Vom Rosenberg an die Copacabana: Der spesenfreudige Rechtsprofessor Sester erfindet sich nach dem HSG-Rücktritt neu

Wegen seiner Spesenbezüge musste HSG-Rechtsprofessor Peter Sester zurücktreten – nun hat er sich in Brasilien selbstständig gemacht.

Michael Genova
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Bis Anfang August 2019 soll der zurzeit verwaiste Lehrstuhl für Internationales Wirtschaftsrecht und Law & Economics an der Universität St.Gallen wieder besetzt sein.

Bis Anfang August 2019 soll der zurzeit verwaiste Lehrstuhl für Internationales Wirtschaftsrecht und Law & Economics an der Universität St.Gallen wieder besetzt sein.

(Bild: Ralph Ribi)

Noch bis Ende Januar erhält Peter Sester von der Universität St.Gallen sein Professorengehalt. Danach muss er auf eigenen Beinen stehen. Im Mai 2019 gab Sester freiwillig seinen Rücktritt bekannt. Der deutsche Rechtsprofessor und Brasilienexperte fügte sich dem Unvermeidlichen. Die Uni hatte Monate zuvor eine Strafanzeige gegen ihn eingereicht und ihn von sämtlichen Aufgaben entbunden. Der Grund: Sester hatte sich über einen Zeitraum von vier Jahren unzulässig Spesengelder in sechsstelliger Höhe auszahlen lassen.

Seither ist sein Lehrstuhl an der Universität St.Gallen verwaist. Die Professur für Internationales Wirtschaftsrecht und Law & Economics wurde mit Hilfe der Lemann-Stiftung eingerichtet. Sie hat wie Sester einen starken Brasilienbezug und finanziert die Forschungsstelle auf Jahre hinaus mit jährlich 400'000 Franken. Das Berufungsverfahren für den Lehrstuhl ist zurzeit im Gange. Die Stelle werde voraussichtlich auf den 1. August 2020 besetzt, wie HSG-Mediensprecher Jürg Roggenbauch auf Anfrage mitteilt.

Kanzlei in der Nähe des Gouverneurspalasts

Und was macht Peter Sester? Er hat seinen Lebensmittelpunkt in der Zwischenzeit nach Brasilien verschoben und sich in Rio De Janeiro als Anwalt selbstständig gemacht. Seine Kanzlei befindet sich im Laranjeiras-Quartier, in dem auch der Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro residiert. «Heute ist Professor Sester hauptsächlich als Schiedsrichter, Berater und Experte in nationalen und internationalen Schiedsverfahren tätig», schreibt Sester auf seiner Website. Zudem bietet er seine Leistungen als Rechtsgutachter und als Mediator bei Wirtschafts- und Handelsstreitigkeiten an.

Gleichzeitig arbeitet Peter Sester an seinem akademischen Comeback. Seit Anfang Jahr lehrt er laut eigenen Angaben als Gastprofessor an der Universität Fundação Getúlio Vargas (FGV) in Rio de Janeiro internationale Schiedsgerichtsbarkeit. Die private Universität, die auch eine renommierte Denkfabrik betreibt, gilt als Kaderschmiede der brasilianischen Elite. Die FGV bietet mit der Universität St.Gallen einen gemeinsamen Masterabschluss in Internationalem Management sowie in Banking und Finance an.

Bereits seit 2019 ist Sester zudem ständiger Gastprofessor an der Universidade Nova de Lisboa – einer öffentlichen Universität mit Sitz in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. Dort lehrt er die Fächer «Investitionsschiedsverfahren» sowie «Fusionen und Übernahmen», wie ein Blick in das aktuelle Vorlesungsverzeichnis zeigt.

Während sich Peter Sester in Brasilien eine neue berufliche Existenz aufbaut, ist in der Schweiz das Strafverfahren gegen ihn bei der St.Galler Staatsanwaltschaft weiterhin hängig. Es ist unklar, bis wann mit ersten Untersuchungsergebnissen zu rechnen ist. Mögliche Rückzahlungsforderungen könnten im Rahmen dieses Verfahrens geltend gemacht werden. Es geht um unzulässig bezogene Spesengelder in einer Höhe von mutmasslich 100'000 bis 120'000 Franken.

Auf Wikipedia tobt ein Bearbeitungskrieg

Ebenfalls hängig ist ein Streit über die Deutungshoheit, der in der Online-Enzyklopädie Wikipedia tobt. Im Wikipedia-Eintrag über Peter Sester ist zurzeit nichts über seine Rolle in der Spesenaffäre der HSG zu finden. Das erstaunt und war nicht immer so. Kurz nach Bekanntwerden der Strafanzeige gegen Sester wurde im Januar 2019 sein Wikipedia-Eintrag um diese Entwicklung erweitert. «Weil er ungerechtfertigt Spesen bezogen haben soll, wurde Sester im Januar 2019 mit sofortiger Wirkung von sämtlichen Aufgaben entbunden», schrieb Wikipedia-Autor «Hufeisen69» und verlinkte einen «Tagblatt»-Artikel. Die Änderung wurde jedoch von einem anderen Autor schnell wieder rückgängig gemacht. Worauf sich ein «Edit War» entfachte – ein Bearbeitungskrieg. So nennen eingefleischte Wikipedianer eine Auseinandersetzung, in der zwei oder mehrere Benutzer abwechselnd die Änderungen anderer Benutzer rückgängig machen.

Vor kurzem fand dieser Krieg der besonderen Art ein vorläufiges Ende. Ein altgedienter Administrator machte alle Hinweise auf die HSG-Spesenaffäre erneut rückgängig und schrieb: «Wikipedia ist keine Plattform zur Verbreitung von Nachrichten; wir berichten nicht über Anzeigen oder Ermittlungsverfahren.» Kurz darauf stellte der Administrator zum Bedauern vieler Mitstreiter seine Tätigkeit «bis auf Weiteres ein». Seither prangt auf seiner Wikipedia-Profilseite ein schlafender Mond.