterrichts bestehe. Deshalb müsse man genau hinschauen. Trotzdem findet Frei eine Plattform wie Kiknet.ch nicht pro­blematisch. Die Lehrerinnen und Lehrer könnten ja auch auf andere Quellen wie Wikipedia oder Verbandspublikationen zurückgreifen. «Wichtig ist, dass die Lehrpersonen auf diese Problematik sensibilisiert sind.» Allerdings ist auch die FDP auf Kiknet.ch mit einem Staatskunde-Lehrgang («Politik geht mich was an») vertreten. Per Webformular kann man sich sogar einen Politiker kostenlos ins Klassenzimmer bestellen. Braucht es dieses gesponserte Angebot? Frei gibt sich diplomatisch: «Herausgeber dieser Informationen ist nicht die FDP des Kantons St. Gallen.»

Es gibt jedoch nicht nur private Schulplattformen wie Kiknet.ch. Die nationale Stiftung Education 21 bündelt im Auftrag von Bund und Kantonen Lernangebote im Bereich «Bildung für nachhaltige Entwicklung» (BNE), die im Lehrplan 21 verankert ist. Dazu vertreibt Education 21 selbstentwickelte Lernmittel, verweist aber auch auf kostenlose Lernmaterialien «ausserschulischer Akteure». Darunter befinden sich Inhalte von Caritas, Pro Natura, oder Amnesty International. Auch die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi ist mit einem Angebot zum Thema Menschen- und Kinderrechte vertreten. Die NZZ bezeichnete Education 21 deshalb kürzlich als «verlängertem Arm der links-grünen NGO-Familie». Die Stiftungsdirektion hingegen betont auf ihrer Website, dass alle externen Bildungsangebote vorgängig geprüft würden.

Jagd auf die Kunden der Zukunft

Die jungen Köpfe sind offenbar für Firmen, Parteien und politische Interessengruppen als Zielgruppe gleichermassen attraktiv. «Die Schule ist wohl noch die einzige Institution, die flächendeckend einen Jahrgang beschulen kann. Und natürlich drängen die Firmen in die Klassen rein, weil sei dann die künftigen Kunden vor sich haben», sagte Beat W. Zemp, Präsident des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH), kürzlich dem Radio SRF. Schon vor drei Jahren befasste sich die Interkantonale Lehrmittelzentrale in einem Dossier mit Werbung und Sponsoring von Unterrichtsmaterialien. Sie kam zum Schluss, dass das Engagement nicht selbstlos ist: «Durch die Unterstützung der Schulen verfolgen die Sponsoren bestimmte Absichten.» Mit dem Material werde nicht nur Imagewerbung für die betreffende Firma oder Organisation gemacht, auch die vermittelten Unterrichtsinhalte würden auf eine bestimmte Art und Weise dargestellt.

Der LCH hat deshalb reagiert und vor zwei Jahren eine Charta erarbeitet. Sie soll Sponsoring und Finanzierung von öffentlicher Bildung durch private Anbieter regeln und versteht sich als «Selbstverpflichtung aller Beteiligten». Zu den Mitunterzeichnern gehören Microsoft und Samsung, aber auch die Post oder das Schweizerische Rote Kreuz. Zusätzlich veröffentlichte der LCH einen 52-seitigen Leitfaden. Behandelt werden verschiedene Arten von Sponsoring anhand von Fallbeispielen: Kostenlose Smartphones, die Schulagenda mit Logo eines Elektrizitätswerks oder die Gratis-Pausenmilch. Auch der Einsatz gesponserter Unterrichtsmaterialien wird thematisiert. Eine grosse Verantwortung haben laut LCH die Lehrer, die für eine ausgewogene Information sorgen und «mittransportierte Werte und Haltungen» thematisieren sollen.

Die Ostschweizer Kantone unterscheiden zwischen offiziellen Lehrmitteln und ergänzenden Unterrichtsmaterialien, zu denen auch gesponserte Lernangebote zählen. Im Kanton St. Gallen bestimmt der Erziehungsrat obligatorische Lehrmittel, die zwingend im Unterricht einzusetzen sind. Zudem definiert er empfohlene Lehrmittel, deren Einsatz fakultativ ist. Der Kanton finanziert obligatorische und empfohlene Lehrmittel.

Kantone vertrauten auf Urteilskraft der Lehrer

Für den Einsatz von gesponserten Unterrichtsmaterialien in der Volksschule gibt es hingegen keine kantonalen Vorgaben. «Der allfällige Einsatz solcher Lehrmittel steht in der Kompetenz der Schulleitungen und des Schulträgers», sagt Brigitte Wiederkehr, stellvertretende Leiterin des St. Galler Amts für Volksschule. Dieser verantworte das Einhalten der Lehrplaninhalte und der Qualität der Schule.

Auch der Kanton Thurgau unterscheidet zwischen Lehrmitteln mit «unterrichtsleitendem Charakter» und Unterrichtsmaterialien. Lehrmittel werden von einer Arbeitsgruppe unter der Leitung des Kantons ausgewählt. Unterrichtsmaterialien zu Einzelthemen hingegen würden in der Regel nicht begutachtet, sagt Beat Brüllmann, Chef des Thurgauer Amts für Volksschule.

Brüllmann vertraut auf die Urteilskraft der Lehrerinnen und Lehrer. Er kann nicht ausschliessen, dass auch an Thurgauer Schulen gesponserte Inhalte von Kiknet.ch zum Einsatz kommen. Aber es sei ja üblich, dass Lehrkräfte sich auch an anderen Materialien wie Zeitungen, Heften oder Tonträgern orientierten. «Ich gehe davon aus, dass die Lehrpersonen über die notwendige Sensibilität in dieser Frage verfügen.»

Bürgerliche kritisieren «linke Schulbücher»

Begonnen hat der Lehrmitteldisput im Kanton Zürich. Dort haben Vertreter bürgerlicher Parteien im Kantonsparlament zahlreiche Vorstösse eingereicht, in denen sie mehrere Lehrmittel kritisieren. Eines der Bücher heisst «Gesellschaften im Wandel» und wird vom Zürcher Lehrmittelverlag herausgegeben. Es vermittelt Geschichte und politische Bildung und wurde für den Lehrplan 21 konzipiert. Sein Einsatz im Unterricht ist fakultativ.

Mit dem Lehrmittel werde indirekt zum Klassenkampf aufgerufen, kritisiert etwa die Zürcher SVP. So werde die «fehlbare» Gewerkschaft Unia als Kämpferin für das arbeitende Volk dargestellt. «Weiter werden freie Märkte zum alleinigen Nutzen der Reichen hochstilisiert.» Der Zürcher Lehrmittelverlag wehrt sich jedoch gegen diese Vorwürfe. Es sei schlicht nicht wahr, dass die Sicht der Arbeitgeber fehle, sagt Verlagsleiter Beat Schaller gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Als Ganzes sei das Buch absolut ausgewogen. Es lägen Bestellungen aus 23 Kantonen und dem Fürstentum Liechtenstein vor.

Inzwischen ist der Disput in andere Kantone übergeschwappt. Die FDP fordert im Aargau und im Kanton St. Gallen eine Überprüfung der umstrittenen Lehrmittel. Die St. Galler Freisinnigen wollen von der Regierung unter anderem wissen, wie die Schülerinnen und Schüler vor «politischer Instrumentalisierung durch Lehrmittel» geschützt werden. (mge)

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