Der Fürstenländer Wolf wird zum Politikum – und ist möglicherweise krank

Der Wolf im Fürstenland als Vehikel für das verschärfte Jagdgesetz? Die Naturverbände reagieren empört  ­– und nehmen das Tier unter die Lupe. Der St.Galler Jagdaufseher betont derweil: Es gebe keinerlei Hinweise, dass der Wolf für Menschen gefährlich sei.  

Adrian Vögele
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Er ist auf der Politbühne gelandet und hat möglicherweise ein Gesundheitsproblem: Der Wolf am Wochenende in Zuckenriet.

Er ist auf der Politbühne gelandet und hat möglicherweise ein Gesundheitsproblem: Der Wolf am Wochenende in Zuckenriet. 

PD

Am Wolf, der durch das Fürstenland streift, scheiden sich die Geister. Und sein Fall wird zum Politikum. «Obwohl das Verhalten eines Wolfes, der mehrfach Schafe in geschützten Laufställen reisst, aussergewöhnlich und problematisch ist, lässt das gültige eidgenössische Jagdgesetz im Moment keinen Abschuss zu», schrieb das St.Galler Amt für Natur, Jagd und Fischerei am Montag. Amtsleiter Dominik Thiel ergänzte, dieser Wolf beweise, dass die Gesetzgebung der Realität hinterherhinke (Ausgabe vom Dienstag). Die Revision des Jagdgesetzes sei dringend nötig . Sie soll den Abschuss von Wölfen zur Verhinderung von Schaden erlauben, ohne dass eine bestimmte Anzahl von Rissen überschritten sein muss. Gegen die Revision haben die Naturverbände das Referendum ergriffen, am 17.Mai wird abgestimmt.

«Durch eine offene Tür kann jeder eindringen, auch ein Wolf»

Entsprechend verärgert zeigen sich WWF und Pro Natura darüber, dass der Kanton St. Gallen den Wolf im Fürstenland als Exempel im Abstimmungskampf verwendet. Die Reaktion der Jagdbehörde lasse vermuten, «dass sie solche Probleme lieber mit der Flinte lösen würde, als ihrem Kern nachzugehen», schreibt Christian Meienberger, Geschäftsführer von Pro Natura St.Gallen-Appenzell. Der Verband schätzt die Vorfälle mit gerissenen Schafen in St.Gallen und im Thurgau nicht als besonders aussergewöhnlich ein. «Der Wolf ist ein Raubtier und nimmt jede Gelegenheit wahr, zu Nahrung zu kommen.» Neben Wildtieren könne er auch Schafe und Ziegen fressen, wenn diese ungeschützt weiden oder in offen zugänglichen und unbeaufsichtigten Stallanlagen leben würden. Durch eine offene Tür oder durch ein offenes Fenster könne jeder eindringen, auch der Wolf. «Und wer sagt schon Nein, wenn einem das Essen auf dem Silbertablett serviert wird? Für ein Zusammenleben mit dem Wolf müssen wir unsere Schafe und Ziegen wirksam schützen.»

«Fehlendes Fell lässt auf die Räude schliessen»

Zwar gebe es Wölfe, die gelernt hätten, über hohe elektrische Zäune zu springen und sich dann vorwiegend von Nutztieren ernährten, schreibt Pro Natura. «Diese Wölfe sind auch aus Sicht des Naturschutzes problematisch und müssen abgeschossen werden.» Dass es sich beim Wolf im Fürstenland um ein solches «schadenstiftendes» Exemplar gemäss Gesetz handle, sei aber noch nicht bewiesen.

Etwas anders klingt es beim WWF. «Das Eindringen von Wölfen in Ställe ist je nach Stallbeschaffenheit ungewöhnlich und in jedem Fall nicht wünschenswert», sagt Grossraubtier-Experte Gabor von Bethlenfalvy. Und er äussert eine neue Vermutung: «Der Wolf ist möglicherweise krank. Das ausgedünnte, teils scheinbar sogar fehlende Fell an Bauch und Läufen und die sehr dünne Rute lassen auf die Räude schliessen.» Falls die Fachpersonen der Wildhut das bestätigen könnten, sei ein Abschuss gemäss geltendem Gesetz möglich, so Bethlenfalvy. «Die aussergewöhnlichen Vorfälle könnten im Zusammenhang mit dieser Krankheit stehen.»

Was sagt der St.Galler Amtsleiter Dominik Thiel dazu? «Es ist möglich, dass der Wolf krank ist.» Auf den Bildern aus den Fotofallen sei allerdings lediglich zu sehen, dass das Tier wenig Haare habe. Ob eine Krankheit die Ursache sei und ob ein Zusammenhang zum Verhalten bestehe, sei völlig unklar. Hinzu komme: «Der Wolf muss erheblich krank sein, damit ein Abschuss rechtlich erlaubt ist. Gerade der WWF wäre sofort zur Stelle, wenn wir diese Regel missachten würden.» Die Wildhut wird nun versuchen, das Tier zu beobachten, um Genaueres festzustellen.

Keinerlei Hinweise auf Gefahr für Menschen

WWF-Experte Bethlenfalvy sagt weiter: Falls ein «problematisches Verhalten» gemäss dem nationalen Wolfskonzept vorliege, sei ein Abschuss auch möglich, ohne dass die Schwellen bei der Anzahl gerissener Nutztiere erreicht sein müssen. Ein Blick ins Konzept zeigt: Man spricht dann von einem Abschuss nach Polizeirecht, «zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit». Das wäre allerdings das allerletzte Mittel, «falls der Wolf gegenüber Menschen gefährlich würde», wie Jagdaufseher Thiel sagt. «Wir haben derzeit überhaupt keine Hinweise, dass es soweit kommen könnte.» Ein Problem sei dieser Wolf nur in Bezug auf die Nutztiere.

Gegen Abschüsse «auf Vorrat»

Trotz Differenzen in der Beurteilung des Einzelfalls: Wenn es um das revidierte Jagdgesetz geht, sind sich WWF und Pro Natura völlig einig. Sie kritisieren, dass nach der Revision geschützte Tierarten «auf Vorrat» geschossen werden dürften, ohne dass zuvor Schäden eingetreten oder Schutzmassnahmen getroffen worden wären. «Je nach Gutdünken der Jagdverwalter könnten sogar ganze Wolfsfamilien abgeschossen werden», schreibt Christian Meienberger. Was den Wolf im Fürstenland betrifft: Bis zur Abstimmung am 17. Mai ist er wohl schon längst weitergewandert.

Grenzübergreifendes Wolfalarm-SMS gefordert

Der Thurgauer CVP-Kantonsrat Franz Eugster ist Lehrer, in seiner Freizeit hält er Schafe. In den vergangenen Wochen erhielt Eugster ein SMS, wenn der Wolf im Thurgau Schafe riss. Absender ist jeweils das Thurgauer Landwirtschaftsamt. Diese Information lobt Eugster in einer Einfachen Anfrage, die er gestern im Rat eingereicht hat. Allerdings würden Grossraubtiere wie der Wolf in kurzer Zeit grosse Strecken zurücklegen – auch über Kantonsgrenzen hinweg. Über die Vorkommnisse in Rossrüti und Zuckenriet im Kanton St.Gallen bekamen die Thurgauer Schafhalter keine Information. Eugster fragt deshalb, ob das Thurgauer Amt bereit sei, in Zukunft nach Rücksprache mit den Nachbarkantonen kantonsübergreifend zu informieren. Weiter erkundigt sich Eugster, welche Möglichkeit das Landwirtschaftsamt sehe, um Halter zu informieren, die kein Mobiltelefon und Internet haben. (seb.)

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