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Professor beschenkt Flüchtlinge: In Rorschach entsteht ein zweites Solihaus

Der verstorbene Historiker und Theologe Max Schär hat sein Wohnhaus mit Nebengebäude und Wiese im Zentrum Rorschachs dem St.Galler Verein Solidaritätshaus vermacht – zur Nutzung für Flüchtlinge.
Marcel Elsener
«Den Menschen etwas geben»: Wohn- und Nebenhaus des Historikers und Theologen Max Schär (1943–2018). (Bilder: Hanspeter Schiess, Ralph Ribi)

«Den Menschen etwas geben»: Wohn- und Nebenhaus des Historikers und Theologen Max Schär (1943–2018). (Bilder: Hanspeter Schiess, Ralph Ribi)

Max Schär, am 15. Juni vergangenen Jahres 76-jährig verstorben, war ein kleiner Mann mit grosser Wirkung. Der überregional bekannte Rorschacher Historiker, Theologe, Germanist und Philosoph wirkte nicht nur als Lehrer am Seminar Rorschach und an der Kanti Wil. Man kannte ihn auch als Prediger, Seelsorger, SP-Politiker und Gemeinderat, mit Markenzeichen hellwach fragender Blick, verschmitztes Lächeln und Rucksack.

Schär war ein «Universaltyp», wie er selber einmal meinte. Und ein Solitär, der keinerlei Familie hatte, aber eine langjährige Haushälterin (Ottilia) und einen vielfältigen Freundeskreis. Als Buchautor liess er 2012 mit einer eigenwilligen Gallus-Biografie aufhorchen, die den St.Galler Heiligen akribisch begründet aus dem Elsass (und nicht aus Irland) stammend verortete. In seiner selbstverfassten Todesanzeige zeigte er sich dankbar für ein «gutes, spannungs- und erfahrungsreiches, liebevolles, sinnerfülltes Leben».

Gut erhalten und hypothekenfrei

Nun macht Max Schär mit seinem Vermächtnis noch einmal von sich reden: Er hat sein Wohnhaus mitsamt Grundstück testamentarisch dem Verein Solidaritätshaus (Solihaus) St.Gallen vermacht, wie es im soeben publizierten Jahresbericht 2018 des Vereins heisst. Nebst dem dreigeschossigen Wohnhaus umfasst die Schenkung ein kleineres, zweistöckiges Haus mit «Laubsägelifassade» (auch Pavillon oder Waschhaus genannt) sowie eine grössere Wiese. «Die Bestimmungen zur Nutzung der Liegenschaft entsprechen den Vereinszielen des Solihauses», heisst es. Sprich: Das Haus soll Flüchtlingen zur Verfügung stehen.

Die Erbschaft sei eine schöne Anerkennung der Arbeit des Vereins, freut sich der Solihaus-Vorstand, «aber auch eine grosse neue Herausforderung».

«Wir sind gespannt, was daraus werden wird.»

Der Verein hat die Schenkung angenommen, doch rechtlich ist sie noch nicht vollzogen worden.

Nebst dem St.Galler Flüchtlingshilfsverein hat Schär in seinem Testament grosszügig auch verschiedene Freunde berücksichtigt. Unklar ist insbesondere der Fortbestand der beeindruckenden Hausbibliothek: Nach Abklärungen, ob eine theologische Fakultät oder andere öffentliche Institutionen Interesse an einem Teil der Sammlung haben, wird der Bücherbestand Schärs möglicherweise der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Ursula Surber. (Archivbild: Fabienne Engbers)

Ursula Surber. (Archivbild: Fabienne Engbers)

«Sicher ist nur die festgehaltene Zweckbestimmung, nämlich dass das Haus für Flüchtlinge genutzt wird», sagt die ehemalige Solihaus-Präsidentin Ursula Surber, die von Schär bereits vor Jahren kontaktiert worden war. In dem gut erhaltenen, hypothekenfreien, mit Erdwärme-Sonde geheizten Haus haben zwei bis drei Familien Platz, im Nebenhaus könnten allenfalls Alleinstehende wohnen. Die Wiese könnte laut dem Willen Schärs als öffentlicher Begegnungsplatz dienen. Vor der künftigen Nutzung müssen die Gebäude ausgeräumt und teilweise sanft renoviert werden.

Das zweite Solihaus im Kanton

Der Vorstand, dem aus der Region Rorschach neu auch der frühere Kantonsrat Felix Gemperle angehört, wird nun Ideen fürs Asylhaus an der Löwenstrasse entwickeln – es ist nach dem 2011 eröffneten, schweizweit einmaligen Solihaus in St.Gallen-St.Fiden die zweite ähnliche Einrichtung im Kanton St.Gallen. Die grosse Herausforderung für den Verein dürfte weniger personell und organisatorisch als vielmehr finanziell sein: Der Betriebsaufwand für ein zweites Haus müsste für einige Zeit gedeckt sein.

Das Vermächtnis Max Schärs entspreche seinem «Weltbild und Geist», sagt Schärs SP-Stadtparlamentskollege Max Bürkler.

«Er hat sich zeitlebens, auch mit grosszügigen Schenkungen, für Randständige und Verlierer der kapitalistischen Konsumgesellschaft eingesetzt. Und Asylsuchende sind ja wirklich am äussersten Rand.»

An einer Quartierführung liebäugelte Schär vor Jahren mit dem Gedanken, sein Grundstück der Stadt zu vermachen, «als Park». Doch offenbar traute der Sozialdemokrat der rechtsbürgerlichen Stadtregierung nicht. «Wichtig war ihm vor allem auch, dass seine Wiese nie überbaut wird», weiss Bürkler. Nun dürfte Schärs Grundstück innert der dort geplanten Überbauungen als «gallisches Dorf» erscheinen, um nicht zu sagen als «Stachel im Fleisch» einer von Stadt und Investoren fragwürdig forcierten Stadtentwicklung, wie Bürkler sagt. Pressieren tut es nur in einem Fall: Die SBB wollen auf der Wiese vorübergehend Baumaterial für den laufenden Doppelspur-Ausbau lagern.

Schärs Lebensziel sei es gewesen, «den Menschen etwas zu geben», würdigte ihn der «Kirchenbote» noch zu Lebzeiten. Er sei kein Schultheologe, sondern ein Mensch, der den christlichen Glauben lebe und deshalb als glaubwürdiges Vorbild in Erscheinung trete: «Menschen, die mit diesem Christen in Kontakt treten durften, können sich glücklich schätzen.» Das dürfte erst recht für Flüchtlingsfamilien in Rorschach gelten.

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