Pro & Contra
Pro und Contra zur Guggenmusik: Kreatives Gemeinschaftsgefühl oder lästige Zwangsbeschallung?

Für die einen sind die Auftritte von Guggenmusiken das Highlight der Fasnacht, für andere Grund genug, während der närrischen Zeit in die Ferien zu fahren. Auch auf der «Tagblatt»-Redaktion scheiden sich die Geister.

Eva Wenaweser und Luca Ghiselli
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Pro: Als Mitglied in einer Guggenmusik ist man nie alleine

«Tagblatt»-Volontärin Eva Wenaweser ist nicht nur Guggenfan, sie spielt auch selbst in einer Formation.

«Tagblatt»-Volontärin Eva Wenaweser ist nicht nur Guggenfan, sie spielt auch selbst in einer Formation.

Bild: Andrea Stalder

Guggenmitglieder werden ständig mit Klischees konfrontiert: Schiefe Töne, dauernder Alkoholkonsum, ekstatisches Feiern. Was soll ich sagen, ja wir trinken Alkohol in der Guggenmusik – aber das tun andere an der Fasnacht oder anderen Anlässen im Jahr auch.

In der Guggenmusik ist man als Verein unterwegs und es gibt eine gewisse soziale Kontrolle. Die Mitglieder sind mit einer Neumitgliederaufnahme ab 18 Jahren eigentlich alt genug, um diese Entscheidung selber treffen zu können. Wenn man aber merkt, dass jemand zu tief ins Glas geschaut hat, dann probiert man ihn auszubremsen und schaut auf ihn. Zudem ist es vielen entgangen, dass in vielen Teiler der Ostschweiz und Liechtenstein durchaus auch gehobene Musik im Vordergrund steht – obwohl Musik natürlich auch dann immer noch Geschmackssache ist.

Diese Verpflichtung gegenüber dem Verein und oft auch sich selber, wirkt einem hemmungslosen Betrinken entgegen. Man macht sich in manchen Guggen nämlich durchaus unbeliebt, wenn man zu betrunken zum Spielen ist. Angenommen man geht beispielsweise an die OLMA, da hat man diese Verpflichtungen nicht und der ein oder andere lässt sich somit auch bedenkenlos gehen. Aber in einer Guggenmusik wird man dafür gleich an den Pranger gestellt.

Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass man nicht alleine ist. Genau das ist als Mitglied in einer Guggenmusik der Fall – es ist wie in einer Familie. Man steht sich in guten und in schlechten Zeiten bei und jeder kann so sein wie er ist. Diese Vereinszugehörigkeit begleitet einen das ganze Jahr hindurch. Nicht nur während der fünften Jahreszeit, sondern auch den Rest des Jahres hat man neben den Proben und Auftritten gemeinsame Veranstaltungen auf dem Plan. Bei Problemen jeder Art kann man sich an alle Mitglieder aus dem Verein wenden und erhält daraufhin Unterstützung.

Ungeachtet der vielen verschiedenen Charaktere, Altersgruppen und verschiedenen Ansichten der Mitglieder, herrscht in den meisten Vereinen ein sehr starker Zusammenhalt, weil man durch die gleiche Leidenschaft verbunden ist. Man fühlt sich immer irgendwo aufgehoben und bei Belästigungen jeglicher Art während der Fasnacht, ist da jemand, der einem zur Seite steht.

Auch für die Kreativen ist die Mitgliedschaft bei einer Guggenmusik ein Gewinn: Vielerorts gibt es jedes Jahr ein neues Motto, zu dem dann auch ein Kleid geschneidert werden muss. Wenn man sich dieser Aufgabe annehmen möchte, kann man auf diese Weise sehr gut die eigene Kreativität ausleben.

Während man – in der näheren und weiteren Umgebung – unterwegs ist, lernt man zudem auch verschiedene Bräuche und viele neue Leute kennen. Aus diesen Bekanntschaften entstehen in manchen Fällen Freundschaften, die auch abseits der Fasnacht bestehen bleiben – denn Guggenmusik verbindet.

Contra: Die Fasnacht als Freipass für schlechte Musik

Online-Redaktor Luca Ghiselli kann den Guggen nicht viel abgewinnen – und sich ihnen trotzdem kaum entziehen.

Online-Redaktor Luca Ghiselli kann den Guggen nicht viel abgewinnen – und sich ihnen trotzdem kaum entziehen.

Bild: Hanspeter Schiess

Chacun à son goût ist kein schlechter Leitsatz, wenn es um Musik geht. Niemand wird im Normalfall zu einem Konzertbesuch genötigt.

Sie mögen keinen Jazz? Was soll’s, es wird sie niemand eine Woche lang im öffentlichen Raum gegen Ihren Willen beschallen. Sie haben eine starke Abneigung gegenüber Hip-Hop? Niemand zwingt Sie ans Sparten-Open-Air nach Frauenfeld. Alles gut, also, oder? Nicht ganz. Denn die Regel hat – wie fast jede Regel – eine Ausnahme. Und die heisst Fasnacht.

Zwischen Schmutzigem Donnerstag und Aschermittwoch werden nämlich ausnahmslos alle mit Musik beschallt, die sie sich nicht ausgesucht haben. Nicht etwa an einem mehrtägigen Metal-Festival in der Innenstadt – man stelle sich das nur einmal vor – sondern mit meist dissonanten Persiflagen auf Pop-Songs der letzten 20 Jahre. Tausend Dank für die x-te Neuauflage von «Shape Of You», das im Original einen Sommer lang ganz witzig war, aber im Cover von einem Amateur-Orchester vorgetragen – nun ja – nicht gerade besser klingt. «Atemlos» haben wir auch schon lange nicht mehr gehört. Wie wär’s mit einer schiefen Version von «Purple Rain»? Frühmorgens natürlich.

Und nicht etwa nur in den einschlägig bekannten Mehrzweckhallen, wo man getrost davon ausgehen darf, dass zumindest eine Mehrheit, die sich dort aufhält, das auch wirklich hören will. Sondern am Bahnhof, am Marktplatz, in den Altstadt-Gassen und zum Teil sogar in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Fasnacht im Allgemeinen und die Guggen im Speziellen vereinnahmen den öffentlichen Raum wie kein anderer Anlass. Plötzlich ist es ok, Katzenmusik in ohrenbetäubender Lautstärke von sich zu geben, sich frühmorgens zu besaufen und der totalen Eskalation hinzugeben. Aber nur, weil’s eine lange Tradition hat. Während sechs Tagen erhält alles, was die ordnungsbewussten Bürgerinnen und Bürger sonst verabscheuen, einen Freipass. Mit ein bisschen Zynismus könnte man festhalten: Der Artenschutz ist bei diesem Guggensterben nur logisch.

Vorerst aber bleibt es dabei: Sobald Agugge ist, sind Sauf-Exzesse, schlechte Musik und Witze jenseits der Grenze des guten Geschmacks schlagartig gesellschaftlich legitimiert. Nur um dann am Aschermittwoch brav wieder einzuspuren und sich den Rest des Jahres wieder über «die Jugend von heute» aufzuregen, die es da und dort sogar nach 22 Uhr noch wagt, sich im öffentlichen Raum zu unterhalten. Wie wär’s denn, wenn wir uns allen das ganze Jahr über mehr Freiraum zugestehen – und das womöglich noch mit guter Musik garnieren? Nur so als Idee.